ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2019Metakognitive Therapie: Brückenschlag zwischen systemischer und Verhaltenstherapie

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Metakognitive Therapie: Brückenschlag zwischen systemischer und Verhaltenstherapie

PP 18, Ausgabe August 2019, Seite 377

Keysselitz, Ralf

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Michael Simons legt ein erstes Buch zum metakognitiven Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen vor. Kernidee des Ansatzes ist dabei, dass weniger die direkten, bewussten Gedanken störungsaufrechterhaltend wirken, sondern vielmehr die Bewertung dieser. Während die klassische kognitive Verhaltenstherapie bei einem Zwangspatienten zum Beispiel direkt den Ekel/Angst auslösenden Gedanken hinterfragen würde, setzt der metakognitive Ansatz bei der Bewertung dieser Gedanken an. Er regt zum Nachdenken an, warum ein Zwangspatient zum Beispiel einem Verunreinigungsgedanken mehr Wahrheitsgehalt und Bedeutung beimisst, als den meisten anderen an einem Tag gedachten Gedanken. Der Ansatz sieht die Denkprozesse als Problem, nicht den Gedanken an sich, da Gedanken kommen und gehen und nicht im eigentlichen Sinne kontrollierbar sind.

Nach einer einleitenden theoretischen Erörterung des Ansatzes, beschreibt Simons zuerst die Besonderheiten der metakognitiven Befunderhebung und des Behandlungskonzeptes, bevor er auf die konkrete Anwendung bei verschiedenen Störungsbildern eingeht. Insbesondere berichtet er über Interventionen bei Angststörungen, Depressionen und emotionaler Instabilität, posttraumatischen Belastungsstörungen, Zwangsstörungen und somatoformen Störungen. Erfreulich ist dabei besonders, dass Simons auch Ideen zur Behandlung von Störungen, wie zum Beispiel der Emetophobie, Blasen- und Darmkontrollangst sowie der Blut- und Spritzenphobie vorstellt, zu denen es bis jetzt im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie wenig Veröffentlichungen gibt.

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Die störungsspezifischen Kapitel sind sehr praxisnah gehalten. Erst werden die Störungen dargestellt, dann Unterschiede und Gemeinsamkeiten zur kognitiven Verhaltenstherapie, bevor der Autor praktisch zum „Denken über das Denken“ anleitet. Viele Fallbeispiele, Gesprächsabschriften, Beispiele für Metaphern, Fragen und Interventionen lassen den Ansatz greifbar werden, sodass man sich beim Lesen oft darauf freut, die Ideen in der eigenen Praxis umzusetzen. Eine weitere Bereicherung sind die systemischen Behandlungsaspekte einer jeden Störung, wobei der Autor dies mit familientherapeutischen Aspekten gleichsetzt. Anschlussfähig in der Bezugspersonenarbeit ist hierbei besonders die Differenzierung zwischen beschützendem (und damit oft störungsaufrechterhaltendem) und unterstützendem Erziehungsverhalten.

Ob der Ansatz der metakognitiven Therapie wirklich neu ist, liegt sicherlich im Auge des Betrachters. Offensichtlich ist die Nähe zur kognitiven Verhaltenstherapie mit dem Fokus Einfluss auf Denkprozesse zu legen. Viele Aspekte der Theorie und der Interventionen zeigen zudem eine starke Verbindung zu systemischem Denken. Systemiker postulieren seit den 80er-Jahren, dass Kommunikation über Kommunikation mehr Sinn macht und zu mehr Veränderung führt als der Versuch, Kommunikation direkt zu verändern. Hochkomplexe Systeme sind nicht linear und damit vorhersagbar beeinflussbar. In der systemischen Therapie vollzog sich dieser Paradigmenwechsel mit dem Übergang von Ansätzen der Kybernetik I. Ordnung (z. B. strategische Ansätze) zur Kybernetik II. Ordnung (Mailänder Team, Reflecting Team). Simons übernimmt diesen Ansatz, wenn er vom Übergang vom Objektmodus zum metakognitiven Modus spricht.

Dieses praxisnahe Buch wirkt wie ein Brückenschlag zwischen systemischer und Verhaltenstherapie. Während die Verhaltenstherapie das strukturelle Vorgehen mit Störungsmodell, Psychoedukation sowie Ab- und Aufbau von Verhaltens- und Denkweisen beisteuert, kommen aus der systemischen Therapie viele Techniken und der theoretische Grundgedanke. Ralf Keysselitz

Michael Simons: Metakognitive Therapie mit Kindern und Jugendlichen. Beltz Verlag, Weinheim 2018, 295 Seiten, mit E-Book inside und Arbeits- material, gebunden, 42,95 Euro

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