ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2019Gottfried Keller (1819–1890): Anthropologe des bürgerlichen Realismus

KULTUR

Gottfried Keller (1819–1890): Anthropologe des bürgerlichen Realismus

PP 18, Ausgabe August 2019, Seite 379

Krämer, Sandra

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Er kam über die Malerei zur Dichtkunst, studierte die menschliche Anatomie und Psyche und wurde einer der bedeutendsten literarischen Vertreter des Realismus. Am 19. Juli jährt sich Gottfried Kellers Geburtstag zum zweihundertsten Mal.

Gottfried Keller verarbeitet entscheidende Momente und Begegnungen in seinem Roman „Der Grüne Heinrich“; rechts die Schreibunterlage, die er während der Arbeit benutzte. Foto: picture-alliance dpa; picture-alliance akg-images
Gottfried Keller verarbeitet entscheidende Momente und Begegnungen in seinem Roman „Der Grüne Heinrich“; rechts die Schreibunterlage, die er während der Arbeit benutzte. Foto: picture-alliance dpa; picture-alliance akg-images

Während er hier seine Bestrebung im Komponieren großer Phantasielandschaften von neuem aufzunehmen glaubte, geriet er hinter seinen Staffeleien unversehens auf ein eifriges Reimen und Dichten, sodass ziemlich rasch eine nicht eben bescheidene Menge von lyrischen Skripturen vorhanden war.“ (1) Zu jenem Zeitpunkt der Entdeckung seines eigentlichen Metiers, der Dichtung, ist Gottfried Keller – der als Schweizer Nationaldichter in die Literaturgeschichte eingehen wird – 23 Jahre alt, gescheitert als Landschaftsmaler, völlig mittellos und wieder in sein Elternhaus nach Zürich zurückgekehrt.

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Hinter ihm liegt eine durch den Tod des Vaters und von familiären Nöten geprägte Kindheit, eine vorzeitig abgebrochene Schullaufbahn infolge eines ungerechtfertigten Verweises, eine Lehre als Lithograf. Seine Erbschaft hat er verprasst, um durch den Unterricht bei dem Vedutenzeichner und Aquarellisten Rudolf Meyer (1803–1857) und einem Studium an der Kunstakademie München, „sein(en) sehnlichste(n) Wunsch“ (2) zu verwirklichen. Vor ihm liegt sein politisches Engagement in den Kreisen schweizerischer Nationalliberaler, die Begegnung mit intellektuellen Exildeutschen, unter deren Einfluss er mit dem Publizieren politischer und später auch von Natur- und Liebeslyrik beginnt; ein Aufenthalt in Heidelberg und Berlin als Stipendiat der Zürcher Regierung, wo seine ersten Romanentwürfe und Novel-lenzyklen entstehen, bevor er 1855 nach Zürich zurückkehrt, um sich dort nach mehrjähriger Tätigkeit als Staatsschreiber ausschließlich der Schriftstellerei zu widmen.

Entscheidende Momente und Begegnungen in Kellers Leben liefern den Stoff für weite Partien seines wohl bekanntesten Werkes, jener „erste schriftstellerische Vorsatz“, den Keller „mit Bewusstsein“ fasst, als er „ungefähr dreiundzwanzig Jahre alt“ (3) ist: „Der Grüne Heinrich“. Was als „trauriger kleiner Roman (…) über den tragischen Abbruch einer jungen Künstlerlaufbahn“ (4) angedacht ist, entwickelt sich im Laufe seiner Niederschrift (1850–1855) zu einem vierbändigen Werk, das dreißig Jahre später, noch einmal vollständig überarbeitet, in einer neuen eigenständigen Fassung erscheint. In der Manier des Bildungsromans erzählt Keller von den Lehr- und Wanderjahren Heinrich Lees. An deren Ende muss dieser erkennen, dass er sein Lebensziel, Landschaftsmaler zu werden, nicht hatte verwirklichen können, da dieses „nicht mehr als (...) eine durch zufällige Umstände bedingte Ideenverbindung gewesen sei (...) ohne auf einem festeren Grunde zu stehen“ (5). Nach Erkennen seiner Verfehlung folgt der Titelheld im ursprünglichen „zypressendunklen Schluss“ (6) von Schuldgefühlen geplagt der verstorbenen Mutter, die ihm zuliebe ein entbehrungsreiches Dasein fristete, in den Tod. In der 1879 publizierten Zweitfassung gelingt Heinrich Lee die Eingliederung in die Gesellschaft.

Symbol der Lebenswende: Im Roman „Der Grüne Heinrich“ scheitert der Protagonist am Versuch, den Borghesischen Fechter zu modellieren. Foto: picture-alliance/akg-images
Symbol der Lebenswende: Im Roman „Der Grüne Heinrich“ scheitert der Protagonist am Versuch, den Borghesischen Fechter zu modellieren. Foto: picture-alliance/akg-images

Das eigene Scheitern anhand eines fiktiven Antihelden, „vom Lichte der Selbsterkenntnis und der Vernunft beleuchtet“ (7), kritisch zu reflektieren, ihm gleichzeitig in der literarischen Gestaltung überindividuelle Bedeutung zu verleihen, macht die schriftstellerische Produktivität und Modernität Kellers aus. Mit seinem Protagonisten zeichnet er einen Charakter, der schon frühzeitig den Hang entwickelt, „an die Vorkommnisse des Lebens erfundene Schicksale und verwickelte Geschichten (...), deren Mittelpunkt er selbst war (...), anzuknüpfen“, die sich immer mehr „mit dem wirklichen Leben“ verflechten, so „dass er sie kaum von demselben unterscheiden“ (8) kann.

Rückzug in die Fantasie

Diese Tendenz, sich in Fantasiewelten zurückzuziehen, verstärkt sich infolge kindlicher Traumata, wie dem Verlust des Vaters, dem Schulverweis und dem verfrühten Übergang ins Berufsleben. Die in Form eines essayistischen Rückblickes in die Gesamthandlung eingefügte Jugendgeschichte bietet Keller die Möglichkeit, in prä-Freudʼscher Manier die fundamentale Bedeutung der Kindheit für die Gesamtentwicklung des Menschen zu analysieren, welche „ein Vorspiel des ganzen Lebens ist“ (9).

Die Wende in Kellers Leben – Abkehr von der „erwählten Landschaft“ (10) und Hinwendung zur „Darstellung des Menschen“ (11) – vollzieht sich in „Der Grüne Heinrich“ modellhaft an der Gipsfigur des Borghesischen Fechters im Atelier seines Protagonisten Heinrich. Bei dem Versuch des Malerlehrlings, „die Glieder“ und „das schönste Spiel der Muskeln“ zu zeichnen, wird diesem bewusst, dass er „noch nie einen ernstlichen Versuch zur kundigen Nachahmung der menschlichen Gestalt gemacht“ (12) hat. Gleichzeitig muss er sich eingestehen, dass er „nicht die mindeste Kenntnis von dem besaß, was unter der Haut wirkte“ (13). Der Grund hierfür liegt in seiner bisherigen Fokussierung auf das „eine Fach“ bei gleichzeitiger „Anmaßung (…), dass alle andere Kenntnis entbehrlich“ (14) sei.

Die im Zuge seiner Zeichenstudien gewonnene Einsicht, dass die Wiedergabe des Menschen und der Natur insgesamt ein wissenschaftliches Verständnis derselben voraussetzt, führt ihn hinaus aus dem Atelier und hinein in die medizinische Fakultät der Universität. Fortan bestimmen anatomische Atlanten, öffentliche Sammlungen und „Säle, wo ein blühendes Geschlecht von Jünglichen, geleitet von gewandten Männern, mit vergnügtem Eifer einen Vorrat von Leichen zerlegte“ seinen Tag. Die an der antiken Statue des kämpferischen Kriegers gemachte Erfahrung eines emphatischen Zusammenhangs von Kunstwerk und Lebensentwurf animiert ihn darüber hinaus, „Vorträge über Anthropologie (…), von einem vortrefflichen Lehrer gehalten“ (15), zu besuchen.

„Fast zufällig besuchte ich einmal Henles Vorlesung über Anthropologie; (...) ich (...) gewann zum erstenmal ein deutliches Bild des physischen Menschen, von der Höhe des jetzigen wissenschaftlichen Standpunktes.“ (16) Zur Aneignung naturwissenschaftlichen Wissens für seine künstlerische Arbeit belegt Keller neben den Vorlesungen Jacob Henles, der 1844 von der Universität Zürich, wo er eine Professur für Physiologie und Anatomie inne hatte, nach Heidelberg berufen worden war, auch ein „Kolleg über Spinoza“ bei Hermann Hettner, Privatdozent für Ästhetik und Kunstgeschichte.

Natur und Mensch „packen“

Er kommt in Kontakt mit dem Physiologen und bedeutendsten Vertreter des wissenschaftlichen Materialismus Jacob Moleschott, aus dessen Antrittsvorlesung zur Erforschung der Natur des Menschen an der Züricher Hochschule im Jahr 1856 er später in seinem Novellenzyklus „Das Sinngesicht“ referiert. Außerdem besucht er Veranstaltungen zur Ästhetik, Literatur- und Kunstgeschichte, und gewinnt für seine „poetische Tätigkeit (...) neue Aussichten und Grundlagen“, da er anfängt, „Natur und Mensch so recht zu packen und zu fühlen“ (17).

Am stärksten wird Keller jedoch beeinflusst durch die Philosophie des Atheisten Ludwig Feuerbach. Dieser definiert den Menschen als psychophysische Einheit, betrachtet das Leben in seiner Vergänglichkeit und Einmaligkeit, und verortet den Menschen konsequent im Diesseits. Letzteres ist von entscheidender Bedeutung für eine Anthropologie, die den Menschen nicht mehr im Hinblick auf ein Jenseits entwirft, und daher an seine Selbstverantwortung appelliert, der sich Keller stellt: „Die Welt ist mir unendlich schöner und tiefer geworden, das Leben ist wertvoller und intensiver, der Tod ernster und bedenklicher und fordert mich nun erst mit aller Macht auf, meine Aufgabe zu erfüllen und mein Bewusstsein zu reinigen und zu befriedigen, da ich keine Aussicht habe, das Versäumte in irgend einem Winkel der Welt nachzuholen.“ (18) Sandra Krämer, M.A.

Sandra.Kraemer@studium.uni-hamburg.de

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0819

1.
Keller G: Autobiografie für die Chronik der Kirchengemeinde Neumünster (1889). In: Böning Th / Kaiser G / Müller D u. a. (Hg.): Gottfried Keller. Sämtliche Werke in 7 Bänden. Frankfurt a. M. 1985 – 1996 (im Folgenden SW). Bd. 7: Aufsätze, Dramen, Tagebücher; 360.
2.
Keller G: Biografische Skizze. In: Ebd.; 375.
3.
Keller G: Autobiografisches 1876/77. In: Ebd.; 307.
4.
Ebd.
5.
Keller G: Der Grüne Heinrich. Erste Fassung. In: SW, Bd. 2; 664.
6.
Keller G: Autobiografisches 1876/77. In: SW, Bd. 7; 307.
7.
Brief Gottfried Keller an Eduard Vieweg vom 28. April 1853. In: Helbling C (Hg.): Gottfried Keller. Gesammelte Briefe in vier Bänden (im Folgenden GB). Bern 1950 – 1954. Bd. 2; 938.
8.
Keller G: Der Grüne Heinrich. Erste Fassung. In: SW, Bd. 2; 122.
9.
Ebd.; 205.
10.
Keller G: Der Grüne Heinrich. Erste Fassung. In: SW, Bd. 2; 664.
11.
Keller G: Der Grüne Heinrich. Zweite Fassung. In: SW, Bd. 3; 620.
12.
Keller G: Der Grüne Heinrich. Erste Fassung. In: SW, Bd. 2; 662.
13.
Ebd.; 663.
14.
Ebd.
15.
Keller G: Der Grüne Heinrich. Zweite Fassung. In: SW, Bd. 3; 622.
16.
Brief Gottfried Keller an Eduard Dößekel vom 8. Februar 1849. In: GB, Bd. 2; 457.
17.
Ebd.
18.
Brief Gottfried Keller an Wilhelm Baumgartner vom 27. März 1851. In: GB, Bd. 1; 290.
19.
Amrein U (Hg.): Gottfried Keller-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart 2015 / Kittstein U: Gottfried Keller. Stuttgart 2008 / Neumann B: Gottfried Keller. Eine Einführung in sein Werk. Königstein i. Ts. 1982 / Sautermeister G: Gottfried Keller. In: Grimm G / Max FR (Hg.): Deutsche Dichter. Leben und Werk deutschsprachiger Autoren vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Bd. 6. Stuttgart 1993, S. 87 – 125 / Selbmann R: Gottfried Keller. Romane und Erzählungen. Berlin 2001 / Trabert F: Gottfried Keller. Literatur Kompakt. Bd. 9, hrsg. von Gunter E. Grimm. Marburg 2015 / Wysling H: Gottfried Keller 1819 –1890. Zürich/München 1990.
1. Keller G: Autobiografie für die Chronik der Kirchengemeinde Neumünster (1889). In: Böning Th / Kaiser G / Müller D u. a. (Hg.): Gottfried Keller. Sämtliche Werke in 7 Bänden. Frankfurt a. M. 1985 – 1996 (im Folgenden SW). Bd. 7: Aufsätze, Dramen, Tagebücher; 360.
2. Keller G: Biografische Skizze. In: Ebd.; 375.
3. Keller G: Autobiografisches 1876/77. In: Ebd.; 307.
4. Ebd.
5. Keller G: Der Grüne Heinrich. Erste Fassung. In: SW, Bd. 2; 664.
6. Keller G: Autobiografisches 1876/77. In: SW, Bd. 7; 307.
7. Brief Gottfried Keller an Eduard Vieweg vom 28. April 1853. In: Helbling C (Hg.): Gottfried Keller. Gesammelte Briefe in vier Bänden (im Folgenden GB). Bern 1950 – 1954. Bd. 2; 938.
8. Keller G: Der Grüne Heinrich. Erste Fassung. In: SW, Bd. 2; 122.
9. Ebd.; 205.
10. Keller G: Der Grüne Heinrich. Erste Fassung. In: SW, Bd. 2; 664.
11. Keller G: Der Grüne Heinrich. Zweite Fassung. In: SW, Bd. 3; 620.
12. Keller G: Der Grüne Heinrich. Erste Fassung. In: SW, Bd. 2; 662.
13.Ebd.; 663.
14. Ebd.
15. Keller G: Der Grüne Heinrich. Zweite Fassung. In: SW, Bd. 3; 622.
16. Brief Gottfried Keller an Eduard Dößekel vom 8. Februar 1849. In: GB, Bd. 2; 457.
17. Ebd.
18. Brief Gottfried Keller an Wilhelm Baumgartner vom 27. März 1851. In: GB, Bd. 1; 290.
19.Amrein U (Hg.): Gottfried Keller-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart 2015 / Kittstein U: Gottfried Keller. Stuttgart 2008 / Neumann B: Gottfried Keller. Eine Einführung in sein Werk. Königstein i. Ts. 1982 / Sautermeister G: Gottfried Keller. In: Grimm G / Max FR (Hg.): Deutsche Dichter. Leben und Werk deutschsprachiger Autoren vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Bd. 6. Stuttgart 1993, S. 87 – 125 / Selbmann R: Gottfried Keller. Romane und Erzählungen. Berlin 2001 / Trabert F: Gottfried Keller. Literatur Kompakt. Bd. 9, hrsg. von Gunter E. Grimm. Marburg 2015 / Wysling H: Gottfried Keller 1819 –1890. Zürich/München 1990.

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