ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2019Psychotherapie der Schizophrenie: Mehrwert gegenüber Leitlinien

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Psychotherapie der Schizophrenie: Mehrwert gegenüber Leitlinien

PP 18, Ausgabe August 2019, Seite 378

Behrens, Stefan

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Das Buch von Tania Lincoln und Kollegen ist schlichtweg state of the art der wissenschaftlichen Erkenntnisse zur psychotherapeutischen Behandlung der Schizophrenie. Das Buch ist schnörkellos, verschachtelt, kompliziert zu lesen und zu verarbeiten. Wissenschaftlich ist es sehr gut aufgearbeitet und kann bedenkenlos für weitere Arbeiten in der Forschung wegweisend und stützend genutzt werden. Allerdings sollten explizit praktisch arbeitende Psychotherapeuten – und vor allem der viel zu geringe Anteil dieser, die sich dazu bereit erklären, mit psychoseerfahrenen Patienten arbeiten zu wollen – angesprochen werden. Doch das Buch trägt nicht dazu bei, Mut zu entwickeln, sich diesem wichtigen Aufgabenfeld mehr zu öffnen.

Kurz nach Erscheinen des Buches wurden auch die frei zugänglichen S3-Behandlungsleitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF) veröffentlicht, die sich, wie auch das britischstämmige National Institute for Health and Care Excellence (NICE), nur unwesentlich in den evidenzbasierten, also allen voran gruppenstatistisch-metaanalytisch bewerteten Empfehlungen unterscheiden. Inwiefern solche Analysen tatsächlich der Komplexität und Vielschichtigkeit praxis- und alltagsnaher Psychotherapie mit Menschen, die unter solch tiefgreifenden und einnehmenden psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie leiden, genügend Rechnung tragen, sollte auch nach diesen Erkenntnissen weiterhin Anlass zum kritisch-konstruktiven und integrativen Diskurs geben.

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Um in Kürze die Ergebnisse vorwegzunehmen, kamen auch die Autoren dieses Buches, Lincoln et al., zu dem Ergebnis, dass die kognitive Verhaltenstherapie hinsichtlich Symptomreduzierung die besten Ergebnisse wiederholt erbringen konnte. Auch psychoedukative Familieninterventionen mit Fertigkeitstraining stellen demnach eine wichtige Komponente gegen Rückfälle, Rehospitalisierung und Funktionsniveau dar und wirken sich ebenso positiv auf die Gesamtsymptomatik aus. Lincoln et al. zeigen jedoch darüber hinaus bedeutsame Evidenz für die therapeutische Wirksamkeit der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT), des Sozialen Kompetenztrainings, der Kognitiven Remediation, des Metakognitiven Trainings und der Systemischen Familientherapie auf, was durchaus einen Mehrwert gegenüber den anderen Leitlinien bedeutet. Stefan Behrens

Tania Lincoln, Anya Pedersen, Kurt Hahlweg, Karl Wiedl und Inga Frantz: Evidenzbasierte Leitlinie zur Psychotherapie von Schizophrenie und anderen psychotischen Störungen, Reihe: Evidenzbasierte Leitlinien Psychotherapie. Hogrefe Verlag, Göttingen 2019, 140 Seiten, kartoniert, 24,95 Euro

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