ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2019Pflegekräfte: Polit-Poker

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Pflegekräfte: Polit-Poker

Dtsch Arztebl 2019; 116(33-34): A-1453 / B-1201 / C-1185

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Laut Hans-Böckler-Stiftung (2018) betreut eine Pflegekraft in Deutschlands Krankenhäusern im Schnitt 13, in der Schweiz 7,9, in den USA 5,3 Patienten. Seit Januar dieses Jahres gelten hierzulande, verordnet durch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), in pflegesensitiven Bereichen (Intensivmedizin, Geriatrie, Kardiologie und Unfallchirurgie) Personaluntergrenzen. In der Intensivmedizin sind es beispielsweise 2,5 (ab 2021: zwei) Patienten pro Pflegekraft tagsüber, drei Patienten während der Nachtschicht als einzuhaltende Untergrenze. Die Zahlen in den anderen Bereichen weisen entsprechend höhere Patientenzahlen je Pflegekraft aus. Die vom BMG 2018 erlassene Pflegepersonaluntergrenzenverordnung legt sogar Schlüssel für den Anteil der Pflegehilfskräfte fest, der nicht überschritten werden darf.

Damit hat Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn auf die prekäre Sachlage in Deutschlands Krankenhäusern reagiert. Wie viel zählt dieser Wille?

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Die Linke hat die prospektierten Zahlen hinterfragt: Kann die in der Koalition geschaffene „Konzertierte Aktion Pflege“ das Ziel zusätzlicher zehn Prozent an Ausbildungseinrichtungen in den kommenden vier Jahren einhalten? Die Antwort des BMG weist aus, dass 2017 (letzte vorliegende Zahlen) nur 965 der insgesamt 1 942 Krankenhäuser in Deutschland überhaupt Krankenpflegefachkräfte ausgebildet haben. Wer durchrechnet, kommt angesichts der für 2017 insgesamt gezählten 80 285 Ausbildungsplätze zu dem Ergebnis, dass ein Plus von zehn Prozent leichter gesagt als getan ist. Und die vom BMG avisierten Vier-Millionen-Euro-Kampagne zur Gewinnung von Auszubildenden schafft angesichts der für 2030 avisierten 100 000 fehlenden Fachpflegekräften kaum Absicherung. „Ein Rohrkrepierer“ sei die Initiative der Bundesregierung, heißt es in diesem allseits mit Bluffs gespielten Polit-Poker.

In den Kliniken selbst regiert neben der Politik erbarmungsloser Alltag: Kritiker beklagen, die Personaluntergrenzen liefen qua restriktivem Kommerz Gefahr, als dauerhafte Obergrenze missbraucht zu werden.

Derweil hofft man auf Nachwuchs. In der Altenpflege warten Ausbilder inzwischen im Schnitt 199 Tage auf eine auszubildende Pflegefachkraft. Man kann sich, wie es im Management immer wieder formuliert wird, die Angestellten ja nicht „backen“.

Gibt es Licht am Ende des Versorgungsengpasses? 2020 will die Bundesregierung neue Zahlen vorlegen. Bis dahin balancieren die Krankenhäuser das Drama aus, mal mit mehr Überlastung für die Pflegekräfte, mal mit weniger Betten für die auf Hilfe wartenden Patienten. So schaffen die bisherigen Aktionen zur Mangelbeseitigung Raum für ein politisches Spiel, ohne beherzte Schritte in Richtung wirklicher Lösungen. Wenn den Worten kaum Taten folgen, wird sich an der Gesamtlage nicht viel ändern. Dabei könnte die Politik die Weichen so stellen, dass sich Leistung wieder lohnt und dadurch auch attraktiv wird. Dafür braucht es gute Arbeitsbedingungen, dafür braucht es strukturelle Investitionen, die nachhaltig zur Schaffung und Stabilisierung gesunder Voraussetzungen im stationären Bereich eingesetzt werden können.

Mit kurzfristig erhöhten Einsätzen und durchschaubaren Bluffs verlieren alle: Patienten, Pflegekräfte und Ärzte.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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