ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2019Von schräg unten: Böse Blicke

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Böse Blicke

Dtsch Arztebl 2019; 116(33-34): [100]

Böhmeke, Thomas

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Illustration: Ralf Brunner
Illustration: Ralf Brunner

Der Volksmund sagt: Geld verdirbt den Charakter und untergräbt die Moral. Daher wird die Schere zwischen Arm und Reich zunehmend angeprangert, es wird Gerechtigkeit gefordert, wohl auch um den Menschen, die Geld verdienen, wieder zu einem charakterlich und moralisch wertvollen Leben zu verhelfen. Ich muss dem entschieden entgegentreten und sage: Geld untergräbt keineswegs die Moral, nein, wo Menschen Geld auch nur vermuten, fühlen sie sich zur ethisch wertvollem Handeln geradezu verpflichtet.

Diese Gegenrede speist sich aus vielfältigen Beobachtungen: So wollte ich meinen maroden Computer einer Firma anvertrauen, die mit guten Kursen für Reparaturen warb. Kaum wurde dem Verkäufer gewahr, dass ich promoviert bin, verdreifachten sich die Kosten. Meine Frage nach dem Grund wurde wortlos mit einem bösen Blick quittiert.

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So hatte ich mich für ein neues Auto interessiert, das mit erheblichen Rabatten angeboten wurde. Nachdem festgestellt wurde, dass ich Arzt bin, wandelten sich besagte Rabatte in einen schönen Profit zugunsten des Autohauses um, auch hier begleitet von bösen Blicken. Genau so verdreifachte sich der Kostenvoranschlag für die Renovierung der Praxis, nachdem der Maler böse dreinschauend festgestellt hatte, dass ich Kardiologe bin.

Lange konnte ich mir auf dieses merkwürdige Verhalten keinen Reim machen, ich hatte diesen Menschen doch nichts getan, und ich bin absolut dafür, dass gutes Geld für gute Leistungen bezahlt wird. Aber warum schauen die Menschen mich nur böse an, wenn ich nach dem Grund für die Kostenexplosion frage? Nachdem ich ausführlich darüber gebrütet habe, blieb mir als einzig plausibler Schluss eine moralische Entrüstung übrig. Nachdem diesen Menschen klar geworden war, dass ich Arzt bin, ordneten sie mich in die Gruppe der bösen, verdammenswerten Reichen ein. Und da Vater Staat einfach nicht in der Lage ist, diesem schreiendem Unrecht mittels multipler Steuern Herr zu werden, fühlten sie sich moralisch verpflichtet, mir möglichst viel Geld abzunehmen, um mich zu einem besseren Leben zu geleiten. Daher auch die bösen Blicke: Wie konnte ich dieses ethisch so herausragende Handeln in Frage stellen, sie würden mir doch nur Gutes tun!

Na ja!, das ist eine wirklich schräge Begründung, absolut bescheuert, irgendwie krank, aber mir fällt nichts anderes ein ... die Haustür fällt ins Schloss, meine Frau kommt gerade nach Hause, sie ist ziemlich aufgeregt: „Das glaubst Du nicht, was ich heute für ein Telefonat mit der Krankenkasse hatte! Ich wollte den Beitragssatz reduzieren, weil ich wegen meines Praxisumzugs kaum Umsatz gemacht habe, und weißt Du, was der Typ mir geantwortet hat?! Er hätte in Erfahrung gebracht, dass Du Arzt bist, daher würdest Du mit Sicherheit viel zu viel verdienen, daher muss ich den Höchstbeitrag weiterbezahlen! Es würde ja nicht angehen, wenn ich meine Beiträge auf Kosten der Allgemeinheit reduzieren würde, wenn Du so viel verdienst! Der war richtig böse mit mir, der kam mir ständig mit der moralischen Keule, nur weil Du Arzt bist!“

Jetzt bin ich aber platt. Dass mir meine kranke Erklärung ausgerechnet von der Krankenkasse bestätigt wird, das hätte ich nie gedacht.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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