ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2019Chimärenforschung: Mehr Diskussion, weniger Hype

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Chimärenforschung: Mehr Diskussion, weniger Hype

Dtsch Arztebl 2019; 116(33-34): A-1478 / B-1222 / C-1203

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die geplanten Chimärenexperimente an Mäusen in Japan halten Ethiker für vertretbar. Offene Fragen aber bleiben. Foto: Gorodenkoff/stock.adobe.com
Die geplanten Chimärenexperimente an Mäusen in Japan halten Ethiker für vertretbar. Offene Fragen aber bleiben. Foto: Gorodenkoff/stock.adobe.com

Experimente mit dem Ziel der Züchtung von menschlichen Organen stellen die biologische Artgrenze zwischen Mensch und Tier immer mehr infrage. Medizinethiker sehen derzeit keinen Tabubruch, mahnen jedoch eine breite gesellschaftliche Diskussion an.

Sonst eher in Hinterzimmern geführte medizinethische Debatten über die Züchtung menschlicher Organe in Tieren bestimmten in den letzten Wochen die gesellschaftliche Diskussion. Anlass waren die in Japan geplante und genehmigte Forschung an Mensch-Tier-Wesen sowie Experimente dazu an nicht menschlichen Primaten in China (nachfolgender Beitrag).

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Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Prof. Dr. theol. Peter Dabrock, hält diese breite Debatte für gut und wichtig, eine aufgeregte Diskussion und Panikmache jedoch für überzogen. Viel Hype, aber auch unnötige Angst und Grusel würden so verbreitet. Dabei habe es keinen „ethischen Supergau“ gegeben, betont er im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Als Befürworter der Forschung an Tier-Mensch-Mischwesen möchte Dabrock allerdings nicht gelten. Bei den damit verbundenen ethischen Fragestellungen gebe es kein Schwarz und Weiß, stattdessen viele Grautöne, sagt er. Aufpassen müsse man, dass die Grenzen zwischen Mensch und Tier aufrechterhalten würden. Wenn menschliche Stammzellen in Hirne von Tieren einwanderten, müsse man die Forschung abbrechen, meint der Theologe. Entscheidend werde sein, ob und wie eine Ausstreuung der menschlichen Zellen in das Gehirn der Tiere beschränkt wird. Dies sei 2011 bei der Stellungnahme des Deutschen Ethikrats zu Mensch-Tier-Mischwesen als ein ethisch entscheidender Punkt bei Chimärenversuchen identifiziert worden.

Auch Prof. Dr. jur. Jochen Taupitz, Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission bei der Bundes­ärzte­kammer, verweist auf die Stellungnahme, an deren Erstellung er aktiv beteiligt war: Der Rat habe bereits vor acht Jahren gefordert, dass Versuche der Erzeugung von transgenen Menschenaffen wegen der nahen Verwandtschaft zu Menschen untersagt werden sollten. Auch bei nicht menschlichen Affen sei Zurückhaltung geboten. Die in Japan geplanten Versuche hält er dagegen sowohl ethisch als auch rechtlich für gut vertretbar.

Derzeit kein Tabubruch

Der Medizinethiker Dr. med. Gerald Neitzke steht den japanischen Experimenten an der Grenze von Mensch und Tier kritischer gegenüber. Etwas „total Neues“ stellten sie zwar nicht dar. „Es hat keinen Tabubruch gegeben, aber die Experimente werfen viele Fragen auf“, erklärt der kommissarische Leiter des Instituts für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin an der Medizinischen Hochschule Hannover dem Deutschen Ärzteblatt. „Wir brauchen eine umfassende gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema.“ 

Wesentlich sind für Neitzke dabei insbesondere vier Bereiche: „Zum einen muss der moralische Status der Mischwesen geklärt werden“, sagt er. Bei den derzeitigen Experimenten habe er zwar keine Sorge, dass die Grenze zwischen Mensch und Tier verwische. „Aber solche Versuche können auch ausufern und andere Dimensionen annehmen.“ Man müsse dann klar definieren, ab wann ein Wesen als Mensch gelte oder noch Tier ist. Dies sei mit Fragen der Menschenwürde verknüpft. Ein zweiter wichtiger Aspekt ist für Neitzke der Tierschutz. Dabei geht es ihm weniger um das Töten der Tiere: „Wir töten Millionen Tiere, nur um sie zu essen.“ Der Grund, mit den gezüchteten Organen Menschenleben zu retten, sei zumindest ebenso hochrangig. „Wir müssen uns jedoch fragen, was wir Tieren antun können, wie wir sie zurichten dürfen“, mahnt der Ethiker.

Klärungsbedürftig ist für ihn ferner die Allokation künftiger gezüchteter Organe. „Es ist abzusehen, dass der Einsatz dieser Therapien nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen wird. Das bringt Gerechtigkeitsprobleme mit sich.“ Viertens müsse man als Gesellschaft klären, welche Ziele die Medizin überhaupt verfolgen solle, meint Neitzke. „Sollen die Prävention von Erkrankungen und der Beistand bei Krankheiten einem rein mechanischen Reparaturdenken untergeordnet werden? Möglicherweise wird dadurch unsere Bereitschaft, mit der Begrenztheit und Endlichkeit des menschlichen Daseins umzugehen, geschwächt, sodass ein wichtiger Baustein für ein sinnvolles und erfülltes Leben entfällt“, befürchtet er. Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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