ArchivDeutsches Ärzteblatt33-34/2019Angeborene Herzfehler und Malignomrisiko: Patienten mit kongenitalen Herzfehlern haben als junge Erwachsene erhöhtes Risiko

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Angeborene Herzfehler und Malignomrisiko: Patienten mit kongenitalen Herzfehlern haben als junge Erwachsene erhöhtes Risiko

Dtsch Arztebl 2019; 116(33-34): A-1490 / B-1230 / C-1210

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: picture alliance/JOKER
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Strukturelle Herzfehler gehören zu den häufigsten Fehlbildungen des Menschen. Circa 8–10 von 1 000 lebend geborenen Kindern haben einen angeborenen Herzfehler (1), in Deutschland sind jährlich circa 6 500 Säuglinge betroffen. Der Ventrikelseptumdefekt ist mit 49 % am häufigsten, es folgt der Vorhof-septumdefekt (circa 17 %). Seit Längerem ist bekannt, dass Menschen mit angeborenen Herzfehlern (CHD) ein erhöhtes Krebsrisiko haben. Es gab aber wenig Daten zum Krebsrisiko im jungen Erwachsenenalter. Diese Lücke schließt eine prospektive, gematchte Kohortenstudie auf Basis des nationalen Gesundheitsregisters in Schweden (2).

Die Daten stammen von 21 982 Einwohnern mit CHD aus den Geburtsjahrgängen 1970–79, 1980–89 und 1990–93. Die Kontrollkohorte der entsprechenden Geburtsjahrgänge ohne kongenitale Herzfehler wurde 1 : 10 gematcht in Bezug auf relevante Kofaktoren (n = 219 816). Die CHD-Kohorte war zum Zeitpunkt der Analyse durchschnittlich 26,6 Jahre alt und die Kontrollkohorte 28,5 Jahre, maximal 41 Jahre. 2,0 % der Teilnehmer in der CHD-Kohorte hatte ein Malignom entwickelt und 0,9 % in der Kontrollkohorte (Hazard Ratio [HR] für Malignom bei CHD: 2,24; p < 0,001). Bei konotrunkalen Defekten war das Malignomrisiko am stärksten erhöht (HR: 2,29; p < 0,001), bei Aortenisthmusstenose lag die HR bei 2,0, ebenso bei Ventrikelseptumdefekt. Bei Vorhofseptumdefekt betrug die HR für Malignome 1,87. In den Jahrgängen 1990–93 lag die HR bei 3,37, in den Jahrgängen 1980–89 bei 2,21 und bei den 1970–1979 Geborenen bei 2,01. Alle Risikoerhöhungen waren statistisch signifikant.

Fazit: Patienten mit angeborenen Herzfehlern erkranken im jungen und mittleren Erwachsenenalter deutlich häufiger an Krebs. Als eine mögliche Ursache wird die Exposition gegenüber niedrig dosierter ionisierender Strahlung bei CT, Herzkathetisierung und nuklearmedizinischen Untersuchungen genannt. Die Exposition könne im Verlauf der Jahrzehnte zugenommen haben. Kathetergestützte Interventionen zum Beispiel würden als schonendere Therapieverfahren häufiger angewandt, so die Autoren.

Weiterentwicklungen von Herzkatheterinterventionen hätten andererseits zur Senkung der Sterblichkeit beigetragen. Ein großer Teil der Kinder, die in den Siebzigerjahren mit einem komplexen Herzfehler geboren worden seien, habe vermutlich nicht lang genug überlebt, um ein Malignom zu entwickeln. Ab 1990 geborene Kinder mit CHD erreichten dagegen zu 96 % das Erwachsenenalter. Es sei besonders wichtig, dass Menschen mit angeborenen Herzfehlern mindestens die üblichen Krebsfrüherkennungsuntersuchungen wahrnähmen, möglicherweise seien diese anzupassen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Breuer J: Angeborene Herz- und Gefäßanomalien: Epidemiologie und Ätiologie. In: Hoffmann G, Lentze M, et al. (Hrsg): Pädiatrie. Springer, Berlin, Heidelberg 2015.
  2. Mandalenakis Z, et al.: Risk of cancer among children and young adults with congenital
    heart disease compared with healthy controls. JAMA 2019; 2: e196762.

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