ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2019Suchterkrankungen in Deutschland
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Weltweit gehören Suchterkrankungen zu den wichtigsten Risikofaktoren für Morbidität und Mortalität (1). In industrialisierten Ländern wird fast jede zweite Gewalttat unter Alkoholeinfluss verübt (2). Im Deutschen Ärzteblatt werden jetzt aktuelle Zahlen zum Suchtmittelkonsum und der Verbreitung des schädlichen Gebrauchs und der Abhängigkeit von legalen und illegalen Drogen veröffentlicht (3, 4). Dabei zeigt sich, dass weiterhin die legal erwerblichen Drogen Alkohol und Tabak auch am häufigsten schädlich oder abhängig konsumiert werden. Auch die Abhängigkeit von Medikamenten ist ein häufiges Problem (1), das auch bei der Gabe nichtopiathaltiger Schmerzmittel auftreten kann (3).

Untersuchungen zu den Risikofaktoren fehlen

Eine eingehende Diagnose des gegenwärtigen Drogenkonsums und seiner Folgen liefert der Epidemiologische Suchtsurvey 2018 (3). Hierfür wurden über 9 000 Personen im Alter von 18 bis 64 Jahren befragt und ihr Substanzkonsum in den letzten 12 Monaten sowie das Vorliegen eines schädlichen Gebrauchs oder einer Abhängigkeit nach DSM-IV (5) erfasst. Fast 9 % aller Befragten hatten eine Tabakabhängigkeit, gefolgt von Personen mit einer Abhängigkeit von Schmerzmitteln (3,2 %) und von Alkohol (3,1 %). Schädlicher Gebrauch fand sich mit 7,6 % am häufigsten bei Schmerzmittelgebrauch, noch vor dem Gebrauch von Alkohol (2,8 %). Diese Zahlen verweisen auf die große Bedeutung der Abhängigkeit von Medikamenten, insbesondere von Schmerzmitteln. Dieses Problem ist vordringlich durch nichtopiathaltige Analgetika bedingt (3). So können beispielsweise bei chronischen Kopfschmerzen Symptome einer Abhängigkeit von Paracetamol, Koffein und Ergotamin auftreten (6). Bisher gibt es kaum Untersuchungen zu den Risikofaktoren für die Entwicklung einer derartigen Medikamentenabhängigkeit und zu den hier relevanten neurobiologischen Mechanismen (6, 7). Diese Forschungslücke sollte dringend geschlossen werden, zumal Medikamente in solchen Fällen auch ärztlich verschrieben werden.

Unter den legal nicht käuflichen Substanzen wurde am häufigsten Cannabis (von 7,1 % aller Befragten) konsumiert, gefolgt von Kokain/Crack und Ecstasy (jeweils 1,1 %). Hier erscheint der zeitliche Verlauf besonders interessant, da sich die Frage nach einer möglichen Zunahme des Cannabiskonsums bei höherer gesellschaftlicher Akzeptanz stellt. Um dieser Frage nachzugehen, wurden neun Erhebungen des Epidemiologischen Suchtsurveys aus den Jahren 1995 bis 2018 ausgewertet (4). Darin zeigte sich ein Anstieg des Konsums von Schmerzmitteln sowie von Cannabis und anderen in Deutschland nicht legal erhältlichen Drogen, während der Konsum von Tabak, Alkohol und Beruhigungs- und Schlafmitteln abnahm. Der Rückgang des Alkohol- und Tabakkonsums war bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern, während der Cannabiskonsum und der Gebrauch anderer illegaler Drogen bei Frauen stärker zunahm. Eine Zunahme des schädlichen Gebrauchs oder einer Abhängigkeit von Cannabis konnte allerdings nicht festgestellt werden (4).

Episodisches Rauschtrinken bei Frauen nimmt zu

Bezüglich der Droge Tabak ging der Anteil der Abhängigkeitserkrankungen um 2–3 % bei Männern und Frauen zurück. Alkohol ist aber weiterhin die am häufigsten in Deutschland konsumierte Droge. Zudem muss betont werden, dass bereits bei Konsum von wenigen Zigaretten pro Tag das Risiko für zerebrovaskuläre Erkrankungen deutlich erhöht ist (8). Ein Anstieg der Abhängigkeit von Alkohol, Schmerzmitteln sowie Schlaf- und Beruhigungsmitteln im Jahr 2012 war 2018 wieder rückläufig. Allerdings stieg das episodische Rauschtrinken bei Frauen an. Das ist besonders Besorgnis erregend, weil gerade junge Menschen, die akut große Mengen Alkohol gut vertragen, ein falsches Gefühl der Sicherheit entwickeln und dazu neigen, auch künftig verstärkt Alkohol zu konsumieren (9). Dabei ist gerade akute „Trinkfestigkeit“ einer der am besten belegten und teilweise genetisch bedingten Risikofaktoren für die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit: Den Betroffenen fehlt offenbar ein Warnsignal, wenn sie zu viel getrunken haben, und akut gute „Verträglichkeit“ des Alkoholkonsums schützt nicht vor dessen langfristigen Folgen (2, 9).

Forderung nach mehr Studien

Für die Forschung ergibt sich die Forderung nach Studien zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Medikamentenabhängigkeit. Langfristige Unterstützung der Suchtforschung erfolgte bisher in Deutschland im Bereich der stoffgebundenen Suchterkrankungen durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Die hier geförderten Forschungsverbünde adressieren das nach wie vor zentrale Problem der Abhängigkeit von legalen Drogen. Was – von einzelnen Studien (6, 7) abgesehen – allerdings weitgehend fehlt sind systematische Untersuchungen zur Wirkung der Analgetika und der Prävention, Diagnose und Therapie der damit verbundenen Suchterkrankungen. Bezüglich der Prävention und Früherkennung von Suchterkrankungen fordern die Autoren der aktuellen Artikel im Deutschen Ärzteblatt (3, 4) zu Recht verstärkte Anstrengungen. Da eine Reduktion des Substanzkonsums auch die damit verbundenen Gesundheitsrisiken verringert (10), ist die Gesellschaft aufgerufen, entsprechende Maßnahmen einschließlich Werbeverboten zu diskutieren.

Mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft (Projekt FOR 1617, Projekt SFB/TRR 265) und Bundesministerium für Bildung und Forschung (Verbundprojekt „AERIAL„ 01EE1406A).

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Heinz
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Charité Campus Mitte
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Charitéplatz 1
10117 Berlin
andreas.heinz@charite.de

Zitierweise
Heinz A, Liu S: Addiction to legal drugs and medicines in Germany. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 575–6.
DOI: 10.3238/arztebl.2019.0575

►Die englische Version des Artikels ist online abrufbar unter:
www.aerzteblatt-international.de

1.
GBD 2017 Risk Factors Collaborators: Global, regional, and national comparative risk assessment of 84 behavioral, environmental and occupational, and metabolic risk or clusters of risks for 195 countries and territories, 1990–2017: a systematic analysis fort he Global Burden of Disease Study2015. Lancet 2018; 392: 1923–94 CrossRef
2.
Heinz AJ, Beck A, Meyer-Lindenberg A, Sterzer P, Heinz A: Cognitive and neurobiological mechansims of alcohol and aggression. Nat Rev Neurosci 2011; 12:400–41 CrossRef MEDLINE
3.
Atzendorf J, Rauschert C, Seitz NN, Lochbühler K, Kraus L: The use of alcohol, tobacco, illegal drugs and prescribed medicines—an estimate of consumption and substance-related disorders in Germany. Dtsch Arztebl Int 2019; 118: 577–84 VOLLTEXT
4.
Seitz NN, Lochbühler K, Atzendorf J, Rauschert C, Pfeiffer-Gerschel T, Kraus L: Trends in substance use and related disorders—analysis of the Epidemiological Survey of Substance Abuse 1995 to 2018. Dtsch Arztebl Int 2019; 118: 585–91 VOLLTEXT
5.
American Psychiatric Association: DSM-IV Diagnostic and statistical manual of mental disorders. Washington, DC: American Psychiatric Association 1994.
6.
Heinz A, Denke C, Ernst G: Drug-induced headache – pathomechanisms of addiction. Schmerz 1999; 13:304–14 CrossRef MEDLINE
7.
Cupiri LM, Calabresi P: Medication-overuse headache: pathophysiologicla insights. J Headache Pain 2005; 6: 199–202 CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.
Hackshaw A, Morris JK, Boniface S, Tang JT, Milenkovic D: Low cigarette consumption and the risk of coronary heart disease and stroke: meta-analysis of 141 cohor studies in 55 study reports. BMJ 2018; 360: j585 CrossRef MEDLINE PubMed Central
9.
Hinckers AS, Laucht M, Schmidt MH, Mann KF, Schumann G, Schuckit MA, Heinz A: Low level of response to alcohol as associated with serotinin transporter genotype and high alcohol intake in adolescents. Biol Psychiatry 2006; 60: 282–28 CrossRef MEDLINE
10.
Charlet K, Heinz A: Harm reduction – a systematic review on effects of alcohol reduction on physical and mental symptoms. Addict Biol 2017; 2.1119–1159 CrossRef MEDLINE
Klinik für Psychiatrie
und Psychotherapie, Charité Campus Mitte, Charité – Universitätsmedizin Berlin: Prof. Dr. med. Dr. phil. Andreas Heinz, Dr. rer. med.
Shuyan Liu
1. GBD 2017 Risk Factors Collaborators: Global, regional, and national comparative risk assessment of 84 behavioral, environmental and occupational, and metabolic risk or clusters of risks for 195 countries and territories, 1990–2017: a systematic analysis fort he Global Burden of Disease Study2015. Lancet 2018; 392: 1923–94 CrossRef
2. Heinz AJ, Beck A, Meyer-Lindenberg A, Sterzer P, Heinz A: Cognitive and neurobiological mechansims of alcohol and aggression. Nat Rev Neurosci 2011; 12:400–41 CrossRef MEDLINE
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7.Cupiri LM, Calabresi P: Medication-overuse headache: pathophysiologicla insights. J Headache Pain 2005; 6: 199–202 CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.Hackshaw A, Morris JK, Boniface S, Tang JT, Milenkovic D: Low cigarette consumption and the risk of coronary heart disease and stroke: meta-analysis of 141 cohor studies in 55 study reports. BMJ 2018; 360: j585 CrossRef MEDLINE PubMed Central
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10. Charlet K, Heinz A: Harm reduction – a systematic review on effects of alcohol reduction on physical and mental symptoms. Addict Biol 2017; 2.1119–1159 CrossRef MEDLINE

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