ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2019Reanimation: Nicht immer reanimieren
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Die namhaften Autoren legen dankenswerterweise eine Arbeit zu aussichtslosen Reanimationssituationen vor. Richtig erläutern sie die dürftige Studienlage zu Abbruch oder Verzicht auf Wiederbelebung.

Fehlerhaft wird festgestellt, der Beginn einer Reanimation hänge nicht von der Entscheidung des Patienten oder der Angehörigen ab, sondern von der medizinischen Einschätzung des Arztes. Ein Mensch hat rechtlich immer einen zu beachtenden Willen, sei es auch in Schlaf, Koma oder Narkose. Ein solcher Wille, als Patientenverfügung lesbar oder als Behandlungswunsch von Angehörigen bezeugt, ist rechtlich bindend – auch und insbesondere für den Notarzt. ...

Eine Patientenverfügung oder eine DNR Order sei auf Glaubhaftigkeit und Validität zu prüfen, zudem sei sicherzustellen, dass die Angaben noch aktuell seien, da sich die Situation geändert haben könne: Diese Forderungen sind dem Patientenverfügungsgesetz nicht zu entnehmen und wirklichkeitsfern, denn kaum wären sie in der Akutsituation zu erfüllen. Mithin verstehen wir hier nur: „Ist der Kopf noch dran und fehlen Totenflecke, muss immer reanimiert werden.“ Dies ist erkennbar falsch, denn einen sterbenden Palliativpatienten zu reanimieren dürfte nach den Grundsätzen der Bundes­ärzte­kammer zur Sterbebegleitung als behandlungsfehlerhaft einzustufen sein. Die häufigste Situation Asystolie eines über 72-jährigen Patienten mit unbeobachtetem Kreislaufstillstand und fehlender Laienreanimation ist zu diskutieren. 75 Prozent sterben und von den Überlebenden haben 88 Prozent mehr oder weniger lange Phasen eines meist schwerstgradigen neurologischen Schadens mit leidvoller Intensivbehandlungsnotwendigkeit. Nur 2,9 Prozent verlassen die Klinik laufend.

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Befragt man ältere Menschen (> 75 Jahre), ob sie einem lebensrettenden Eingriff zustimmen würden, für den ein hohes Risiko für bleibende geistige Störungen besteht, antworten 91 Prozent von ihnen – „lieber tot als schwerbehindert dahinvegetieren“. Und genau diese Entwicklung sehen wir in Deutschland: Hatten wir 2003 ... 500 Menschen, die chronisch kritisch krank daheim langzeitintensivversorgt waren, sind es heute über 40 000. Von den wenigen Betroffenen, die man noch befragen kann, würde ein großer Teil eine erneute Beatmung ablehnen, wissend, dass dies den Tod bedeute. Wir müssen jetzt eine Diskussion zu den Grenzen der Wiederbelebung führen, denn längst wird begonnen, mit Herzersatzverfahren außerhalb der Klinik zu arbeiten, dies wird das Problem zuspitzen.

Dr. med. Matthias Thöns, 58452 Witten,
Dr. med. Jörg Cuno,
96047 Bamberg

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