ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2019KBV-Versichertenbefragung: Dringlichkeit von Terminen wird oft überschätzt

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KBV-Versichertenbefragung: Dringlichkeit von Terminen wird oft überschätzt

Dtsch Arztebl 2019; 116(35-36): A-1520 / B-1254 / C-1234

Beerheide, Rebecca

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Die jährliche Befragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigt: Patientinnen und Patienten vertrauen ihren Vertragsärztinnen und -ärzten. Aber sie merken immer deutlicher, dass Ärzte vor Ort fehlen. Derzeit sinkt die Wartezeit auf Termine für Privat- wie gesetzlich Versicherte.

Foto: KBV-Versichertenbefragung
Foto: KBV-Versichertenbefragung

Hohes Vertrauen, aber Überschätzung der Dringlichkeit des eigenen gesundheitlichen Anliegens: Laut der alljährlichen Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vertrauen die Menschen in Deutschland ihren niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Hier gibt es wie bereits in den vergangenen Befragungen Zufriedenheitswerte von 90 Prozent für die eigene Ärztin oder den Arzt.

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Im Fokus lag auch die subjektive Einschätzung, wie dringlich der Arztbesuch war. Dabei gaben 47 Prozent der Befragten an, dass ihr Besuch dringlich gewesen sei, 19 Prozent schätzen dies als sehr dringlich ein. Gefragt nach dem Anlass, gaben bei der Kategorie „aktuelles Problem“ 53 Prozent eine Dringlichkeit an, 29 eine sehr hohe Dringlichkeit. Auch Vorsorge oder Impfungen wurde von 30 Prozent als „dringlich“ eingestuft, sechs Prozent sahen es als „sehr dringlich“ an. „Die gefühlte Dringlichkeit ist in vielen Fällen höher als die tatsächliche – auch wenn das aus medizinischer Sicht nicht angebracht ist“, sagte Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorsitzender der KBV bei der Vorstellung der Befragung Mitte August in Berlin. KBV-Vorsitzender Dr. med. Andreas Gassen sagte: „Auf eine routinemäßige Vorsorgeuntersuchung muss ich als Patient im Zweifel tatsächlich länger warten, als wenn ich eine Grippe habe.“

Zehn Mal in der Arztpraxis

87 Prozent aller befragten Bürgerinnen und Bürger zwischen 18 und 79 Jahren waren in den vergangenen zwölf Monaten in einer Haus- oder Facharztpraxis. Mehr als die Hälfte gaben an, dass sie in diesem Zeitraum drei bis zehn Mal eine Arztpraxis aufgesucht haben.

Der größer werdende Mangel an Ärzten vor Ort zeigt sich ebenfalls: So sollten die Befragten eine Einschätzung geben, ob in ihrem näheren Umfeld noch genügend Ärzte vorhanden sind. 68 Prozent der Befragten sagen, dass in Wohnortnähe noch genügend Hausärzte verfügbar seien, das sind fünf Prozentpunkte weniger als zwei Jahre zuvor. Dagegen sagen heute 27 Prozent, dass bereits zu wenig Hausärzte vor Ort wären. Bei Fachärzten ist das Bild deutlicher: 50 Prozent sagen, dass genügend Fachärzte vor Ort seien, 44 Prozent sehen das nicht so. Besonders bei der Suche nach Fachärzten hat sich die Wahrnehmung verändert: Hatten 2013 noch 34 Prozent das Problem, einen Facharzt zu finden, sind es heute bereits 49 Prozent. Die Suche nach einem Orthopäden, Dermatologen oder Augenarzt sei am schwierigsten. Eine Definition, welchen Kilometerradius mit „wohnortnähe“ gemeint sei, gibt es allerdings nicht.

Daher müsse bedacht werden, dass die subjektive Wahrnehmung von Entfernung zwischen Großstadtbevölkerung und Menschen auf dem Land unterschiedlich seien, erklärte Studienautor Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. „In den Großstädten werden die Diskussionen über Entfernungen heftiger geführt. Landbevölkerung ist es eher gewohnt, längere Wege zurückzulegen.“ Laut Befragung klagen vor allem Menschen in Berlin und Sachsen-Anhalt über Entfernungen zum Hausarzt.

Auch Daten zum politischen Streit über Wartezeiten auf einen Arzttermin zeigt die aktuelle Erhebung: Es wird deutlich, dass sich die Wartezeiten zwischen gesetzlich und privatversicherten Patienten immer weiter angleichen. So gaben 29 und 30 Prozent der Gesetzlich und Privatversicherten an, keine Wartezeit beim letzten Praxisbesuch gehabt zu haben. Jeder vierte gesetzlich Versicherte bekam innerhalb von einem Tag bis zu einer Woche einen Termin, bei privat Versicherten war dies jeder dritte.

Im Verlauf der Befragung seit 2008 haben sich die Wartezeiten deutlich angeglichen, da auch Privatversicherte inzwischen länger warten müssen. „Arztzeit wird immer knapper. Da wir einen nahezu barrierefreien Zugang zu ärztlichen Leistungen haben, ohne Steuerung bei gleichzeitig steigendem medizinischen Bedarf, führt das dabei auch zwangsläufig zu einer höheren Nachfrage“, so KBV-Chef Gassen.

Selbsteinschätzung: „Wie dringlich schätzen Sie selbst ihren letzten Arztbesuch ein?“
Selbsteinschätzung: „Wie dringlich schätzen Sie selbst ihren letzten Arztbesuch ein?“
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Selbsteinschätzung: „Wie dringlich schätzen Sie selbst ihren letzten Arztbesuch ein?“
Wartezeiten für Termin 2019 im Vergleich zu 2008
Wartezeiten für Termin 2019 im Vergleich zu 2008
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Wartezeiten für Termin 2019 im Vergleich zu 2008

Auch in der Diskussion um den Gang in die Notaufnahme bei Bagatellfällen liefert die Umfrage neue Zahlen: So geben 20 Prozent der Befragten an, im vergangenen Jahr in einer Notaufnahme gewesen zu sein. Von denen waren 55 Prozent am Wochenende dort, 44 Prozent an einem Werktag. 87 Prozent sagen, dass der Besuch in der Notaufnahme nach eigenem Ermessen zwingend gewesen wäre, zwölf Prozent sagen, auch ein niedergelassener Fach- oder Hausarzt hätte helfen können.

Während 2018 in der Befragung eine Trendwende weg vom Krankenhaus am Wochenende und zu nächtlicher Stunde festgestellt wurde – damals gaben nur 33 Prozent an, in ein Krankenhaus gegangen zu sein und 26 Prozent zum ärztlichen Bereitschaftsdienst – gibt es 2019 einen Schritt zurück: Bei der telefonischen Befragung gaben 42 Prozent der Menschen an, in einem Krankenhaus gewesen zu sein und 26 Prozent bei einem Bereitschaftsdienst.

Probleme, geeigneten Haus-/Facharzt zu finden? (Auswahl: „Zu wenig Haus- bzw. Fachärzte in Wohnortnähe“)
Probleme, geeigneten Haus-/Facharzt zu finden? (Auswahl: „Zu wenig Haus- bzw. Fachärzte in Wohnortnähe“)
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Probleme, geeigneten Haus-/Facharzt zu finden? (Auswahl: „Zu wenig Haus- bzw. Fachärzte in Wohnortnähe“)
Videosprechstunde über Internet mit dem Arzt
Videosprechstunde über Internet mit dem Arzt
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Videosprechstunde über Internet mit dem Arzt

Skeptisch sind die Befragten über die geplanten Angebote für Videosprechstunden: 62 Prozent geben an, sie würden diese Angebote nicht nutzen wollen. Vor allem in den Altersgruppen zwischen 60 und 79 Jahren liegt die Skepsis weit über 60 Prozent. Dagegen erklären die Hälfte der zwischen 18- und 39-Jährigen, dass sie die Sprechstunde per Video nutzen würden. „Das legt den Schluss nahe, dass die meisten Menschen den persönlichen Kontakt zu ihrem Arzt bevorzugen und eine Fernbehandlung oder auch nur -beratung eher ablehnen“, sagte Dr. rer. oec. Thomas Kriedel, KBV-Vorstandsmitglied und zuständig für die Digitalisierung. Er warb dafür, dass trotz Digitalisierung die analogen Möglichkeiten beim Arztbesuch erhalten bleiben müssten. Die Onlineterminvergabe dagegen halten immer mehr Menschen für wichtig. Vor allem Menschen zwischen 18 und 59 Jahren wollen zum größten Teil ihre Termine online erledigen. Rebecca Beerheide

eGrafiken im Internet:
www.aerzteblatt.de/191520
oder über QR-Code

Selbsteinschätzung: „Wie dringlich schätzen Sie selbst ihren letzten Arztbesuch ein?“
Selbsteinschätzung: „Wie dringlich schätzen Sie selbst ihren letzten Arztbesuch ein?“
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Selbsteinschätzung: „Wie dringlich schätzen Sie selbst ihren letzten Arztbesuch ein?“
Wartezeiten für Termin 2019 im Vergleich zu 2008
Wartezeiten für Termin 2019 im Vergleich zu 2008
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Wartezeiten für Termin 2019 im Vergleich zu 2008
Probleme, geeigneten Haus-/Facharzt zu finden? (Auswahl: „Zu wenig Haus- bzw. Fachärzte in Wohnortnähe“)
Probleme, geeigneten Haus-/Facharzt zu finden? (Auswahl: „Zu wenig Haus- bzw. Fachärzte in Wohnortnähe“)
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Probleme, geeigneten Haus-/Facharzt zu finden? (Auswahl: „Zu wenig Haus- bzw. Fachärzte in Wohnortnähe“)
Videosprechstunde über Internet mit dem Arzt
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