ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Disease-Management-Programm Depression: Ohne Psychotherapeuten

EDITORIAL

Disease-Management-Programm Depression: Ohne Psychotherapeuten

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 385

Bühring, Petra

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Patientinnen und Patienten mit chronischer Depression mittlerer bis schwerer Ausprägung können sich nicht bei ihrem Psychotherapeuten in das neue Disease-Management-Programm (DMP) „Depression“ einschreiben, das der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) am 15. August beschlossen hat (siehe Seite 391). Die Langzeitbetreuung und Koordination der Behandlung soll in dem neuen strukturierten Behandlungsprogramm grundsätzlich durch den Hausarzt erfolgen. In Ausnahmefällen können diese Rolle auch „spezialisierte Fachärzte“ wie beispielsweise Fachärzte Psychiatrie und Psychotherapie übernehmen. Auch „spezialisierte Einrichtungen“ kommen als Koordinatoren infrage, insbesondere dann, wenn sie den Patienten „bereits vor der Einschreibung dauerhaft betreut“ haben, heißt es in dem entsprechenden G-BA-Beschluss. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium muss dem Beschluss noch zustimmen, bevor er in Kraft treten kann. Nicht vorgesehen als Koordinatoren und Langzeitbetreuer sind indes Psychologische Psychotherapeuten, selbst wenn Patienten bei ihnen bereits in Behandlung sind. Aus Sicht der Bundes­psycho­therapeuten­kammer werden damit „völlig unnötige Hürden“ für die Teilnahme am DMP Depression aufgebaut. Patienten sollten – nicht nur nach Ansicht der Kammer – die Wahl haben, dass der Arzt oder Psychotherapeut die Koordination ihrer Versorgung übernehmen kann, der am besten mit ihrer Erkrankung vertraut ist. Die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie kritisiert deutlich schärfer „die Ignoranz des G-BA hinsichtlich Qualifikation, Aufgabe und Bedeutung von Psychotherapeuten“.

Es ist tatsächlich unverständlich, warum die Aufgabe der Koordination und Langzeitbetreuung eines DMP Depression zwar spezialisierten Fachärzten zugestanden wird, nicht aber Psychotherapeuten. Wobei die Rolle des Hausarztes als Koordinator hier nicht infrage gestellt werden soll. Er ist meist der erste, den Patienten, für die ein DMP infrage kommen könnte, sehen. In dem Projekt zur Neurologisch-psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung (NPPV) psychisch Kranker in Nordrhein sind unter anderem auch Psychotherapeuten als Bezugsarzt/-therapeut tätig, die den Patienten durch die vernetze und koordinierte Versorgung führen (siehe „Blaupause für die Regelversorgung“, PP 8/19). Es geht also.

Psychotherapeuten sind aber nicht gänzlich aus dem Behandlungsverlauf von in einem DMP Depression eingeschriebenen Patienten ausgeschlossen. Sie und spezialisierte Fachärzte sollen dann systematisch eingebunden werden, wenn nach spätestens sechs Wochen hausärztlicher Behandlung noch keine ausreichende Besserung erzielt wurde, wenn unter anderem Hinweise auf eine die Depression komplizierende psychische Komorbidität vorliegt, bei psychotischen Symptomen oder einer bipolaren Störung. Grundlage hierfür sind laut G-BA-Beschluss regelmäßige Verlaufskontrollen, bei denen der koordinierende Arzt die Symptomausprägung und -veränderung, das psychosoziale Funktionsniveau und Behandlungseffekte beurteilt. Im Idealfall trägt das zu einer stärkeren Kooperation zwischen Hausärzten und Psychotherapeuten und damit zu einer leitlinienorientierten Behandlung bei.

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