ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Interview mit Katharina van Bronswijk, Sprecherin der Bewegung „Psychologists/Psychotherapist for Future“: „Wie existenziell bedrohlich die Klimakrise ist, wird verdrängt“

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Interview mit Katharina van Bronswijk, Sprecherin der Bewegung „Psychologists/Psychotherapist for Future“: „Wie existenziell bedrohlich die Klimakrise ist, wird verdrängt“

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 396

Bühring, Petra

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Die Bewegung „Psychologists/Psychotherapists for Future“ schließt sich dem Engagement vieler für den Klimaschutz an. Ihre Sprecherin über das Entstehen der Bewegung, psychische Abwehrprozesse, Selbstreflexion von Psychotherapeuten und die Belastungen klima-aktiver Kinder.

Frau van Bronswijk, warum hat die Bewegung „Fridays for Future“ von Greta Thunberg so viel ins Rollen bringen können?

Katharina van Bronswijk ist Psychologin und Psychotherapeutin in Ausbildung. Foto: privat
Katharina van Bronswijk ist Psychologin und Psychotherapeutin in Ausbildung. Foto: privat
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Van Bronswijk: Der Klimawandel ist real und wir wissen das alle seit Langem. Die Wissenschaft bestätigt das. Ein weiterhin so schneller Klimawandel gefährdet unsere natürlichen Lebensgrundlagen und unsere körperliche und psychische Unversehrtheit. Die Auswirkungen werden immer deutlicher spürbar und sichtbar, sodass man den Klimawandel nicht mehr negieren kann. Ein wichtiger Aspekt ist aber auch, dass die Ungerechtigkeit, die wir den kommenden Generationen angetan haben, in diesen Schülerprotesten so deutlich spürbar wird.

Jeder von uns war mal Kind und weiß, wie es ist, in einer ungerechten Welt groß werden zu müssen. Das erste Mal in der Geschichte sind aber Eltern nicht mehr der Meinung, ihren Kindern eine bessere Welt hinterlassen zu haben.

Wir müssen entscheiden, wie wir mit diesen existenziellen Schuldgefühlen umgehen. Viele Menschen positionieren sich gerade eindeutig zu dieser Bewegung, entweder mit großer Solidarität, aber auch mit Ablehnung. Das ist die gesellschaftliche Realität. So ein großes Echo hat der Klimawandel bis dahin nicht ausgelöst.

Wie ist die Idee entstanden, „Psychologists/Psychotherapists for Future“ ins Leben zu rufen?

Katharina van Bronswijk: Angeregt durch die Fridays-for-Future-Bewegung wollten die Gründerinn en von „Psychologists/Psychotherapists for Future“, Lea Dohm und Mareike Schulze, beide Psychologische Psychotherapeutinnen, sich für den Klimaschutz engagieren. Die Bewegung Psychologists for Future gab es schon in Form eines schwedischen Facebook- und Instagram-Channels mit dem Hashtag „Psychologists for Future“. Von Berufsverbänden und Psychotherapeutenkammern gab es noch keine entsprechenden Aktivitäten. Deshalb haben wir „Psychotherapists for Future“ gegründet. Wir haben dann eine Stellungnahme zu den Zusammenhängen von Klimawandel und Psychologie erarbeitet, und dabei relevante Studien zusammengetragen (https://psychologistsforfuture.org/de/). Diese Stellungnahme wird in den sozialen Medien verbreitet, sodass der Kreis der Unterstützer täglich wächst.

Wie viele Unterstützer sind es aktuell?

Van Bronswijk: Wir haben international rund 3 000 Unterstützer aus 22 Ländern. Bisher konnten wir von 2 700 Unterstützern die Qualifikation als ärztlicher oder Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut oder Psychiater mit überwiegend psychotherapeutischer Tätigkeit überprüfen. Wir, das ist eine Kerngruppe aus rund 60 aktiven Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Die Stellungnahme beziehungsweise der Aufruf wird auch auf Englisch angeboten, weil wir die internationale Zusammenarbeit zum Beispiel mit den schwedischen Kollegen von Anfang an angestrebt haben. Er wurde bis in die USA, in Australien und Indonesien geteilt und unterzeichnet.

In der Stellungnahme von Psychologists/Psychotherapists for Future heißt es, dass der Klimawandel durch psychische Abwehrprozesse intuitiv unterschätzt würde. Erläutern Sie das ...

Van Bronswijk: Dazu gibt es eine Reihe von Studien, die umweltrelevantes Verhalten betreffen, aber aber auch zum Klimawandel explizit. Diese listen wir in unserer Stellungnahme auf. Menschen haben als Grundprinzip die Tendenz, ihr Verhalten an den kurzfristigen Konsequenzen auszurichten. Der Klimawandel aber ist ein sehr komplexes und abstraktes Problem, also die Konsequenzen des eigenen Verhaltens in Bezug auf den Klimaschutz sind in der konkreten Situation nicht unbedingt spürbar. Man kann es nicht gut in den Zusammenhang bringen. Deshalb sind Verhaltensveränderungen so schwer zu erreichen. Man erfährt beispielsweise nicht bei jeder Autofahrt die Konsequenzen für das Klima.

Der Klimawandel wird also verdrängt?

Van Bronswijk: Unser Gehirn kann solch komplexe Probleme wie dieses kaum verarbeiten. Wenn wir uns dann als vernunftbegabte Wesen mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen beschäftigen und erkennen, wie groß die Klimakrise wirklich ist, wie existenziell bedrohlich und welchen Anteil wir persönlich daran auch haben, dann kommen unangenehme Gefühle hoch: Wut, Angst, Trauer, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Um gesund oder einfach handlungsfähig zu bleiben im Alltag, werden solche unangenehmen Gefühl abgewehrt beziehungsweise verdrängt. Dem eigentlich notwendigen Handeln in Bezug auf den Klimaschutz steht das aber im Weg.

Verhindert das, dass mehr Menschen in ihren eigenen Möglichkeiten weniger CO2 und weniger Abfall verursachen?

Van Bronswijk: Ja. Aber es gibt nicht nur die individuelle Ebene, dass ich beispielsweise nicht so gut mit unangenehmen Gefühlen umgehen kann und deshalb den Klimawandel verdränge. Oft bestehen die Möglichkeiten, klimafreundlich zu handeln im eigenen Umfeld gar nicht. Es ist ja unglaublich schwer, bestimmte Produkte nicht zu konsumieren oder Abfall komplett zu vermeiden und keinen ökologischen Fußabdruck zu hinterlassen. Darüber hinaus gibt es gruppendynamische psychologische Prozesse auf gesellschaftlicher Ebene, beispielsweise dass wir uns in unserem Handeln gerne danach ausrichten, was die Mehrheit macht. Man muss gegen den Strom schwimmen und das braucht Mut.

Das „Bewusstwerden der Brisanz der Klima- und ökologischen Krise kann Symptome bis hin zu einer psychischen Störung hervorrufen“, heißt es in ihrer Stellungnahme.

Van Bronswijk: Das ist in Studien beispielsweise der American Psychological Association* und auch in Studien einer Arbeitsgruppe der WHO** belegt. Es gibt Störungen wie Depressionen oder generalisierte Ängste, bei denen der Klimawandel Thema ist. Es gibt durch Extremwetterereignisse hervorgerufene Traumata und Migration, die eine Posttraumatische Belastungsstörung auslösen können. Damit muss jeder Psychotherapeut umgehen können.

Was sagen Sie zu dem Einwand, dass der Klimawandel generell kein Thema für die Therapiestunde sei?

Van Bronswijk: Wir wollen den Patienten in einer psychotherapeutischen Sitzung nicht mit dem Thema Klimawandel konfrontieren oder ihm etwas aufdrücken. Auch die Psychotherapeuten, die sich unserer Bewegung angeschlossen haben, stehen hinter dem Abstinenzgebot in dem Sinne, dass der Therapeut seine eigenen Weltanschauungen oder Meinungen aus der Therapie heraushält. Wenn der Patient aber äußert, Angst zu haben wegen der Klimakrise, dann muss ein Therapeut arbeitsfähig sein. Zur Selbsterfahrung gehört auch, dass man sich der eigenen Einstellung in Bezug auf den Klimawandel bewusst werden muss. Psychotherapeuten sollten auch ihre Emotionen in Bezug darauf reflektieren, um im Kontakt mit dem Patienten unbefangen sein zu können.

Dann gibt es aber auch noch das politische Engagement ...

Van Bronswijk: Genau. Man wird ja als Berufsgruppe in der Öffentlichkeit als Repräsentant einer bestimmten wissenschaftlichen Ausrichtung angesehen. Wenn jemand auf uns als Psychologe oder Psychotherapeut zugeht und uns um unsere Meinung bittet, dann sollte man sprechfähig sein. Sinnvoll ist auf jeden Fall, sich mit den wissenschaftlichen Studien zu dem Thema auszukennen. Deshalb haben wir die Forschungsergebnisse ja auch zusammengetragen.

Sind Aktionen geplant oder geht es vorrangig um die Bewusstmachung der Klimakrise?

Van Bronswijk: Unser Ziel ist es, die psychologischen Erkenntnisse zum Klimawandel weiterzuverbreiten, indem wir weiter wissenschaftliche Erkenntnisse sammeln und auch kleine Videos drehen. Wir vernetzen uns darüber hinaus auf regionaler Ebene weiter mit der Fridays-for-Future-Bewegung, mit KLUG - Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit und mit der Initiative Psychologie und Umweltschutz. Wir tauschen uns aus, organisieren regionale Veranstaltungen, Mahnwachen und Aktionen.

Ein zweites Standbein ist die Fürsorge für die Klimabewegung. Wir nehmen unter anderem an den regionalen Organisationstreffen von Fridays for Future teil, wo wir helfen die aufkommenden Gefühle in Bezug auf den Klimawandel zu bearbeiten. Dort sitzen zum Teil 12 bis 14-jährige Kinder und Jugendliche, die ganz große Dinge organisieren. Es schmerzt unser Psychologenherz diese Parentifizierung mitzuerleben, also wie Erwachsenenaufgaben auf Kinder abgewälzt werden. Und diese Kinder werden zudem gezwungen, mit dem Widerstand gegen die Bewegung, in Form von Abwertungen oder Drohungen, umzugehen. Das ist eine unglaubliche Belastung, die den Kindern damit zugemutet wird. Das Interview führte Petra Bühring

* http://daebl.de/WN47

** http:/daebl.de/QA99

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