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KBV-Versichertenbefragung: Längere Wartezeit auf ein Erstgespräch beim Therapeuten

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 398

Beerheide, Rebecca; Bühring, Petra

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Die jährliche Befragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zeigt: Patienten vertrauen ihren Vertragsärzten und -psychotherapeuten. Derzeit sinkt die Wartezeit auf Arzttermine für Privat- wie gesetzlich Versicherte. Anders sieht das für erste Termine bei Psychotherapeuten aus.

Foto: ClarkkandCompany/iStockphoto
Foto: ClarkkandCompany/iStockphoto

Die Menschen in Deutschland vertrauen ihren niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Laut der alljährlichen Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gibt es hier wie bereits in den vergangenen Befragungen Zufriedenheitswerte von 90 Prozent für den eigenen Arzt oder Psychotherapeuten.

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Im Fokus lag unter anderem die subjektive Einschätzung, wie dringlich der Arztbesuch war. Dabei gaben 47 Prozent der Befragten an, dass ihr Besuch dringlich gewesen sei, 19 Prozent schätzten dies als sehr dringlich ein. Gefragt nach dem Anlass, gaben bei der Kategorie „aktuelles Problem“ 53 Prozent eine Dringlichkeit an, 29 eine sehr hohe Dringlichkeit. Auch Vorsorge oder Impfungen wurde von 30 Prozent als „dringlich“ eingestuft, sechs Prozent sahen es als „sehr dringlich“ an. „Die gefühlte Dringlichkeit ist in vielen Fällen höher als die tatsächliche – auch wenn das aus medizinischer Sicht nicht angebracht ist“, sagte Dr. med. Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorsitzender der KBV bei der Vorstellung der Befragung Mitte August in Berlin. KBV-Vorsitzender Dr. med. Andreas Gassen sagte: „Auf eine routinemäßige Vorsorgeuntersuchung muss ich als Patient im Zweifel tatsächlich länger warten, als wenn ich eine Grippe habe.“

Zehn Mal in der Arztpraxis

87 Prozent aller befragten Bürgerinnen und Bürger zwischen 18 und 79 Jahren waren in den vergangenen zwölf Monaten in einer Haus- oder Facharztpraxis. Mehr als die Hälfte gaben an, dass sie in diesem Zeitraum drei bis zehn Mal eine Arztpraxis aufgesucht haben.

Der größer werdende Mangel an Ärzten vor Ort zeigt sich ebenfalls: So sollten die Befragten eine Einschätzung geben, ob in ihrem näheren Umfeld noch genügend Ärzte vorhanden sind. 68 Prozent der Befragten sagen, dass in Wohnortnähe noch genügend Hausärzte verfügbar seien, das sind fünf Prozentpunkte weniger als zwei Jahre zuvor. Dagegen sagen heute 27 Prozent, dass bereits zu wenig Hausärzte vor Ort wären. Bei Fachärzten ist das Bild deutlicher: 50 Prozent sagen, dass genügend Fachärzte vor Ort seien, 44 Prozent sehen das nicht so. Besonders bei der Suche nach Fachärzten hat sich die Wahrnehmung verändert: Hatten 2013 noch 34 Prozent das Problem, einen Facharzt zu finden, sind es heute bereits 49 Prozent. Die Suche nach einem Orthopäden, Dermatologen oder Augenarzt sei am schwierigsten. Eine Definition, welchen Kilometerradius mit „Wohnortnähe“ gemeint sei, gibt es allerdings nicht.

Daher müsse bedacht werden, dass die subjektive Wahrnehmung von Entfernung zwischen Großstadtbevölkerung und Menschen auf dem Land unterschiedlich seien, erklärte Studienautor Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. „In den Großstädten werden die Diskussionen über Entfernungen heftiger geführt. Landbevölkerung ist es eher gewohnt, längere Wege zurückzulegen.“ Laut Befragung klagen vor allem Menschen in Berlin und Sachsen-Anhalt über Entfernungen zum Hausarzt.

Drei Monate bis Erstgespräch

Auch Daten zum politischen Streit über Wartezeiten auf einen Arzttermin zeigt die aktuelle Erhebung: Es wird deutlich, dass sich die Wartezeiten zwischen gesetzlich und privat versicherten Patienten immer weiter angleichen. So gaben 29 Prozent der gesetzlich und und 30 Prozent der Privatversicherten an, keine Wartezeit beim letzten Arztbesuch gehabt zu haben. Anders für Besuche beim Psychotherapeuten: Die Wartezeiten für ein Erstgespräch haben sich in den letzten Jahren merklich verlängert. Nur knapp einer von fünf Befragten mit einem psychischen Problem hat innerhalb einer Woche einen Termin hierfür bekommen. Bei gut einem Drittel dauerte es bis zu einem Monat beziehungsweise bis zu drei. Unter denjenigen, die über drei Monate auf ein Erstgespräch warten mussten, waren deutlich mehr gesetzlich Versicherte als Privatversicherte (siehe Grafik 1).

Psychotherapie: Wartezeiten für Erstgespräch
Psychotherapie: Wartezeiten für Erstgespräch
Grafik 1
Psychotherapie: Wartezeiten für Erstgespräch

Nach dem Erstgespräch ist das weitere Zeitfenster bis zum tatsächlichen Behandlungsbeginn mit Richtlinien-Psychotherapie dann vergleichsweise klein. 33 Prozent konnten sofort nach dem Erstgespräch die Therapie beginnen. 28 Prozent mussten sich bis zu einem Monat bis zum Behandlungsbeginn gedulden, acht Prozent sogar bis zu drei Monate warten. Wenngleich weniger deutlich als beim Erstgespräch, sind auch hier die Wartezeiten länger als beim letzten Messzeitpunkt vor fünf Jahren (siehe Grafik 2).

Psychotherapie: Wartezeiten Behandlungsbeginn
Psychotherapie: Wartezeiten Behandlungsbeginn
Grafik 2
Psychotherapie: Wartezeiten Behandlungsbeginn

Ohne große Veränderungen zu früheren KBV-Versichertenbefragungen gaben 14 Prozent der Versicherten an, in den letzten drei Jahren wegen eines psychischen Problems ärztliche oder psychologische Hilfe benötigt zu haben. 64 Prozent derjenigen suchte dann tatsächlich einen Psychotherapeuten auf, um das Problem anzugehen. Unter denjenigen mit psychischen Problemen waren mehr Frauen (18 Prozent, Männer 11 Prozent) und dabei mehr der jüngeren und mittleren Altersgruppen (18 bis 59 Jahre). Unter Befragten in einer grundsätzlich weniger guten gesundheitlichen Verfassung sagten überdurchschnittlich viele, dass sie wegen eines psychischen Problems Hilfe in Anspruch nehmen mussten.

Skeptisch sind die Befragten über die geplanten Angebote für Videosprechstunden: 62 Prozent geben an, sie würden diese Angebote nicht nutzen wollen. Vor allem in den Altersgruppen zwischen 60 und 79 Jahren liegt die Skepsis weit über 60 Prozent. Dagegen erklären die Hälfte der zwischen 18- und 39-Jährigen, dass sie die Sprechstunde per Video nutzen würden. „Das legt den Schluss nahe, dass die meisten Menschen den persönlichen Kontakt zu ihrem Arzt bevorzugen und eine Fernbehandlung oder auch nur -beratung eher ablehnen“, sagte Dr. rer. soc. Thomas Kriedel, KBV-Vorstandsmitglied und zuständig für die Digitalisierung. Er warb dafür, dass trotz Digitalisierung die analogen Möglichkeiten beim Arztbesuch erhalten bleiben müssten. Die Onlineterminvergabe dagegen halten immer mehr Menschen für wichtig. Vor allem Menschen zwischen 18 und 59 Jahren wollen zum größten Teil ihre Termine online erledigen.

Rebecca Beerheide, Petra Bühring

Psychotherapie: Wartezeiten für Erstgespräch
Psychotherapie: Wartezeiten für Erstgespräch
Grafik 1
Psychotherapie: Wartezeiten für Erstgespräch
Psychotherapie: Wartezeiten Behandlungsbeginn
Psychotherapie: Wartezeiten Behandlungsbeginn
Grafik 2
Psychotherapie: Wartezeiten Behandlungsbeginn

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