ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Mehr Mut zur Zukunft

POLITIK: Kommentar

Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Mehr Mut zur Zukunft

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 401

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Die Psychotherapieforschung orientiert sich oftmals nicht mehr an den traditionellen Verfahrensgrenzen, sondern an evidenzbasierten verfahrensübergreifenden Ansätzen. Das sollte in einer zukünftigen reformierten Ausbildung berücksichtigt werden.

Prof. Dr. phil. Winfried Rief, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Philipps-Universität Marburg
Prof. Dr. phil. Winfried Rief, Klinische Psychologie und Psychotherapie, Philipps-Universität Marburg

Die Aus- und Weiterbildung in Psychotherapie ist in Deutschland stark an den traditionellen Psychotherapieverfahren (psychodynamisch, kognitiv-verhaltenstherapeutisch, systemisch) orientiert. Bei den Psychologen soll die postgraduale Weiterbildung grundsätzlich auf ein einziges traditionelles Verfahren ausgerichtet sein. Dieses Einschwören auf ein Verfahren bringt immer deutlicher werdende Nachteile mit sich. Manche Verfahren werden bei einigen Indikationen nicht von den Leitlinien empfohlen. Da Leitlinien die konsensuale Schlussfolgerung aus der vorliegenden Evidenz darstellen, bedeutet dies also, dass in einem psychotherapeutischen Monokulturen-system systematisch von der vorliegenden Evidenz abgewichen wird. Dies ist einzigartig, da alle medizinischen Facharztweiterbildungen ansonsten die Kompetenz zu leitlinienorientierter, evidenzbasierter Behandlung anstreben.

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Diese Orientierung an psychotherapeutischen Monokulturen spiegelt die aktuelle wissenschaftliche und praktische Realität nicht wider. Die Psychotherapieforschung der letzten zehn Jahre ist beeindruckend aktiv in Bereichen, die nicht den traditionellen Psychotherapieverfahren zugeordnet werden können. Für manche Neuentwicklungen (zum Beispiel Achtsamkeitsbasierte Therapien, Akzeptanz-und-Committment-Therapie) liegen weit mehr Evidenzbelege durch gut kontrollierte wissenschaftliche Studien vor als für mehrere der traditionellen in Deutschland zugelassenen Verfahren. Trotzdem sind diese neuen Ansätze in Deutschland nicht offiziell in die Versorgung integriert. Die aktuelle Psychotherapieforschung orientiert sich oftmals nicht mehr an Verfahrensgrenzen, sondern an einzelnen Krankheits- und Veränderungsmechanismen, prozessbasierten (1) und verfahrensübergreifenden Ansätzen. Ziel ist eine individualisierte Therapieplanung nach bester wissenschaftlicher Evidenz.

Im bestehenden Psychotherapie-system funktioniert Innovation nicht. Durch die Forderung der Monokultur eines Verfahrens muss zum Patientenschutz ein neues Verfahren vor Zulassung in einem breiten Feld seine Evidenz nachgewiesen haben. Das bedeutet für ein neues Verfahren jahrzehntelange wissenschaftliche Tätigkeit. Die Folge: Es wurde für kein neues Verfahren bislang die Anerkennung durch den Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) ausgesprochen (was nicht am WBP liegt, sondern am System). Nicht überraschend stellt sich mancher neue Ansatz unter den Mantel eines der bestehenden traditionellen Verfahren und findet schnell Verbreitung – unter Umständen ohne adäquate Evidenzbasierung.

Trotz dieser Bedenken wehren sich primär Vertreter traditioneller Verfahren gegen Veränderungsvorschläge an der Verfahrensmonokultur. Benecke führt aus, dass wissenschaftliche Fundierung nur innerhalb der einzelnen Verfahren möglich sei (2), dabei missachtend, dass Hunderte von Belegen für die Effektivität von Behandlungsansätzen außerhalb traditioneller Verfahren vorliegen. Andere Experten sehen die wesentlichen Wirkkomponenten in den verfahrensübergreifenden Wirkfaktoren, was ebenfalls gegen eine zu starke Verfahrensfixierung spricht (3). Selbstverständlich soll dies nicht als Plädoyer für theoriefreie Ausbildung fehlinterpretiert werden, sondern als Anregung zur Regelung einer Pluralisierung, die sowieso schon Realität ist. Man muss die Verfahrensbindung nicht völlig über Bord werfen, jedoch eine kluge Modifikation und Flexibilisierung entwerfen.

Mit der anstehenden Reform der Ausbildung müssen Psychotherapeuten stärker danach aus- und weitergebildet werden, die evidenzbasierten Behandlungsempfehlungen umzusetzen. Neue wissenschaftlich fundierte und überprüfte Ansätze müssen schneller in der Versorgung ankommen. Eine Kombination von Ansätzen verschiedener Verfahren sowie mit evidenzbasierten Neuentwicklungen muss in der Aus-, Weiterbildung und Versorgung möglich sein. Evidenzbasierung bedeutet dabei immer auch dynamische Veränderung in der Bewertung und Gewichtung von Behandlungsansätzen, nicht statisches Festhalten an Bestehendem.

1.
Hofmann SG, Hayes SC: The Future of Intervention Science: Process-Based Therapy. Clinical Psychological Science 2018; 7 (1): 37–50.
2.
Benecke C: Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Theoriesystem der Krankheitsentstehung. Deutsches Ärzteblatt PP 2019; (8): 348.
3.
Wampold BE, Imel ZE, Flückiger C: Die Psychotherapie-Debatte: Was Psychotherapie wirksam macht. Hogrefe; 2018.
1. Hofmann SG, Hayes SC: The Future of Intervention Science: Process-Based Therapy. Clinical Psychological Science 2018; 7 (1): 37–50.
2. Benecke C: Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung: Theoriesystem der Krankheitsentstehung. Deutsches Ärzteblatt PP 2019; (8): 348.
3. Wampold BE, Imel ZE, Flückiger C: Die Psychotherapie-Debatte: Was Psychotherapie wirksam macht. Hogrefe; 2018.

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