ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Psychotherapie in der Schweiz: Eine ärztlich angeordnete Behandlung

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Psychotherapie in der Schweiz: Eine ärztlich angeordnete Behandlung

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 402

Sonnenmoser, Marion

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Jahrzehntelang mussten psychologische Psychotherapeuten im Rahmen des „Delegationsmodells“ angestellt in den Praxen der delegierenden Ärzte arbeiten. Seit Ende Juni wurde ihnen mit dem „Anordnungsmodell“ erstmals ermöglicht, Psychotherapien in eigener Praxis und selbstständiger Abrechnung mit den Krankenkassen anzubieten. Doch weiterhin auf Anordnung von Ärzten.

Foto: pop-jop/iStockphoto
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Die moderne Psychotherapie in der Schweiz begann mit der Psychoanalyse. Erste Bestrebungen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, gingen vor allem von Psychiatern aus. So zum Beispiel von Eugen Bleuler (1857–1939), der als Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich („Burghölzli”) zusammen mit einer Gruppe von Ärzten die Psychoanalyse in die Psychiatrie einführte und damit neben dem deutschen Psychiater Emil Kraepelin (1856–1926) und dem österreichischen Neurologen und Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud (1856–1939), den Grundstein für die Psychiatrie des 20. Jahrhunderts legte. Schnell wurde Zürich zum wichtigsten Ort für die Rezeption und Ausbreitung der Psychoanalyse, sodass der in Wien praktizierende Freud 1910 in Betracht zog, seinen Mittelpunkt dorthin zu verlegen und Zürich zur „Welthauptstadt der psychoanalytischen Bewegung“ zu machen.

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Im selben Jahr gründete Freud zusammen mit anderen Psychoanalytikern in Nürnberg die Internationale Psychoanalytische Vereinigung, allerdings führten inhaltliche Differenzen zwischen ihm und den ersten Schweizer Psychoanalytikern in den folgenden Jahren zu Trennungen und zur Entwicklung einer eigenständigen Richtung, etwa durch den Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875–1961, Archetypen-Lehre), den Schweizer Psychiater Ludwig Binswanger (1881–1966, Daseinsanalyse) oder den 1944 nach Zürich emigierten, ungarischen Arzt und Psychiater Leopold Szondi (1893–1986, Schicksalsanalyse).

Bruch zwischen Freud und Jung

Auch Bleuler stand der Psychoanalyse zunehmend kritisch gegenüber und trat nicht der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung bei, sodass eine längerfristige Integration von Psychoanalyse und Psychiatrie nicht gelang. Nach dem Bruch 1913 zwischen Freud und Jung trat die Zürcher Sektion aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung aus und die Schweizer Psychoanalyse versank für viele Jahre in Bedeutungslosigkeit.

Nach dem Zweiten Weltkrieg etablierten sich in der Schweiz schnell viele neu entstandene Therapieformen wie zum Beispiel Verhaltenstherapie, Gestalttherapie, humanistische Therapien, Körperpsychotherapie, Gesprächspsychotherapie, Systemische Therapie und Transaktionsanalyse. Heute sind 23 Therapiemethoden zugelassen. Die Zulassung erfolgt durch die Schweizer Charta für Psychotherapie als Konferenz der Weiterbildungsinstitutionen und Fachverbände innerhalb der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP), den Schweizerischen Berufsverband für angewandte Psychologie (SBAP) sowie die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) (siehe Kasten „Berufsverbände“).

Die Psychoanalyse als psychotherapeutisches Verfahren blieb lange Zeit der bürgerlichen Oberschicht vorbehalten. Ab den 1960er- Jahren erfolgte dann jedoch eine Popularisierung von Psychologie und Psychotherapie („Psychoboom“) und die Nachfrage stieg in sämtlichen Gesellschaftsschichten. Dadurch nahm auch die Zahl der psychotherapeutischen Praxen, der Psychologiestudierenden und der angebotenen Psychotherapien zu. Allerdings erfolgte das explosionsartige Wachstum psychotherapeutischer Angebote unreguliert, sodass sich bald neben seriösen auch zahlreiche zweifelhafte Anbieter um neue Klienten bemühten. Dieser unübersichtliche „Psycho-Markt“ blieb über Jahrzehnte hinweg bestehen. Dafür gibt es viele Gründe, beispielsweise Desinteresse und Uninformiertheit über Psychotherapie seitens vieler Politiker sowie Dominanz und Statuserhaltbestrebungen seitens der Ärzteschaft.

Großer Einfluss der Ärzteschaft

Letzteres ist damit zu erklären, dass die Ärzteschaft in der Schweiz maßgeblichen Einfluss auf die gesetzlichen Normen im Gesundheitswesen hatte und hat. Ihr Berufsstand ist in der Schweiz quasi unter staatlichen Schutz gestellt und wichtige Bestimmungen in den Bundes- und Kantonsverfassungen waren und sind ganz auf die Dominanz der Ärzte ausgerichtet. Im Eidgenössischen Bundesgesetz über die Freizügigkeit der Medizinalpersonen von 1877 ist geregelt, dass Ärzte berechtigt sind, mit oder ohne Spezialbewilligung in allen medizinischen Disziplinen tätig zu sein, und auch ohne spezifische Qualifikation Psychotherapien durchführen dürfen. Ärzte waren daher lange Zeit die einzigen Anbieter von Psychotherapie. Während die Ärzte für Psychotherapien von den Krankenkassen entschädigt wurden, erhielten die ersten Psycho- und Daseinsanalytiker ihr Honorar direkt von ihrer wohlhabenden Klientel. Insgesamt gab es jedoch in den ersten Jahrzehnten nur sehr wenige Psychotherapiepatienten. Das änderte sich schlagartig mit der Popularisierung von Psychotherapie und Psychologie und durch die gesellschaftlichen Verwerfungen in den 1960er-Jahren. Ab diesem Zeitraum kamen immer mehr Menschen mit psychischen Problemen hinzu, von denen sich aber viele eine privat finanzierte Psychotherapie nicht leisten konnten. Außerdem entstanden immer mehr Therapieschulen. Bald stellten sich drängende Fragen nach der Versorgung und Kostenübernahme für Psychotherapie, nach der Seriosität psychotherapeutischer Verfahren sowie nach der Position und Qualifikation derjenigen, die Psychotherapien anbieten dürfen. Die Politik war mit diesen vielen Problemen stellenweise überfordert. Sie zögerte lange, darauf zu reagieren, und ließ sich von Ärzten und Wissenschaftlern leiten, die wiederum ihre eigenen Interessen wahren wollten. Parallel dazu begannen viele nichtärztliche Psychotherapeuten, sich in Berufsverbänden zu organisieren und ihre Rechte auf gerichtlichem Weg einzufordern. Es folgte ein langes und zähes Ringen um den Status nichtärztlicher Psychotherapeuten, zu dem der Zürcher Psychoanalytiker Dr. phil. Anton M. Fischer meint: „In diesem Land wird bei jedem neuen Projekt zuerst nach den Kosten gefragt, manche gute Idee stirbt deswegen einen schnellen Tod, bevor die Frage nach ihrem Nutzen überhaupt gestellt wird.“ Dennoch ging es langsam voran und in den folgenden Jahren wurden verschiedene Beschlüsse und Verordnungen erlassen, die dazu beitrugen, die Berufe des Psychologen und Psychotherapeuten zu definieren sowie die berufsbezogene Ausbildung, Weiterbildung und Berufsausübung zu regeln:

  • 1979 wurden die Berufe „Psychotherapeut“ und „Psychologe” als wissenschaftliche Berufe anerkannt und erhielten eine juristische Legimitation.
  • 1992 schrieb eine vom Regierungsrat erlassene Verordnung über die Berufe der Gesundheitspflege für die Weiterbildung zum Psychotherapeuten zwingend ein Hochschulstudium in Psychologie, einschließlich Psychopathologie, vor und darüber hinaus 200 Stunden Theorie, eine therapeutische Selbsterfahrung von 200 Stunden in der später praktizierten Therapieform, 200 Stunden Supervision bei selbstständigen Psychotherapeuten oder Spezialärzten für Psychiatrie und Psychotherapie sowie drei Jahre unselbstständige Berufsausübung in einer Klinik oder einem Ambulatorium.
  • 1993 wurde die schulenübergreifende Schweizer Charta für Psychotherapie von 27 Ausbildungsinstitutionen, Fach- und Berufsverbänden unterzeichnet. Die Charta hat zum Ziel, die Qualitätssicherung und Weiterentwicklung der Psychotherapie zu gewährleisten.
  • 2013 trat das Bundesgesetz über die Psychologieberufe (PsyG) in Kraft, mit dem die geschützten Berufsbezeichnungen für psychologische Berufe eingeführt und die Ausbildung, Weiterbildung und Berufsausübung von Psychotherapeuten geregelt wurde. Gemäß dem PsyG wurden die 60 in der Schweiz tätigen Weiterbildungsinstitutionen vorläufig akkreditiert und es wurde festgelegt, dass Kandidaten, die eine Weiterbildung in Psychotherapie beginnen möchten (siehe Kasten „Inhalte und Kosten einer Ausbildung“), ein abgeschlossenes Psychologiestudium vorweisen müssen.

Die hohe berufliche Qualifizierung von nichtärztlichen Psychotherapeuten und die bundesgerichtliche Anerkennung ihres Berufsstands bedeutete allerdings nicht automatisch eine Anerkennung durch die Krankenkassen. Da diese nicht gewillt waren, die selbstständige psychotherapeutische Tätigkeit von Nichtärzten freiwillig in ihren Leistungskatalog aufzunehmen, leisteten sie erheblichen Widerstand und warnten beispielsweise in den 1980er-Jahren vor einer gemutmaßten Prämienerhöhung von zehn Prozent. Die zusätzlichen Kosten für nichtärztliche Psychotherapie veranschlagten sie ohne Nachweis auf eine Viertelmilliarde Franken. Obwohl die tatsächlichen Kosten weit darunter lagen, ließen sich die politischen Gremien und die Kassen nicht dazu bringen, nichtärztliche Psychotherapie in die Grundversicherung aufzunehmen. Das ist bis heute so.

Delegierte Psychotherapie

Der Psychoboom und die daraus folgenden Versorgungsprobleme bewirkten, dass sich die Lage in den 1970er-Jahren dramatisch zuspitzte: Die ärztlichen Psychotherapeuten und Psychiater konnten den steigenden Bedarf an Psychotherapie nicht mehr decken. Nichtärztliche Psychotherapeuten hatten jedoch keine Kassenzulassung. Gleichzeitig benötigten immer mehr Menschen eine Psychotherapie, die sie aber nicht zahlen konnten. In dieser Notlage und aufgrund eines Urteils des Eidgenössischen Versicherungsgerichts (EVG) in Luzern etablierte sich 1981 eine Sonderform der Psychotherapie in der Schweiz: die delegierte Psychotherapie.

Die delegierte Psychotherapie (Delegationsmodell) sieht vor, dass Ärzte, die über keine psychotherapeutische Qualifikation verfügen müssen, psychische Erkrankungen bei Patienten beurteilen und deren Behandlung an Psychotherapeuten delegieren. Diese Psychotherapeuten sind in der Praxis der delegierenden Ärzte angestellt, sind in deren Räumen tätig und stehen unter ihrer Aufsicht. Auch sie müssen keinen Nachweis über ihre Ausbildung erbringen, weil ihre Arbeit durch die Ärzte legitimiert ist.

Die Ärzte rechnen die Arbeit der angestellten Psychotherapeuten über die Krankenkassen ab und geben ihnen einen fixen Lohn. Beispielsweise legten die Zürcher Ärztegesellschaft und der Verband Zürcher Krankenversicherer einen Tarif für nichtärztliche Psychotherapie fest, der weit unter dem für ärztliche Psychotherapie lag. Die Psychotherapeuten im Kanton Zürich bekamen 80 Franken pro Therapiestunde, die Psychiater 180 Franken. Ab 2004 wurden die Sätze zwar angehoben, aber die ungleiche Bezahlung blieb bestehen: Psychotherapeuten verdienten nun 133 Franken pro Therapiestunden, während die Psychiater 191 Franken erhielten. Vom mageren Lohn mussten viele delegierte Psychotherapeuten Sozialversicherungsbeiträge und Praxismiete zahlen.

„Für unternehmerisch begabte Ärzte eröffneten sich neue Optionen”, meint der Zürcher Historiker und Publizist Walter Aeschimann. „Sie konnten ihr Einkommen erheblich steigern, indem sie ihre Praxen mit delegiert arbeitenden Psychotherapeuten füllten.“ Nach Aeschimann gab es zunächst keine zahlenmäßige Beschränkung der angestellten Psychotherapeuten. Während der Hochkonjunktur arbeiteten in den Arztpraxen mehrere Psychotherapeuten, darunter einige ohne hinreichende Qualifikation. Die Ärzte zahlten ihnen einen minimalen Lohn und konnten die Differenz zur Krankenkassenzahlung als Gewinn verbuchen. Ein Zusatzverdienst von mindestens 20 000 Franken pro Monat war dadurch gut möglich. Dieses Vorgehen war laut Aeschimann zwar nicht die Regel, aber legal und auch nicht selten. Wenn hingegen delegiert arbeitende Psychotherapeuten angesichts ihres niedrigen Verdienstes Sonderregelungen mit ihren Patienten trafen und separate Rechnungen ausstellten, war dies illegal. Der ehemalige Vizepräsident des Schweizerischen Psychotherapeuten Verbands (SPV), Dr. phil. Ernst Sprengler, kritisierte mehrfach die Vereinbarung zwischen Ärzten und Krankenkassen, indem er darauf verwies, dass einerseits qualifizierte selbstständig erwerbende Psychotherapeuten als Leistungserbringer der Kran­ken­ver­siche­rung nicht zugelassen sind, andererseits aber die Tätigkeit angestellter Psychotherapeuten ohne Qualifikationsanforderungen in der delegierten Psychotherapie von der Krankenkasse als Pflichtleistung bezahlt werden muss.

Missliche Lage

Um diese Missbräuche zu unterbinden und die eigenen Interessen zu wahren, wurde 1993 die Gesellschaft delegiert arbeitender Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (GedaP) gegründet. Sie erzielte zwischenzeitlich zwar eine Vereinbarung zwischen Ärzten und Psychotherapeuten, nach der beide Seiten den Nachweis fachlicher Qualifikation erbringen müssen, die Zahl der in einer Praxis delegiert tätigen Psychotherapeuten beschränkt und eine Obergrenze für verrechenbare Therapiestunden festgelegt wurden, aber an der insgesamt misslichen Lage änderte dies nicht viel.

Momentan sind etwa 2 000 der nichtärztlichen Psychotherapeuten delegiert tätig, weil sie weniger begüterten Patienten eine Psychotherapie ermöglichen wollen, weil sie keine andere Möglichkeit haben, über die Grundversicherung der Krankenkasse abzurechnen und weil sie nicht allein auf selbstzahlende Patienten angewiesen sein wollen. Dafür zahlen sie jedoch einen hohen Preis, denn ihre finanzielle Situation ist unbefriedigend und die delegierte Tätigkeit entspricht nicht ihrem Grundverständnis und ihrer Qualifikation. Außerdem empfinden sie den Verlust an Autonomie und die Abhängigkeit von Ärzten als schwierig, belastend, mühsam, diskriminierend und demütigend. Viele fühlen sich gar als „Handlanger” und „Hilfspersonal” und beklagen sich über die Bevorzugung und das Monopol der Ärzte. Selbstständig in eigener Praxis zu arbeiten, ist für viele nichtärztliche Psychotherapeuten allerdings keine Alternative, da sie dann nur Patienten annehmen können, die ihre Therapie selber bezahlen oder eine freiwillige Zusatzversicherung haben. Für viele Schweizer stellen die Beiträge zur Krankenkasse jedoch eine hohe finanzielle Belastung dar, sodass sie immer weniger Zusatzversicherungen abschließen.

Das Delegationsmodell hat noch weitere gravierende Nachteile. So müssen zum Beispiel Patienten, die eine Psychotherapie nicht selbst bezahlen können, lange Wartezeiten in Kauf nehmen. Es mangelt an Therapieplätzen, weil es nicht genug Ärzte gibt, die Delegationen vornehmen wollen. Außerdem entspricht die Qualifizierung einiger Psychotherapeuten nicht dem PsyG. Solche Defizite im Gesundheitssystem können dazu führen, dass psychische Erkrankungen nicht fachgerecht oder zu spät behandelt werden, was Chronifizierung, teure stationäre Aufenthalte und Arbeitsausfälle zur Folge haben kann. Die delegierte Psychotherapie war zunächst nur als Übergangslösung gedacht, besteht aber bis heute fort. Das liegt zum einen an der Politik, die eine Systemänderung aus Kostengründen immer wieder vertagt hat, zum anderen am Widerstand von Krankenkassen und Ärzteschaft. Doch am 26. Juni wurden die zahlreichen Vorstöße von Psychologen- und Psychotherapeutenverbänden sowie jüngst eine Petition der Schweizer Bevölkerung, das Delegationsmodell durch ein Anordnungsmodell abzulösen, von Erfolg gekrönt. Der Bundesrat erklärte nämlich, dass das momentan gültige System nicht mehr angemessen sei und daher geändert werden müsse, und eröffnete die Vernehmlassung über die Einführung des Anordnungsmodells für die psychologische Psychotherapie.

Angeordnet durch den Arzt

Das Anordnungsmodell sieht vor, dass nichtärztliche Psychotherapeuten ihre Psychotherapien in eigener Verantwortung in der eigenen Praxis anbieten und selbstständig über die Grundversicherung abrechnen können, sofern die Behandlungen von einem Arzt angeordnet wurden. Der Arzt muss nicht mehr zwingend ein Psychiater, sondern kann auch Haus-, Kinder- oder Frauenarzt sein. Die finanziellen Interessen von Ärzten werden nivelliert, da sie an den Therapien nichts mehr verdienen. Darüber hinaus sollen mit dem Anordnungsmodell der Zugang zu Psychotherapie erleichtert, Versorgungsengpässe in Krisensituationen reduziert, Wartefristen verkürzt und die Versorgung für Patienten auf dem Land sowie für Kinder und Jugendliche verbessert werden. Der Bundesrat schätzt die zukünftigen Mehrkosten in der Grundversicherung auf 100 Millionen Franken pro Jahr. Das entspricht dem Betrag, den Patienten heute selber für die Psychotherapie bezahlen oder über die Zusatzversicherungen gezahlt werden.

Während sich Psychologen- und Psychotherapeutenverbände durch die Eröffnung der Vernehmlassung endlich bestätigt sahen, meldeten Ärzteverbände und Krankenkassen Kritik und Zweifel an. Beispielsweise sind die Krankenkassen, insbesondere der Krankenkassenverband Santésuisse, dagegen, dass in Zukunft jeder Arzt eine Psychotherapie verordnen darf, und wollen dies weiterhin nur fachlich qualifizierten Ärzten überlassen, um die Qualität sicherzustellen. Sie befürchten eine teure Mengenausweitung (Mehrkosten) und fordern bei übermäßigem Kostenwachstum ein regulierendes Eingreifen der Regierung. Ebenso sind viele Psychiater mit dem Anordnungsmodell nicht einverstanden. Sie argumentieren, dass die Behandlungsqualität leiden würde, wenn die psychologischen Psychotherapeuten selbstständiger würden. Dr. med. Pierre Vallon, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, meint: „Für Krisen und Notfälle sind die Psychologen weniger gut ausgebildet.“ Und Prof. Dr. med. Erich Seifritz, Chefarzt für Erwachsenenpsychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, geht davon aus, dass die fehlende Kontrolle durch Ärzte im Anordnungsmodell „verheerende Auswirkungen“ auf die Behandlungsqualität haben werde. Er hält die Therapieindikationsstellung für eine rein ärztliche Aufgabe und erwartet eine Steigerung der Gesundheitskosten durch den Systemwechsel, wobei die Mengenausweitung (Mehrkosten) durch den Wegfall der psychiatrischen Koordinationsfunktion und die steigende Zahl der psychologischen Leistungserbringer bedingt werde. Seifritz nimmt an, dass Menschen mit schweren psychischen Störungen zukünftig weniger Chancen auf einen Therapieplatz hätten als heute, weil sich die psychologischen Psychotherapeuten vor allem um die leichteren Fälle kümmern würden, und plädiert für den Status quo.

Auch die Regierung blieb skeptisch und baute einige Sicherungen in das Anordnungsmodell ein: Um den erwarteten Kostenschub zu begrenzen, muss eine Psychotherapie weiterhin von einem Arzt verschrieben werden. Der Arzt darf maximal 15 Sitzungen verschreiben, danach muss eine Neubeurteilung erfolgen. Außerdem muss der Arzt nach 30 statt wie bisher 40 Sitzungen Rücksprache mit der Krankenkasse nehmen, bevor er weitere anordnen kann.

Gleichstellung gefordert

Die Schweizer Psychologen- und Psychotherapeutenverbände setzen sich nun dafür ein, dass die vorgeschlagene Verordnungsänderung bald in Kraft gesetzt werden kann. Die Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP) sieht allerdings auch das Anordnungsmodell nur als Zwischenlösung an, da darin Psychotherapie weiterhin ein ärztlicher Hilfsberuf bliebe und psychotherapeutische Behandlungen nur auf ärztliche Anordnung hin mit der Grundversicherung abgerechnet werden könnten. Sie arbeitet deshalb darauf hin, dass der Psychotherapieberuf versicherungstechnisch dem Arztberuf gleichgestellt wird und Psychotherapeuten vollkommen selbstständig arbeiten und abrechnen können. Marion Sonnenmoser

Berufsverbände (Auswahl)

  • Assoziation Schweizer Psychotherapeuten (ASP) (https://psychotherapie.ch/wsp/): Die ASP ist die Berufsvereinigung der Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in der Schweiz. Ihr sind 850 Einzelmitglieder mit eidgenössisch anerkanntem Fachtitel Psychotherapie ASP sowie 22 Weiterbildungsinstitute angeschlossen. Sie wurde 1979 gegründet (als Schweizer Psychotherapeuten Verband, SPV) und setzt sich zum Beispiel für qualifizierte psychotherapeutische Leistungen als Grundbestandteil des Gesundheitswesens, Vernetzung im Gesundheitswesen, den konstruktiven Dialog mit anderen Berufsverbänden und für die Wirtschaftlichkeit des Psychotherapieberufes ein.
  • Förderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) (www.psychologie.ch): Die FSP wurde 1987 gegründet und ist mit 8 000 Mitgliedern (davon 50 Prozent Psychotherapeuten) in 45 Fach- und Kantonalverbänden der größte Berufsverband von männlichen und weiblichen Psychologen in der Schweiz. Aktuell engagiert sich die FSP vor allem in drei berufspolitischen Projekten mit dem Ziel, die Attraktivität und das Ansehen der Psychologieberufe zu verbessern, zum Beispiel durch die Aufnahme der psychologischen Psychotherapie als eigenständige Leistung in die Grundversicherung. 

Inhalte und Kosten einer Ausbildung (Beispiele)

  • Eine Ausbildung zum Psychotherapeuten in kognitiver Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin kostet beispielsweise am Psychologischen Institut der Universität Zürich 45 000 Franken und umfasst 53 Kurse zur Wissens- und Könnensaneignung, 50 Stunden Einzelsupervision und 150 Stunden Kleingruppensupervision sowie 100 Stunden Selbsterfahrung. Hinzu kommen zwei Jahre eine Vollzeittätigkeit in einer Einrichtung der psychosozialen Versorgung und eine eigene therapeutische Tätigkeit mit 500 Stunden und mindestens acht abgeschlossenen Therapien. Nach zwei erfolgreich bestandenen Prüfungen darf der Titel „Eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut“ und der universitäre Titel „Master of Advanced Studies in Psychotherapy (MASP)“ geführt werden.
  • Eine Ausbildung zum Psychoanalytiker nach C. G. Jung kostet beispielsweise am ISAPZÜRICH 59 000 bis 65 000 Franken und umfasst 500 Stunden Theorie, 200 Stunden Lehranalyse/Selbsterfahrung, 80 Stunden Einzelsupervision, 70 Sitzungen Gruppensupervision, zwei Jahre klinische Arbeit, 500 Klientenstunden und berechtigt nach erfolgreich bestandenen Seminararbeiten und Prüfungen das Führen des Titels „Eidgenössisch anerkannter Psychotherapeut“ und des vom Institut vergebenen Titels „Jungscher Analytiker mit Diplom in Analytischer Psychologie C. G. Jung“.
1.
Aeschimann W: Psychotherapie in der Schweiz. Vom Ringen um die Anerkennung eines Berufsstandes. Jubiläumsschrift 40 Jahre ASP. Zürich: ASP 2019.
2.
Boerner RJ: Eugen Bleuler und Sigmund Freud. Das Scheitern der frühen Integration von Psychiatrie und Psychoanalyse. Nervenheilkunde 2015; 34 (05): 351–4.
3.
Buddeberg C: Psychosoziale Medizin, Psychosomatik und Psychotherapie in der Schweiz. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 2004; 50 (4): 346–4.
4.
Fischer AM: Sigmund Freuds erstes Land: Eine Kulturgeschichte der Psychotherapie in der Schweiz. Gießen: Psychosozial-Verlag 2013.
5.
gfs.bern: Gesundheitsmonitor 2019. Im Auftrag der Interpharma. Qualität vor Kosten, sinkende Bereitschaft zu Verzicht. Bern: gfs.bern 2019.
1.Aeschimann W: Psychotherapie in der Schweiz. Vom Ringen um die Anerkennung eines Berufsstandes. Jubiläumsschrift 40 Jahre ASP. Zürich: ASP 2019.
2.Boerner RJ: Eugen Bleuler und Sigmund Freud. Das Scheitern der frühen Integration von Psychiatrie und Psychoanalyse. Nervenheilkunde 2015; 34 (05): 351–4.
3.Buddeberg C: Psychosoziale Medizin, Psychosomatik und Psychotherapie in der Schweiz. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 2004; 50 (4): 346–4.
4.Fischer AM: Sigmund Freuds erstes Land: Eine Kulturgeschichte der Psychotherapie in der Schweiz. Gießen: Psychosozial-Verlag 2013.
5.gfs.bern: Gesundheitsmonitor 2019. Im Auftrag der Interpharma. Qualität vor Kosten, sinkende Bereitschaft zu Verzicht. Bern: gfs.bern 2019.

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