ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Carl Gustav Carus: Lehre vom Unbewussten

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Carl Gustav Carus: Lehre vom Unbewussten

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 413

Goddemeier, Christof

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Vor 150 Jahren starb der Arzt und Philosoph Carl Gustav Carus. Die Entwicklungsgeschichte der Seele vom Unbewussten zum Bewusstsein war für ihn zentral. Als Somatiker war er der Ansicht, dass der Psychiater den körperlichen Ursprung einer seelischen Störung herausfinden soll.

„Der Schlüssel zur Erkenntniß vom Wesen des bewußten Seelenlebens liegt in der Region des Unbewußtseins.“ Carl Gustav Carus. Foto: picture-alliance/akg
„Der Schlüssel zur Erkenntniß vom Wesen des bewußten Seelenlebens liegt in der Region des Unbewußtseins.“ Carl Gustav Carus. Foto: picture-alliance/akg

Carl Gustav Carus steht ideengeschichtlich an der Schwelle zwischen Romantik und Mesmerismus sowie moderner Psychotherapie und Psychoanalyse. Der universal Gebildete betätigte sich als Arzt, Naturwissenschaftler, Philosoph, Anthropologe und Landschaftsmaler, tauschte sich in Briefen mit Johann Wolfgang von Goethe und Alexander von Humboldt aus und war mit dem Maler Caspar David Friedrich befreundet. In seinem Werk „Psyche. Zur Entwicklungsgeschichte der Seele“ führte er zum ersten Mal eine Lehre vom Unbewussten in die Medizin ein. Seine Erkenntnismethode nannte er „synthetisch-contemplativ“. Damit grenzte er sich sowohl von Spekulationen der Romantik als auch von der im 19. Jahrhundert aufkommenden, empirisch orientierten Forschungsweise ab und suchte, deren „analytisch-inquisitorische[s]“ Verfahren zu einem Gesamtbild zu ergänzen.

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1789 wird Carl Gustav Carus als einziges Kind seiner Eltern in Leipzig geboren. Diese führen gemeinsam eine Färberei. Bis zum zwölften Lebensjahr wird Carus zu Hause unterrichtet, dann besucht er die berühmte Thomasschule in Leipzig. Bereits mit fünfzehn Jahren erhält er eine Universitätsempfehlung. Zunächst studiert er Naturwissenschaften, zwei Jahre später wechselt er zur Medizin. Zum Aufbau des Studiums bemerkt er kritisch: „Anstatt daß dem jungen Geiste zuerst und hauptsächlich nur das Concrete dargeboten werden sollte (…) liebte man es, gewisse abgezogene Begriffe (…) mitzutheilen und davon Befriedigung des Wissens zu verheißen!“ Auch wenn er die Vorlesungen Ernst Platners als „die trostlosesten“ bezeichnet, bewahrt ihn dessen „angeregter und vertheidigter Skepticismus“ vor den Spekulationen „gewisse[r] phantastische[r] Naturphilosophen“. Den „Psychiker“ Johann Christian Heinroth erlebt Carus als anregend und förderlich. Doch dessen pietistische Ansichten von der „Sündhaftigkeit des Menschen als nächstem Grund von Krankheit und namentlich psychischen Krankheitszuständen“ lehnt er ab. 1811 wird Carus promoviert und erwirbt den Titel „Doktor der Philosophie“, mit dem „Entwurf einer allgemeinen Lebenslehre“ habilitiert er sich. Im gleichen Jahr heiratet er die einige Jahre ältere Karoline, eine Stiefschwester seines Vaters. Es folgt eine Phase sozialer Unsicherheit – man befindet sich im Krieg mit Napoleons Truppen, und Carus verdient als Privatdozent nur wenig. Er leitet ein Militärspital und arbeitet als Armenarzt in Leipzig. Eine Professur für Anatomie und Physiologie in Dorpat, Estland, lehnt er ab; 1814 wird er Professor für Geburtshilfe in Dresden. Er arbeitet wissenschaftlich und veröffentlicht zwei Lehrbücher für Zootomie und Gynäkologie. Seine Arztpraxis erfährt großen Zuspruch, auch in Adelskreisen ist Carus gefragt. 1822 wird er zum Königlich-Sächsischen Leibarzt berufen.

Um 1800 entstehen verschiedene Zeitschriften, die sich mit empirischer Psychologie beschäftigen. In seinem Aufsatz „Aussichten zur Experimentalseelenkunde“ (1782) entwickelt Karl Philipp Moritz erstmals das Programm einer auf Empirie gegründeten Psychologie. „Fakta, und kein moralisches Geschwätz“ stellt er seiner Zeitschrift „Gnothi seauton oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“ als Leitspruch voran. Damit ist allerdings noch keine empirische Psychologie im modernen Sinn zu verstehen, sondern eine Psychologie, die auf Introspektion und möglichst unvoreingenommener Wahrnehmung eigener Seelenzustände beruht (Sachs-Hombach). Moritz ist vor allem als Autor des autobiografischen Romans „Anton Reiser“ bekannt, in dem er „vorzüglich die innere Geschichte des Menschen“ erzählt.

Carusʼ Lehrbuch der Gynäkologie ist das früheste systematische Lehrbuch auf diesem Gebiet. Als erster im deutschen Sprachraum verwendet er den Begriff Gynäkologie, und als erster integriert er die zeitgenössische Anthropologie zu einer „Wissenschaft vom Weibe“ (Claudia Honegger). In seinen Lebenserinnerungen notiert er bereits 1820, dass sein Interesse sich von der Anatomie zur „Kunde vom Menschen“ ausrichtet. Dabei bleibt seine medizinisch-physiologische Ausbildung auch für seine anthropologischen und psychologischen Ansätze bedeutsam. Er ist überzeugt, dass für eine Seelenkunde die physiologisch fundierte Kenntnis von der Gesamtnatur des Menschen unerlässlich ist. Hier liefert Platner wertvolle Anregungen: Zwar hält er am Dualismus der Lehre Descartesʼ fest; doch definiert er Anthropologie als Disziplin, welche das wechselseitige Verhältnis von Körper und Seele untersuche. Das Leib-Seele-Problem lösen er und andere mit der „Influxustheorie“. Demnach übt der Körper einen realen Einfluss auf die immaterielle Seele aus.

Carus setzt sich intensiv mit Moritz auseinander. Von ihm übernimmt er, dass seelische Störungen sich aus der individuellen Geschichte herleiten lassen: „(…) irgendeine verkehrte Richtung, welche späterhin das psychische Leben eines Menschen ganz verunstaltet, ihren ersten Keim, ihre erste Begründung größtenteils in dieser Periode“, gemeint sind Kindheit und Jugend, „nachweisen lassen wird.“ („Vorlesungen über Psychologie“) Gotthilf Schubert hat in seiner Schrift „Die Symbolik des Traumes“ (1814) vor allem die Entfremdung des Menschen von seinem Ursprung und die daraus resultierenden Störungen gesehen. Für Carus ist dagegen die Entwicklungsgeschichte der Seele vom Unbewussten zum Bewusstsein zentral. Demnach kehren Träumende im Traum vom bewussten Seelenleben ins Unbewusste zurück. Mit Schubert vergleicht er den Träumer mit einem Poeten, „der auch die Bilder aufruft und zur größten Deutlichkeit zu bringen sucht, welche den Gefühlen, die ihn innerlichst bewegen, möglichst adäquat sind“.

Welche Bedeutung Carus dem Unbewussten beimisst, belegt der Eingangssatz seines Werks „Psyche“: „Der Schlüssel zur Erkenntniß vom Wesen des bewußten Seelenlebens liegt in der Region des Unbewußtseins.“ Dies kann bei Carus das Göttliche bezeichnen, das menschlicher Erkenntnis grundsätzlich nicht zugänglich ist. Obwohl es also dem höchsten Bewusstsein entspricht, muss es für uns unbewusst bleiben. Zudem kann es das meinen, was grundsätzlich bewusstseinsfähig ist, jedoch gerade nicht gewusst wird. Und einer dritten Variante des Unbewussten entspricht das „Bewußtlose“, dasjenige, das über kein Bewusstsein verfügt (Müller-Tamm). Vom „absolut Unbewussten“, das als „allgemeines“ das Dasein als Embryo und als „partielles“ das nachgeburtliche Dasein bis zur Bewusstwerdung meint, unterscheidet Carus das „relativ Unbewusste“, „d. h. jener Bereich eines wirklich schon zum Bewußtsein gekommenen Seelenlebens, welcher jedoch für irgendeine Zeit wieder unbewußt geworden ist, immer jedoch auch wieder ins Bewußtsein zurückkehrt (...)“ Demnach ist der Begriff des Unbewussten bei Carus nicht konsistent und teilweise widersprüchlich und lässt sich nicht geradlinig in die Psychoanalyse Sigmund Freuds überführen; doch weisen seine Vorstellungen auf Freuds Modell des psychischen Apparats voraus. Sein nervenphysiologisch begründetes Konzept des „Gemeingefühls“ als Instanz der Vermittlung zwischen Körper und Psyche löst die Influxustheorie ab und liefert eine Grundlage moderner psychosomatischer Anschauungen.

Nie in der Psychiatrie tätig

In der Psychiatrie war Carus nie tätig, an seinem Gesamtwerk haben seine Arbeiten auf diesem Gebiet einen vergleichsweise geringen Anteil. Eigenen Angaben zufolge interessiert Carus sich jedoch zeitlebens „für ungewöhnliche psychische Zustände“. Dabei sieht er Geisteskrankheiten eindeutig als „Hirnkrankheiten“. Bei seiner ärztlichen Tätigkeit macht er Erfahrungen mit leichten Seelenstörungen und psychischen Symptomen bei körperlich begründeten Erkrankungen, etwa Fieber und Rausch. Mehrfach besucht Carus Irrenhäuser in Deutschland, Florenz, London und Paris und tauscht sich mit bedeutenden Irrenärzten wie Heinroth und Ernst Horn aus. Sein Freund Friedrich Nasse ist wie Carus der Ansicht, dass psychische Störungen somatisch begründet sind. Beim Besuch des Ospizio San Bonifazio in Florenz kritisiert Carus die Situation der Kranken: Sie „sind wirklich in diesen Zellen mehr gleich wilden Tieren oder Verbrechern, als gleich Personen, die unsers Mitleids im höchsten Grade bedürfen, eingesperrt“.

Gesundung durch die Natur

Als Somatiker ist Carus der Ansicht, dass der Psychiater den körperlichen Ursprung einer seelischen Störung herausfinden soll. Die Behandlung erfolgt „wie in allen anderen Krankheiten“ durch Medikamente und diätetische Vorschriften. Vor allem vertraut er jedoch auf die „vis medicatrix naturae“ des Hippokrates, also die Gesundung „durch die Natur allein (...)“.

In seiner Festschrift zum 100. Geburtstag Goethes entwirft Carus eine geografische Anthropologie, die in eine „rassenideologische Gliederung der Menschheitsstämme und Kontinente abgleitet“ (Grosche). Dabei dient die „wissenschaftliche“ Physiognomik dazu, die Ranghöhe des Individuums in einer festen Hierarchie zu bestimmen. Carus befindet sich hier im Einklang mit etlichen Naturwissenschaftlern, etwa Pieter Camper, Johann Lavater und Samuel Soemmering. Im nationalsozialistischen Deutschland nimmt man seine „Theorie“ auf und verlegt ihn zweimal neu. In Carusʼ Werk haben diese Anschauungen indes eine Sonderstellung, die mit seinem Humanismus und ärztlichen Ethos nicht vereinbar sind. 1869 ist Carl Gustav Carus in Dresden gestorben.

Christof Goddemeier

1.
Grosche S: „Zarten Seelen ist gar viel gegönnt“. Naturwissenschaft und Kunst im Briefwechsel zwischen C. G. Carus und Goethe. Göttingen: Wallstein Verlag 2001.
2.
Häse A: Carl Gustav Carus. Dresden: Thelem bei w.e.b. 2001.
3.
Müller-Tamm J: Kunst als Gipfel der Wissenschaft. Berlin: Walter de Gruyter 1995.
4.
Sachs-Hombach K: Philosophische Psychologie im 19. Jahrhundert. Freiburg: Verlag Karl Alber 1993.
5.
Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.
1. Grosche S: „Zarten Seelen ist gar viel gegönnt“. Naturwissenschaft und Kunst im Briefwechsel zwischen C. G. Carus und Goethe. Göttingen: Wallstein Verlag 2001.
2. Häse A: Carl Gustav Carus. Dresden: Thelem bei w.e.b. 2001.
3. Müller-Tamm J: Kunst als Gipfel der Wissenschaft. Berlin: Walter de Gruyter 1995.
4. Sachs-Hombach K: Philosophische Psychologie im 19. Jahrhundert. Freiburg: Verlag Karl Alber 1993.
5. Schott H, Tölle R: Geschichte der Psychiatrie. München: Verlag C.H. Beck 2006.

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