ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Rainer Maria Rilke: Sprache als Haltefunktion

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Rainer Maria Rilke: Sprache als Haltefunktion

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 415

Kattermann, Vera

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Zeit seines Lebens bleibt Rilke ein von Einsamkeit, Verzweiflungszuständen und Depressionen Gezeichneter. Mit der Freundin Lou Andreas-Salomé hat er eine Psychoanalyse durchaus erwogen – und verworfen. Er bleibt bei seiner Dichtung und findet darin möglicherweise existenziellen Halt.

„Ich weiß jetzt, daß die Analyse für mich nur Sinn hätte, wenn der merkwürdige Hintergedanke, nicht mehr zu schreiben (…) mir wirklich ernst wäre“, Rainer Maria Rilke 1912. Foto: picture alliance/Heritage-Images
„Ich weiß jetzt, daß die Analyse für mich nur Sinn hätte, wenn der merkwürdige Hintergedanke, nicht mehr zu schreiben (…) mir wirklich ernst wäre“, Rainer Maria Rilke 1912. Foto: picture alliance/Heritage-Images

Lustvoll, sich diese Begegnung auszumalen: 1912 – Rainer Maria Rilke, ein junger Mann von knapp 37 Jahren, ist auf Anraten seiner Freundin Lou Andreas-Salomé nach Wien gereist, um den berühmten Nervenarzt Dr. Sigmund Freud aufzusuchen. Eine Vielzahl von Leiden quälen ihn: wiederkehrende heftige depressive Phasen, Angstzustände, Gefühle von umfassender Einsamkeit, psychosomatische Krankheiten. Die Ehe zu seiner Frau Clara ist schon vor Jahren gescheitert. Generell erträgt er die Nähe von Menschen oft nicht und verspürt auch keine Neigung, seiner inzwischen zwölfjährigen Tochter Ruth ein Vater zu sein. Einen festen Wohnsitz hat er selten, meist lebt er über Monate bei Freunden und Bekannten im europäischen Umland – das Sich-Festlegen, Sich-Binden ist ganz offensichtlich gegen seine Natur. Freud, zehn Jahre älter als Rilke, empfängt den gleichermaßen scheu wie dandyhaft wirkenden Literaten neugierig und wohlwollend. Er spürt intuitiv, wie sehr dieser eine starke Vaterfigur ersehnt. Rilke hat schon einmal die intensive Nähe zu einem starken Mann gesucht: Der Bildhauer Auguste Rodin wurde sein künstlerisches Vorbild, zeitweise hat er sogar als dessen Privatsekretär gearbeitet und offenbar eine intensive und von Verehrung aufgeladene väterliche Übertragung entwickelt. Darum wissend, bietet Freud dem Dichter das Wagnis einer „Talking Cure“ an. Beide Männer verbindet die Leidenschaft für Kunst und Kultur, das Interesse für die Antike und für Archäologie und nicht zuletzt für die Schönheit der Sprache – optimale Voraussetzungen für eine therapeutisch wirksame Übertragungsbeziehung.

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Aber merkwürdig: So wahrscheinlich diese Begegnung, vermittelt über beiden gemeinsame enge Freundin Lou Andreas-Salomé, auch gewesen sein könnte – sie hat nie stattgefunden. Dabei lässt sich Rilke doch als gleichsam gefundenes Fressen für den psychoanalytischen Forscher verstehen. Spezialisiert durch seine Studien zur weiblichen Hysterikerin hätte Freud in Rilke ein vollwertiges männliches Pendant entdecken können. Die Beziehung zu dessen Mutter war ebenso eng wie konfliktreich. Die junge Mutter habe den frühen Kindstod ihres erstgeborenen Mädchens nie verwunden, stattdessen den nachgeborenen Sohn in Mädchenkleider gesteckt und erbarmungslos verwöhnt. Nach der Scheidung von ihrem Ehemann in Rilkes neuntem Lebensjahr zogen Mutter und Sohn nach Wien. Von der Mutter wurde er offenbar in die Rolle eines bewunderten Ersatzpartners gedrängt und narzisstisch vereinnahmt. So dichtet er später: „Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein. / Da hab ich Stein auf Stein zu mir gelegt,/ und stand schon wie ein kleines Haus, um das sich groß der Tag bewegt, / sogar allein. / Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein. (…)“. Rilke wird bis zu seinem frühen Tod im 51. Lebensjahr – er stirbt an Leukämie – keine dauerhafte intime Beziehung eingehen können, auch wenn er viele nahe Freundinnen und Freunde hatte. Das schwärmerische Geltungsbedürfnis der Mutter lehnt er ab. Die verheiratete Lou Andreas-Salomé wird als deutlich ältere Frau seine erste von ihm idealisierte Partnerin. Rastlose Reisen durch ganz Europa halten ihn selten länger als sechs Monate an einem Ort. Zeit seines Lebens bleibt er ein von Einsamkeit, Verzweiflungszuständen und Depressionen Gezeichneter.

Quälende Zweifel

Wieso suchte er sich keine Hilfe? Mit der Freundin Lou hat er eine Psychoanalyse durchaus erwogen – und verworfen. „Ich weiß jetzt“, schreibt er im Januar 1812 während einer Schaffenskrise, „daß die Analyse für mich nur Sinn hätte, wenn der merkwürdige Hintergedanke, nicht mehr zu schreiben (…) mir wirklich ernst wäre. Dann dürfte man sich die Teufel austreiben lassen, da sie ja im Bürgerlichen wirklich nur störend und peinlich sind (...)“. Für Rilke aber steht fest: Trotz aller quälenden Zweifel an seiner Arbeit als Autor – er muss, er will, er kann nicht anders als schreiben. Worte finden für seine inneren Zustände ebenso wie für seine Beobachtungen und Erfahrungen in der Natur und unter Menschen. Tatsächlich riet auch Lou, glühende Verfechterin der Psychoanalyse, ihrem Freund Rilke von einer Therapie ab – die Analyse könne doch einen schädigenden Eingriff in den dunklen Grund des Schöpferischen bedeuten. Seelisches Leiden also als unabdingbare Voraussetzung für schöpferische Kunst? Opfert der Künstler seine inneren Qualen als Königsweg zum Ausdruck existenzieller Leidenszustände?

Übermächtige Virtuosität

Tatsächlich ringt uns Rilkes übermächtige Virtuosität im sprachlichen Ausdruck bis heute tiefe Bewunderung ab. Er vermochte die Sprachlosigkeit der Depression in berührende Sprachintensität, ja Sprachgewalt zu wandeln. Wie aber gelang es ihm, den Verwerfungen seiner seelischen Abgründe standzuhalten und zugleich seine Lyrik daran noch diamantenschärfer zu schleifen? Vielleicht lässt sich diese Transformationskraft in einer starken spirituellen Öffnung und Suche erklären, die ihn schon früh umtreibt. „Wir alle fallen. / Diese Hand da fällt. / Und sieh dir andere an. Es ist in allen. Und doch ist einer welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält“, dichtet er und dichtet sich damit eine umfassende und tröstende Geborgenheit, die hinter dem Abgründigen und Depressiven aufscheint. Rüdiger Sünner untersucht in seinem Film Engel über Europa, Rilke als Gottsucher, die lebenslange mystische Suche des Schriftstellers, dessen spirituelle Entwicklung in seinen großen Werken wie etwa den Duineser Elegien Ausdruck findet.

Sünner macht in bewegenden Bildern und Gedicht-Zitaten Rilke als einen esoterischen Sinnsucher transparent, der das Einswerden mit den geistigen und damit auch göttlichen Kräften der Natur anstrebte. Rilke suchte keinen Gott in der Religion. Die Kirchengläubigkeit assoziierte er mit seiner offenbar maniriert religiösen Mutter und verabscheute sie. In seinen Werken werden wir vielmehr Zeugen einer kontinuierlichen Suche nach spiritueller Ausrichtung. Durch seine Reisen nach Nordafrika kam er auch in Berührung mit dem Islam und schreibt über seine Auseinandersetzung mit dem Koran: „Er nimmt mir stellenweise eine Stimme an, in der ich so mit aller Kraft darinnen bin wie der Wind in der Orgel.“ In seinen Gedichten zeigt sich jedoch, dass er das Göttliche weder in einer jenseitigen Instanz verortet noch sich erst dort als von seinen Leiden erlöst erhofft. Mit einer anderen engen Freundin, der Malerin Paula Modersohn-Becker, diskutiert er dagegen eine Gottesidee, in der Gott im Hier und Jetzt präsent ist. Gott wird von Rilke dabei als ein noch Werdender verstanden, als einer, der noch nicht vollendet ist. „Wann sollte er auch geworden sein? Der Mensch bedurfte seiner so dringend, dass er ihm gleich von Anfang als seienden empfand und sah. (...)“

Seelisches Leiden scheint vor diesem Hintergrund auch als ein Ausdruck, eine Ausprägung des Göttlichen. Ob Rilke sein künstlerisches Schaffen damit auch als Hilfe am Noch-Werden Gottes verstanden hat? Dies wäre tatsächlich wenig kompatibel mit Freuds rigorosem Atheismus oder gar der Idee einer „Heilung durch Psychoanalyse“ gewesen. Rilkes Lyrik erscheint vielmehr als Versuch, die seelische Qualität der inneren wie der äußeren Welt in all ihren Facetten herauszuarbeiten und darin das Leiden an seiner Existenz aufzulösen. Der Erste Weltkrieg macht auch ihn für kurze Zeit zum Soldaten. Bevor er in eine längere Phase des deprimierten Verstummens angesichts der kriegerischen Barbarei verfällt, schreibt er, es ergreife „uns plötzlich der Schlacht-Gott, schleudert den Brand: und über dem Herzen voll Heimat schreit, den er donnernd bewohnt, sein rötlicher Himmel“. Es fällt schwer, sich dem sprachgewaltigen Sog seiner Gedichte zu entziehen, in denen er eine immer knappere und prägnantere Bildsprache wählt. Und darin sich vielleicht auch einer sprachlichen Haltefunktion zu vergewissern versucht. „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen“ – mit diesem Aufschrei beginnt etwa seine erste Elegie. Hier findet Rilke Worte für die Angst vor dem Ausbleiben einer Resonanz. Sind seine Gedichte Spiegel eines dringenden Bedürfnisses nach Antwort? Spiegeln sie vielleicht auch eine einstmals kindliche Angst, ähnlich der Erfahrung, in das „tote Gesicht“ einer depressiven Mutter zu blicken? Im Naturerleben und Naturbeschreiben konnte er offenbar die Erfahrung der mystischen Verschmelzung mit einer größeren göttlichen Kraft erleben und daraus Trost, Halt und auch Stärke ziehen. In der künstlerischen Verarbeitung Rilkes legt auch die katastrophische Einsamkeit ihre Qualität als depressives Symptom ab, sie wird Vehikel einer suchenden und dann auch mystisch-bergenden Seinserfahrung. Im Beschreiben des Haltlosen – so scheint es – kann Rilke sich eines Gehaltenseins vergewissern. Des Gehaltenseins in der Sprache und darüber auch des Gehaltenseins in einem größeren kosmischen Prinzip. Vielleicht war Rilkes Verzicht auf den Versuch einer psychoanalytischen Therapie persönlich ebenso tragisch wie fragwürdig. Durch seine Kunst jedoch werden wir Zeugen einer einzigartigen suchenden Auseinandersetzung mit existenziellen Leidenszuständen. Dr. phil. Vera Kattermann

1.
Holthusen H Rainer Maria Rilke. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1988.
2.
Sünner R Engel über Europa, Rilke als Gottsucher. Buch: Europa Verlag GmbH & Company KG 2018 und DVD: Absolut Medien GmbH 2018.
1.Holthusen H Rainer Maria Rilke. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 1988.
2.Sünner R Engel über Europa, Rilke als Gottsucher. Buch: Europa Verlag GmbH & Company KG 2018 und DVD: Absolut Medien GmbH 2018.

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