ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Klimawandel: Abwehrmechanismen öffentlich problematisieren
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Die Bedenken, die Herr Dr. Mackenthun hier äußert, sind nicht wirklich durchdacht. Zum einen gibt es sehr prominente Beispiele von Therapeuten, wie zum Beispiel Horst-Eberhard Richter oder auch Ruth Cohn, die immer versucht hat, ihr psychotherapeutisches Handeln nicht nur unter den Aspekten des Individuums (Ich), des Problems (Thema) und des Systems (Gruppe), sondern auch immer im Rahmen der gesamten Umweltbedingungen (Globe) zu sehen. (...)

Zum anderen: Auch wenn Abwehrmechanismen bei allen Menschen zu finden und in ihrer Funktion verständlich sind, so halte ich es durchaus für sinnvoll, wenn Psychotherapeuten sie öffentlich problematisieren, nämlich dann, wenn sie kollektiv auftreten und ihre überindividuelle Dysfunktionalität nicht gesehen wird. Beispiele von kollektiver Verleugnung, Abwehr und Verdrängung oder einfach nur Vermeidung und Tabuisierung kennen wir aus den inhumanen Zeiten des letzten Jahrhunderts. Auch hier hätten die Stimmen der reflektierten Teile der Bevölkerung mehr sein können. Die Verdrängung des Klimawandels kann nicht dadurch als salonfähig bewertet werden, indem man sie durch die noch nicht spürbaren Klimaerwärmungen in Europa verstehbar macht. Wenn ich glaubwürdige Zeugen für Völkermord, Hungersnöte und Klimakatastrophen habe, sollte ich mich doch auch nicht erst dann damit beschäftigen und reagieren, wenn das alles irgendwann direkt vor meiner Haustüre stattfindet. (...)

Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Mediziner, die im IPPNW (Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges) organisiert sind, in ihrer Sprechstunde ihre Patienten mit entsprechenden politischen Infos versorgen (Wartezimmerliteratur nehme ich hier mal aus). Warum aber muss man das nun, ohne ersichtlichen Grund, bei politisch engagierten Psychotherapeuten befürchten? Andererseits ist es durchaus eine berechtigte Frage, ob der Klimawandel nicht doch auch mal Thema eines psychotherapeutischen Gesprächs sein könnte. Bei Entscheidungsproblemen von Patienten sollten zum Beispiel nicht nur die oft positiven kurzfristigen Konsequenzen, sondern auch die langfristigen, oft negativen Folgen reflektiert werden. Manchmal ist auch Aufklärung über verzerrte Wahrnehmungen oder zum Beispiel die Defizite des menschlichen Denkens in der Beurteilung von exponentiellen Verläufen nötig. Derartige menschliche Denkfehler von Therapeuten wie von Patienten zu beleuchten, könnte nicht nur individuelle Verhaltenskonsequenzen betreffen, sondern durchaus auch für den Klimawandel langfristige relevante Zusammenhänge beinhalten.

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Dr. phil. Wolfram Dorrmann, 90762 Fürth

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