ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Ausbildungsreform: Glaubensdogma RCT-Studien
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Kann es sein, dass Benecke als Psychotherapie-Wirkungsforscher davon ausgeht, dass zum Nachweis empirischer Evidenz randomisierte kontrollierte (RCT-) Studien erforderlich, unersetzbar und unverzichtbar seien? Dieses Glaubensdogma ist insbesondere in der medizinischen Effektforschung verbreitet, auch im „Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie“. Zu meinen akademischen Lehrern gehörten Psychologen mit exakt-naturwissenschaftlichem, mathematisch-physikalischem Bildungshintergrund. Diese schüttelten immer wieder ihre Köpfe, wenn sie zur Begutachtung schulmedizinischer Forschungsarbeiten (Dissertationen, Habilitationen etc.) herangezogen wurden, in denen mit diesem Effekterforschungsdesign gearbeitet wurde, etwa zur Abschätzung der Wirkungen von Medikamenten im Hinblick auf Depressivität. Dieses Design erweist sich schon dafür als nur sehr eingeschränkt tauglich. Seine Aussagekraft, und damit sein Nutzen, ist noch bescheidener, wenn es, wie beim psychotherapeutischen Arbeiten, um Auswirkungen menschlicher Interaktionen und Interventionen geht. (...)

In den 1970er-Jahren erhielt ich im Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg eine hervorragende Ausbildung in empirischer psychologischer Methodenlehre, insbesondere in Testkonstruktion, Datenerhebung und -auswertung. Damit lässt sich sehr viel differenzierter, genauer und auch kostengünstiger zur Zuverlässigkeit und Gültigkeit von Befunden und Zusammenhängen – also zu deren Evidenz und Relevanz – beitragen als anhand des RCT-Konzepts. Da es etliche verschiedene Wege und Mittel gibt (= Pluralismus), um zu „empirischer Evidenz“ zu gelangen und um diese zu operationalisieren, besteht die Hauptaufgabe im Rahmen einer wissenschaftlichen Therapieausbildung darin, mit therapeutischen Vorgehensweisen und deren Wirkfaktoren vertraut zu werden.

Die Zeiten, in denen es als selbstverständlich und sinnvoll erschien, Ausbildungen aus nationalstaatlichen Präferenzen heraus zu konzipieren, sind endgültig vorbei. Die Psychologie ist als Wissenschaft weltweit verbreitet. Überall wird psychotherapeutisches Arbeiten weiterentwickelt. Es gibt einen Weltmarkt mit verschiedenen „bewährten“ Verfahren, Methoden, Techniken, Strategien, Regelungen, Algorithmen. Alle diese müssen bedarfsgemäß anwendbar werden, nicht nur die drei „Richtlinienverfahren“. Das sollte mit „evidenzbasiertem Pluralismus“ gemeint sein. 

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Dr. phil. Dipl.-Psych. Thomas Kahl, 21218 Seevetal-Hittfeld

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