ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Menschen mit ADHS: Erhöhtes Sterberisiko durch Suizide und Unfälle

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Menschen mit ADHS: Erhöhtes Sterberisiko durch Suizide und Unfälle

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 423

Meyer, Rüdiger

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Menschen mit der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS haben im Verlauf ihres Lebens ein erhöhtes Risiko, auf nicht natürliche Weise zu sterben. Besonders gefährdet sind nach den Ergebnissen einer Langzeitstudie in JAMA Psychiatry Patienten mit einer späten Diagnose sowie solche mit psychiatrischen Begleiterkrankungen.

Menschen mit ADHS geraten durch ihre Unachtsamkeit und Impulsivität immer wieder in gefährliche Situationen. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass sie im Straßenverkehr häufiger in Unfälle verwickelt sind. Nicht durchdachte und übereilte Reaktionen verleiten sie häufiger zu riskanten Verhaltensweisen, die sich schnell als Fehler herausstellen, manchmal mit fatalen Folgen. Auch die Neigung zu einen Suizid ist erhöht. Eine Studie aus Dänemark hatte bereits gezeigt, dass die Gesamtmortalität doppelt so hoch ist wie im Rest der Bevölkerung und dass unbeabsichtigte Verletzungen die häufigste Todesursache im jüngeren Lebensalter sind (Lancet 2015; 385: 2190–96).

Eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie aus Schweden liefert jetzt genauere Einblicke. Shihua Sun und Mitarbeiter vom Karolinska Institut in Stockholm haben die Daten zu 86 670 Menschen der Geburtsjahrgänge 1993 bis 2009 ausgewertet, bei denen die Diagnose einer ADHS gestellt wurde. Von diesen sind bisher 424 gestorben, davon 346 an nicht natürlichen Ursachen. Darunter waren 133 Suizide, 152 Unfälle und 61 andere nicht näher spezifizierte Ursachen. Nach den Berechnungen von Sun sind Suizide fast 9-mal so häufig wie bei den übrigen Schweden gleichen Alters.

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Die ADHS allein erklärt jedoch nur einen Teil der Todesfälle. Jeder zweite Patient mit ADHS hatte weitere psychiatrische Diagnosen. Am häufigsten waren dies Angststörungen, Depressionen und Autismus-Spektrum-Störungen, aber auch Substanzmissbrauch sowie Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen sind bei ADHS-Patienten häufiger als bei anderen Menschen. Nicht wenige hatten zwei oder mehr psychiatrische Diagnosen erhalten.

Mit der Zahl der Diagnosen steigt auch das Sterberisiko. Bei Personen, die nur an einer ADHS litten, war es nur leicht erhöht (Hazard Ratio 1,41; 1,01 bis 1,97). Für die etwa 5 % der ADHS-Patienten mit 4 oder mehr psychiatrischen Diagnosen ermittelt Sun eine Hazard Ratio von 25,22 (19,60 bis 32,46). Als besonders riskant erwies sich das Zusammentreffen von ADHS und Substanzmissbrauch (Hazard Ratio 8,01; 6,16 bis 10,41) sowie von AHDS und einer Persönlichkeitsstörung (Hazard Ratio 4,45; 3,31 bis 5,99). Eine weitere Beobachtung war, dass die Übersterblichkeit mit dem Alter zunimmt. Für Kinder ermittelte Sun einen nicht signifikanten Trend. Trotz dieser erheblichen Risiken blieb die Mehrheit der 86 670 Personen mit ADHS unversehrt. Ob ihnen dabei eine rechtzeitige medikamentöse Therapie geholfen hat, konnte die Studie allerdings nicht klären. rme

Shihua S, Kuja-Halkola R, Faraone SV, et al.: Association of Psychiatric Comorbidity With the Risk of Premature Death Among Children and Adults With Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder. JAMA Psychiatry. Published online 7. August 2019, doi:10.1001/jamapsychiatry. 2019.1944

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