ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Körpergedächtnis und Psychoanalyse: Neue Zugänge zu eingekapselten Missempfindungen

BÜCHER

Körpergedächtnis und Psychoanalyse: Neue Zugänge zu eingekapselten Missempfindungen

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 425

Moser, Tilmann

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Sebastian Leikert ist ein Meister der tiefenpsychologischen Wissenschaftssprache, das heißt man liest ihn bewundernd gerne und lässt sich verführen, das meiste zu glauben über „Das sinnliche Selbst. Das Körpergedächtnis in der psychoanalytischen Behandlungstechnik“. Er ist ein Pionier der intersubjektiven leiblichen Kommunikation, und er setzt uns in Kenntnis aller parallelen und bestätigenden Forschung bei von ihm gewürdigten Kollegen.

Leikert schreibt nicht über Neurosen, die mit den herkömmlichen Instrumenten von durchdachter Übertragung und Gegenübertragung lege artis zu kurieren wären, sondern über traumatische Störungen, die das vitale Körperselbst außer Funktion gesetzt haben. Was er erlitten und gefunden hat sind neue Zugänge zu den „eingekapselten Missempfindungen“ ohne die so wünschenswerten Symbolisierungen, die die Sprache zum Hauptinstrument der Genesung machen. Eine seiner kühnen Sätze lautet: „In diesen traumatischen Fällen verdunkelt die Sprache eher als sie erhellen kann. Die kluge biografisch enthüllende Sprache wird dann selbst zum Ort des Widerstandes, der sich gegen die körperempathische Weise der Erkundung der seelischen Erstarrung wendet.“ Der bereits in der „Hemmung“ noch vegetierende tote Körper gibt nur noch durch die dunklen Innervationsmuster und Panik erzeugenden Flashbacks Zeichen von sich, die nur zu entschlüsseln sind, wenn der Analytiker selbst mit seinen leiblichen empathischen Regungen vertraut ist und sie dem Patienten übermitteln kann, worauf dieser fähig wird, sich seinen schmerzlichen Verstümmelungen des Lebens zuzuwenden. Alles wird zur Frage der kommunikativen Sensibilität beider Partner, die sich sogar von zu vielen Worten trennen müssen, um die leibseelische „Invasion der Missstimmungen“ auszuhalten und zu entziffern, um sie gereinigt und entgiftet wieder zur Verfügung zu stellen.

Anzeige

Leikert schildert offen seinen eigenen Lernprozess, den Verzicht auf den Primat der Deutungen und das Mithören und Mitfühlen des tiefen Elends, dem er selbst sich anfangs durch Sprache zu entziehen versuchte. Das reine Mit-Lauschen hinter der Couch auf biografische Zusammenhänge hin wird ersetzt durch ein still übermitteltes Mitfühlen auf neuen geheimnisvollen, aber erlernbaren Wegen mithilfe des „Körpergedächtnisses“ als einer zentralen Ebene, in deren dunkler Mitte das „Kernselbst“ haust. Ohne dessen Einbeziehung kann die Behandlung zu erneut traumatisierendem sprachlichen Blindflug werden.

Die 300 Seiten des Buches haben es in sich – auch wenn 200 gereicht hätten. Man hofft, dass die staunende Zunft der Psychoanalytiker nie mehr weit zurückfallen wird hinter seine Erkenntnisse und praktischen Neuerungen. Tilmann Moser

Sebastian Leikert: Das sinnliche Selbst. Das Körpergedächtnis in der psychoanalytischen Behandlungstechnik. Brandes und Apsel, Frankfurt 2019, 306 Seiten, gebunden, 34,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema