ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Psychologie der Deutschen: Ewigkeitsanspruch oder Entwicklungsbereitschaft

BÜCHER

Psychologie der Deutschen: Ewigkeitsanspruch oder Entwicklungsbereitschaft

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 426

Klaes-Rauch, Gabriele

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Deutschland sei wahrhaftig nicht das Mutterland des Optimismus, und es gebe ihn noch, den fatalen „Zweckpessimismus“, der Besitzstandsverlust fürchtend, Angstimpfung betreibt und als Enttäuschungsprophylaxe lieber negative Entwicklungen antizipiert. Darüber hinaus aber kann der Autor und Tiefenpsychologe Stephan Grünewald von einem „schöpferischen Zweifel“ und „fünf Spielarten des Optimismus“ der deutschen Bevölkerung berichten, die sich zudem noch vom Optimismus Amerikas unterscheiden.

Wer von dem breitgefächerten Spektrum empirischer Untersuchungsergebnisse des Leiters des Kölner Rheingold Instituts eine flotte Liste temporärer Probleme samt simultaner Lösungsofferten erwartet, wird enttäuscht. Wer aber hiesige aktuelle Umgangsweisen mit Klima-, Sicherheits-, Versorgungs-, IT- oder Asylpolitik samt der Macht der Abwehrmechanismen gegen die gegenwärtige globale wie nationale Problemfülle im eigenen Selbst entdecken möchte, nehme dieses Buch in die Hand. Vieles, was sich in unserem bislang vergleichsweise paradiesischen „Auenland“ noch weitgehend vom Leibe halten lässt, wie influencing und following, „AppSolutismus“, Social Media, Flüchtlingselend, Digitalisierung und vieles mehr, nehmen von der ersten Seite an ein.

Anzeige

Der Facettenreichtum des Buches weckt Unruhe, aber auch Wissbegier, die durch Überblick verschaffen einen beruhigenden Abstand zu den hybriden Problemen herstellen will. Denn das Wissen beispielsweise darum, dass die Wortschöpfung „Flüchtlingskrise“ vorrangig dem psycho-logischen Zweck dient, eigenen Ohnmachts- und Verlustängsten infolge eigener Stagnation und Saturiertheit einen Namen zu geben, eine externe Projektionsfläche und eine Fassung zu bieten, beruhigt nicht. Realitätsnahe Forschungsberichte klären auf und entlasten kurzfristig von der permanenten energieraubenden Verdrängungsarbeit, aber intensivieren aufgrund der Menge und Brisanz der komplexen Themen des Buches die Flucht- und Abschottungstendenzen noch.

Ist aber der Einstieg gelungen, wird bewusst, dass sich mit dem Eintauchen in die vielschichtige Gemengelage genau die Angst-, Flucht- und Abwehrversuche einstellen, die auch die Befragten umtreiben: ablenkend Dramatisieren, distanzierend Relativieren, euphemistisch Verharmlosen, holzschnittartig Projizieren oder potenzielle Heilsbringer suchen. Mit der Typisierung des „Umgangs mit der Flüchtlingskrise“ wird ein „Verharren in Reglosigkeit“ angesichts des paralysierenden existenziellen Dilemmas der Geflüchteten konstatiert. Viele Menschen „verbleiben in einer Duldungsstarre und hoffen so, sich weder angreifbar noch schuldig zu machen.“

Der Buchkonsum entwickelt sich buchstäblich zur Selbsterfahrung, zu einer Inventur des eigenen Erlebens und Verhaltens, die schließlich in einen Produktionsprozess neuer Inhalte und Schwerpunkte für die eigene Lebensgestaltung übergeht. Dazu bietet das Buch wertvolle Detail-, Struktur-, Gender- und Kontextinformationen: In welcher Situation stecken Mütter, Kinder und Väter derzeit genau? Es lässt sich nicht geläutert oder beschwingt aus diesem verschlungenen Lektüreproduktionsprozess hervorgehen. Eher desillusioniert, jedoch geerdet, ermutigt und gestärkt für eine ‚pro-aktive‘ Behandlung all der Kehrseiten eines jeden Tun und Lassens.

Nur beiläufig aber affizierend schildert Grünewald, wie er Menschen unterschiedlichster Couleur zum Austausch zusammenbrachte, um einmal mehr zu erleben, dass uns bei aller Härte gegeneinander die Meinung der anderen doch kaum jemals gleichgültig ist. Gabriele Klaes-Rauch

Stephan Grünewald: Wie tickt Deutschland? Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019, 320 Seiten, gebunden, 20,00 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema