ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: Rückbesinnung auf psychodynamische Grundhaltung

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Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: Rückbesinnung auf psychodynamische Grundhaltung

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 427

Köhler, Miriam

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Wer eine psychodynamisch orientierte Ausbildung durchläuft, kommt schon recht früh mit Literatur von Gerd Rudolf in Kontakt – kann man ihn doch als Struktur-Papst bezeichnen, der vielen angehenden Therapeuten die strukturbezogene Psychotherapie nähergebracht hat. Das nun vorliegende 140 Seiten schmale Buch richtet das Augenmerk auf die Ausformulierung der Prinzipien einer tiefenpsychologisch fundierten therapeutischen Haltung, die aus einer psychodynamischen Denkweise entstehen muss. Anschaulich geht Rudolf zunächst auf Unterschiede und Ähnlichkeiten tiefenpsychologisch fundierter (TP) und analytischer Psychotherapie ein und bietet dabei eine historische Rückschau auf die Entstehung der TP als kassenfinanzierter Richtlinienpsychotherapie. Dabei warnt er vor einer Verwässerung der Fachkunde durch die Integration von anderen therapeutischen Ansätzen und stellt die Hypothese auf, dass zum Beispiel Entspannungsübungen angewandt werden, um in schwierigen Phasen im Therapieverlauf mit psychotherapeutischer Hilflosigkeit umzugehen. Im Weiteren geht er auf die Prinzipien der psychodynamischen Diagnostik ein und bietet dem interessierten Leser sinnvolle Literaturhinweise. Das Kapitel über therapeutisches Handeln bietet im Unterschied zu manchen verhaltenstherapeutischen Manualen keine klassischen Handlungsanweisungen, sondern beschreibt vielmehr notwendige psychotherapeutische Fähigkeiten, die „weniger in Theorieseminaren gelernt und mehr vom Leben gelehrt werden“. Dabei gewinnt man den Eindruck, dem erfahrenen Supervisor bei seiner Arbeit über die Schulter blicken zu dürfen, da er viele Beispiele aus dem Supervisionskontext berichtet und Hinweise auf Fallstricke in der Psychotherapie liefert. In Bezug auf tiefenpsychologische Interventionen führt Rudolf die Stärken der TP auf, merkt jedoch auch an, dass eine nur haltgebende Behandlung mit ermutigenden Interventionen zu wenig ist, um eine Veränderung anzustoßen. Einen größeren Raum nimmt das Kapitel über strukturbezogene Psychotherapie ein, welches spezielle Fragen der Diagnostik, der therapeutischen Haltung und Technik thematisiert. Die Hinweise zum Bericht an den Gutachter könnten ausführlicher sein, zumal der Autor in diesem Bereich über ein großes praxisbezogenes Wissen verfügt.

Der erfahrene Therapeut, der bereits andere Bücher des Autors gelesen hat, wird Vertrautes vorfinden, allerdings bietet das kurzgefasste Buch eine Rückbesinnung auf eine psychodynamische Grundhaltung und tiefenpsychologische Prinzipien, die eine zeitlich begrenzte, fokussierte Behandlung wirksam machen. Dabei nimmt Rudolf eine wertschätzende Haltung gegenüber der TP ein, die nicht länger die kleine Schwester der Psychoanalyse ist. Miriam Köhler

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Gerd Rudolf: Psychodynamisch denken – tiefenpsychologisch handeln: Praxis der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Schattauer Verlag, Stuttgart 2019, 141 Seiten, kartoniert, 24,99 Euro

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