ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Psychoanalytische Institutionen: Mitleiden über den kollegialen Umgang

BÜCHER

Psychoanalytische Institutionen: Mitleiden über den kollegialen Umgang

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 427

Golombek, Jürgen

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

In Bezugnahme auf Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“ nähert sich die Autorin über das Gefühl des Unbehagens als Ausdruck verdeckter Prozesse und „Fehl-Leistungen“ (als Fehler in der Leistung in Differenzierung zu Leistungen im Fehler bei Freud) den Beziehungsstrukturen in Institutionen und konsterniert ein für die Berufsgruppe wenig schmeichelhaftes, aber menschelndes Bild mit Machtkämpfen, Rivalitäten, Neid und vielem mehr. Es „wimmelt“ von unerkannten Übertragungen. Jenseits der Behandlungszimmersituation besteht das Bedürfnis einer fachlichen Anbindung, um Zugehörigkeit und narzisstischer Teilhabe zu erfahren, was Freud schon früh als Illusion aufgegeben hatte. Die Autorin untersucht das Verhältnis von individueller Entfaltung und Anpassung, wie an der Reibungsfläche Institution die Selbstidentifizierung gefördert wird, wie sich die eigene familiäre Vergangenheit abbildet, die Diskussionskultur. Ernüchternd wird festgehalten, dass Wünsche an Gruppen größer als Befriedigungen sind. Anhand der Bioʼnschen Grundannahmen über Gruppenprozesse werden die Dynamiken innerhalb der Gruppe und die Kennzeichen einer guten Arbeitsgruppe referiert. Konflikthafte Spannungen am Beispiel eines Romans zu schildern, liest sich interessant, es bleibt dennoch zu fragen, ob bei aller verstehbaren Vermeidung von Indiskretion sich nicht die gerade beschriebene Scheu vor Verlust der Zugehörigkeit widerspiegelt.

Der schmale Band enthält inhaltsreiche Denkansätze mit bedeutungsvollen Einschätzungen, die auch zum Mitleiden über den kollegialen Umgang einladen. Interessant wäre die Einbindung von Fähigkeitsmerkmalen wie Ein- und Unterordnung oder Führungsanspruch. Die Betrachtung der Lehranalyse bekommt viel Aufmerksamkeit. Die Bedeutung der Supervisionen, der Gruppenprozesse in den Seminaren oder die sich verändernde Ausbildungsgeneration finden hingegen vergleichsweise wenig Platz. Lösungen werden mehr in der Selbstanalyse (warum werden Gruppenselbsterfahrungen so wenig bedacht?) gesehen, weniger in der Entwicklung einer eigenständigen Institutionen-Kompetenz.

Anzeige

Das Buch dürfte über Psychoanalytiker hinaus für alle von Interesse sein, die Dynamiken institutioneller Prozesse verstehen und für die eigene Arbeit nutzbar machen wollen. Jürgen Golombek

Sylvia Zwettler-Otte: Unbehagen in psychoanalytischen Institutionen. Konflikte, Krisen und Entwicklungspotenziale in Ausbildung und Berufsausübung. Psychosozial-Verlag, Gießen 2019, 182 Seiten, kartoniert, 22,90 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema