ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2019Identität: Anregung zum Weiterdenken

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Identität: Anregung zum Weiterdenken

PP 18, Ausgabe September 2019, Seite 428

Goddemeier, Christof

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Mit seiner der Einleitung vorangestellten Serie „10 Photoporträts“ suggeriert Christian Boltanski einen chronologischen Zusammenhang und bricht ihn zugleich. Denn nur das letzte ist ein authentisches Porträt, die anderen neun Fotos zeigen unterschiedliche Personen. So bringt auch die narrative Rahmung lediglich eine fragile Identität aus Identitäten hervor. Das Buch versammelt elf Beiträge, fünf davon in englischer Sprache, und zwei Rezensionen. Erstmals präsentiert es ein neues Konzept: Künftig soll jeder Band von einem eigenen Herausgeber gestaltet werden; für die Wahl des Themas werden Stephan Grätzel und Martin Reker verantwortlich bleiben.

Wie entsteht personale Identität? Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet die Erinnerung. Am Beispiel der „Recherche“ von Marcel Proust zeigt Winfried Eckel zwei Formen – willentliche Erinnerung des Verstandes schafft eine zusammenhängende Lebensgeschichte, während unwillkürliche Erinnerungen des Körpers das Ich in Fragmente zerstreuen. In seinen „Grundlagen eines kritischen Denkens“ (Rezension von Christopher A. Nixon) berührt Didier Eribon grundlegende Fragen der narrativen Theorie, etwa wo die persönliche Geschichte beginnen soll: „Sie verliert sich in einem Horizont von mit uns verstrickten Geschichten und geht weit hinters persönliche Geburtsdatum zurück.“ Heraus kommt eine „Autosozioanalyse“. Die Soziologie versteht moderne Individualität seit jeher als „Kreuzungspunkt sozialer Kreise“ (Annika Schlitte), etwa Georg Simmel in seinen frühen Schriften.

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Kann die Lebensgeschichte als „kohärente, diachrone Identitätskonstruktion“ auch biografische und traumatische Brüche in ein Lebensganzes integrieren? Nach Paul Ricoeur fasst die Erzählung Ziele, Gründe und Zufälle als „Synthese des Heterogenen“ zusammen. Sein Begriff der „diskordanten Konkordanz“ besagt, dass die Erzählung zwar einen Zusammenhang herstellt, doch kein kohärentes Ganzes ergeben muss. Demnach ist jede narrative Identität aus mehreren, zum Teil widersprüchlichen Identitäten zusammengesetzt. Martin Reker beschreibt wechselnde Identität bei Suchterkrankten in nüchternem und berauschtem Zustand und behandelt Fragen von Zurechenbarkeit und Verantwortung in der forensisch-psychiatrischen Praxis. Weitere Beiträge widmen sich der Konstruktion und Reflexion von Identität im Film und in der Literatur. Ein lesenswertes Buch, das zum Weiterdenken anregt. Im Verhältnis zum Gesamtumfang erscheint ein Text über Zugangsmöglichkeiten von Frauen, Farbigen und Menschen mit beschränkten finanziellen Mitteln zu US-Hochschulen etwas zu lang. Christof Goddemeier

psycho-logik, Jahrbuch für Psychotherapie, Philosophie und Kultur, Bd. 13, Identität(en). Verlag Karl Alber, Freiburg 2018, 240 S., kartoniert, 40,00 Euro

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