ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2000Weltärztinnenbund: Weibliche Solidarität ist dringend nötig

THEMEN DER ZEIT: Blick ins Ausland

Weltärztinnenbund: Weibliche Solidarität ist dringend nötig

Dtsch Arztebl 2000; 97(4): A-160 / B-134 / C-130

Diekhaus, Waltraud

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LNSLNS Immer noch werden Frauen diskriminiert, häufig aufgrund ihres Geschlechts ihrer Menschenwürde beraubt. Der Weltärztinnenbund bietet ein Forum gegen solche Praktiken.


Warum gibt es neben dem Weltärztebund noch einen Welt-Ärztinnen-Bund? Die Antwort ist einfach: weil dieser Ärztinnenbund dringend nötig ist. Noch gibt es psychische, physische und soziale Gewalt gegen Frauen. Noch gilt nicht überall, dass Menschenrechte auch Frauenrechte sind. Noch gibt es Probleme, die nur durch weltweite weibliche Solidarität gelöst werden können. Das Tabu-Thema "Weibliche Geschlechtsverstümmelung" hätte kaum publik gemacht und weltweit geächtet werden können, wenn es nicht einen geschützten Raum wie den Weltärztinnenbund gäbe, in dem Ärztinnen aus betroffenen Ländern es erstmals gewagt haben, diese Praktiken anzuprangern.
Als ich 1998 in Sao Paulo, Brasilien, zur Generalsekretärin gewählt wurde, erlebte ich hautnah, wie afrikanische Ärztinnen sich in unserer geschlossenen Gemeinschaft, also ohne männliche Kollegen, trauten, das "WitwenUnwesen" in ihren Ländern zu beklagen. Sie beschrieben, wie Witwen degradiert, gedemütigt und jeglicher menschlicher Würde beraubt werden. Ihnen werden die Haare abgeschnitten, sie müssen 28 Tage nackt auf der Erde hocken, dürfen sich nicht waschen und sich nichts zu essen nehmen. Jegliches Eigentum, sogar die eigenen Kinder werden dem nächsten männlichen Verwandten zugesprochen, sodass sie in völliger Abhängigkeit weiterleben.
Extrem diskriminiert werden Frauen und Mädchen in Afghanistan. Sie haben keinen Zugang zu Bildung oder Arbeit. Ärzte dürfen Frauen nicht medizinisch behandeln, und für Frauen, also auch für Ärztinnen, gilt ein Berufsverbot. Frauen wird praktisch keine ärztliche Hilfe zuteil! Sie müssen sich vollkommen verschleiern, ihr Leben als Witwen hinter schwarz gestrichenen Scheiben verbringen, dürfen keine Absätze tragen, damit sie weder gesehen noch gehört werden können. Es gibt Fälle von spontanen Auspeitschungen, Steinigungen oder Totschlag, falls entblößte Teile des Gesichts oder der Arme sichtbar werden. Die geschlechtliche Versklavung der Frauen in Afghanistan gilt zur Zeit als die weltweit extremste Form von Diskriminierung.
Aus anderen Ländern werden weitere Formen der Diskriminierung berichtet: Witwenverbrennungen werden immer noch beschrieben, die Polygamie ist weit verbreitet, in Ehekontrakten muss dem Mann absoluter Gehorsam gelobt werden, Scheidungen richten sich allein nach dem Willen des Ehemannes, bei Ehebruch der Frau darf der Mann seine Frau töten.
Viel häufiger sind aber die weniger spektakulären Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten Frauen gegenüber. Sie werden bei Ernährung, Erziehung und Ausbildung benachteiligt, sind sozial niedriger gestellt und werden medizinisch schlechter behandelt, was gerade in den Entwicklungsländern zu geringerer Lebenserwartung der Frauen führt. Die Impfraten bei Frauen sind niedriger, die Risiken der Familienplanung müssen sie alleine übernehmen. Geschlechtsverstümmelung, Vergewaltigungen, häusliche Misshandlungen, gefährliche Abtreibungen, Risiken bei Schwangerschaft und Geburt, fehlende ärztliche Versorgung - all das trägt zu einem schlechteren Gesundheitsstatus bei. Eine der großen Aufgaben des Weltärztinnenbundes ist es daher, die Gesundheit der Frauen in den Blickpunkt zu rücken.
Selbst in Europa stellen die nationalen Ärztinnenverbände Unterschiede in der medizinischen Behandlung von Männern und Frauen fest. So werden Krankheitssymptome bei Frauen manchmal weniger ernst genommen, leichter verkannt oder sind noch nicht richtig erforscht. Der Kongress des Deutschen Ärztinnenbundes stellte zum Beispiel heraus, dass die Symptome des Herzinfarktes bei Frauen anders sind als bei Männern und daher oft falsch gedeutet werden. Der Grund: Die Erkenntnisse in den Lehrbüchern wurden überwiegend von Männern an Männern gewonnen. Ein weiteres Problem ist die "Medikalisation" von Frauen, die Ärztinnen der Industrieländer zunehmend kritisch sehen.
Aus diesen Gründen muss es Ärztinnenbünde geben, die sich nicht nur um die Vernetzung von Ärztinnen kümmern, um Vergleiche der Gesundheitssysteme, um berufliches Fortkommen und das Einbringen von Frauen in Wissenschaft und Medizin, sondern die gemeinsam gegen Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Bildungsrückstand der Frauen in aller Welt kämpfen. Dazu bekennt sich der Weltärztinnenbund (Medical Women’s International Association, MWIA). Der Verband wurde 1919 gegründet, und mittlerweile gehören ihm 43 nationale Ärztinnenverbände und weitere Mitglieder aus 72 Ländern an. Er ist in acht geographische Regionen aufgeteilt: Nord-, Mittel-, und Südeuropa, Nordamerika, Lateinamerika, Naher Osten/Afrika, Zentralasien und Westpazifik, die im Vorstand der Organisation mit je einer Vizepräsidentin vertreten sind. Die MWIA hat enge Verbindungen zur Welt­gesund­heits­organi­sation, zu den Vereinten Nationen und anderen Organisationen.
Dreh- und Angelpunkt ist das Sekretariat, das sich immer in dem Land befindet, aus dem die Generalsekretärin stammt. Derzeit ist es in Räumen der Bundes­ärzte­kammer in Köln angesiedelt. Die Präsidentin wird alle drei Jahre gewählt, zunächst als "president elect", dann folgen drei Jahre als "president", danach weitere drei Jahre als "past president". Die derzeitige Präsidentin stammt aus den USA, die Vorgängerin aus Kenia, die künftige Präsidentin aus Kanada. Die nächste Haupt­ver­samm­lung des Weltärztinnenbundes tritt im Rahmen des Weltkongresses, der alle drei Jahre stattfindet, vom 19. bis 23. April 2001 in Sydney, Australien, zusammen. Das Thema lautet : "Women’s Health in a Multicultural World". Weltweit sind alle Ärztinnen herzlich eingeladen.
Dr. med. Waltraud Diekhaus, Generalsekretärin

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