ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2000Europäische Akademie für ärztliche Fortbildung: Ein Beitrag zur europäischen Integration

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Europäische Akademie für ärztliche Fortbildung: Ein Beitrag zur europäischen Integration

Odenbach, P. Erwin

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LNSLNS Der 10. Internationale Kongress für ärztliche Fortbildung fand im Herbst in London statt. Im Mittel-
punkt stand diesmal das Thema "Qualitätssicherung".


Der 10. Internationale Kongreß für ärztliche Fortbildung fand am 22. und 23. Oktober letzten Jahres in der Royal Society of Medicine in London statt. 70 Vertreter aus 16 Ländern, auch aus den USA und Kanada, nahmen an der Veranstaltung teil, die Dr. M. F. Lerat aus Frankreich und Prof. Dr. med. Heyo Eckel, Bundesärztekammer, moderierten. Im Vordergrund stand zunächst die Frage der Freiwilligkeit ärztlicher Fortbildung, die in den
europäischen Ländern unterschiedlich beantwortet wird. "Öffentlicher Druck, juristische Zwänge und Einstellungsvoraussetzungen drängen uns in Richtung obligatorischer Fortbildung", sagte Dr. Adrian Marston vom Royal College of Medicine mit Blick auf die Situation in Großbritannien. Der General Medical Council, der die Approbationen verleiht, habe sich dafür ausgesprochen, dass sich Ärzte alle fünf Jahre einer Rezertifizierung unterziehen müssen. Allerdings seien Methodik und Finanzierung noch nicht abschließend geklärt.
In Frankreich herrsche derzeit Unsicherheit, sagte Prof. Bernard Glorion. Unter der Prämisse, dass eine verpflichtende Fortbildung zur Kostensenkung im Gesundheitswesen beitrage, habe 1996 der damalige Gesundheitsminister ein entsprechendes Gesetz durchgesetzt. Unter seinem Nachfolger scheine die Tendenz aber zurück zur freiwilligen Fortbildung zu gehen. Im Vordergrund stehe nicht mehr die Kostenreduktion, sondern die Qualität der Versorgung und die Notwendigkeit, Ärzte während ihres ganzen Berufslebens zu evaluieren. Dr. Pierre Haehnel, Generalsekretär der französischen Ärztekammer, sieht diese Entwicklung trotz der gegenwärtigen Gesetzesinitiativen skeptisch. Er hält es für denkbar, dass der langfristige Trend zur obligatorischen Fortbildung führt. Unterdessen seien in Frankreich einige Fortbildungsprojekte vielversprechend verlaufen. Beispielsweise seien Qualitätskontrollen und Fortbildungsprogramme für Radiologen eingerichtet worden, um die Diagnose von Brustkrebs zu verbessern. Ein Zertifizierungsprogramm für Ärzte im Blutspendenwesen sei ebenfalls erfolgreich verlaufen. Man habe dabei festgestellt, dass viele Ärzte mangelhaft ausgebildet waren. Aus Gründen der Qualitätssicherung habe man zudem die Zahl der Blutspendezentren von 200 auf 43 verringert.
Finanzielle Anreize für freiwillige Fortbildung
In Belgien sollen finanzielle Anreize die Ärzte zur Fortbildung bewegen. Dr. Jean-Pierre Joset erklärte, akkreditierte Ärzte, die jährlich freiwillig 200 Fortbildungseinheiten absolvierten, erhielten einen Bonus von rund 1 000 DM pro Jahr. Die Fortbildungsangebote müssen drei Bereiche abdecken: Themen, die der eigenen Praxis nützen, 30 Einheiten Ethik und Wirtschaft sowie 40 bis 80 Einheiten, in denen sich der Arzt in regionalen Qualitätszirkeln fortbildet. Von den 18 000 Allgemeinärzten in Belgien sind Joset zufolge 75 Prozent akkreditiert, von den 21 000 Spezialisten 72 Prozent. Die regionalen Qualitätszirkel hätten dazu beigetragen, dass mehr Ärzte an Fortbildungsmaßnahmen teilnähmen und sich die Zusammenarbeit untereinander verbessert habe. Zudem würden weniger veraltete medizinische Verfahren angewendet und weniger Arzneimittel verschrieben.
Einige Anmerkungen zum Kongressverlauf seien erlaubt: Die didaktische Qualität mancher Referate entsprach nicht dem hohen Informationswert der Berichte aus den einzelnen Ländern. Diese Kritik kann die Bedeutung der gegenseitigen Information nicht mindern, ebenso wenig wie die Einsicht in die Notwendigkeit, die Fortbildung und deren Perfektion im Interesse bestmöglicher Patientenversorgung primär in der Hand der Ärzteschaft zu halten.
Wir brauchen die Europäische Akademie für ärztliche Fortbildung (EAMF). Leider wird auch das Geld kosten, und dies passt nicht in eine Zeit der Sparsamkeit, die Weitsicht ebenso vermissen läßt wie die Frage, was den Menschen ihre Gesundheit wert ist. Der Austausch auf europäischer Ebene ist wichtig, weil die meisten Ärzte immer noch in ihrem "nationalen" Denken verhaftet sind, ohne zu realisieren, dass die Europäisierung in Gesetzgebung und Verwaltung in vollem Gange ist. Von Globalisierung sei hier gar nicht gesprochen, obwohl US-amerikanische und kanadische Einflüsse sich auch in Europa auswirken. Zweifellos dürfte bei der 10. Internationalen Konferenz der Akademie deutlich geworden sein, dass es künftig zu dirigistischen Eingriffen kommen kann, die nicht im Interesse der Patienten liegen.
Nahezu zeitgleich zur Konferenz der EAMF hat der Europäische Dachverband der Facharztgesellschaften vorgeschlagen, einen europäischen Rat zur Zertifizierung zu schaffen. Kurz zuvor hatte sich der europäische Dachverband der Allgemeinärzte mit ähnlichen Projekten befasst. Damit wird es künftig möglicherweise unterschiedliche Vorschläge geben, die das "Arztbild" wesentlich beeinflussen, das leider von vielen als antiquiert betrachtet wird.
Die EAMF wurde 1979 auf Initiative von Dr. med. Wolfgang Bechtoldt, dem damaligen Präsidenten der Hessischen Landesärztekammer, gegründet. Ziel ist es, auf europäischer Ebene Erfahrungen über Methoden und Möglichkeiten der Fortbildung auszutauschen. Dr. med. P. Erwin Odenbach

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