ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2000Humanitäre Hilfe: Mit Sicherheit helfen?

THEMEN DER ZEIT: Tagungsberichte

Humanitäre Hilfe: Mit Sicherheit helfen?

Dtsch Arztebl 2000; 97(4): A-163 / B-136 / C-132

Kloppenborg, Josef

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LNSLNS Thema des 3. Kongresses zu Theorie und Praxis der humanitären Hilfe, den die Ärztekammern Berlin
und Wien zusammen mit der Bundes­ärzte­kammer veranstaltet haben, war die Sicherheit bei Hilfseinsätzen.


Eine Frau aus Srebrenica hat nach ihrer Deportation im Juli 1995 zu einem Mitarbeiter gesagt: ,Warum konnte dem Morden nicht am ersten Tag Einhalt geboten werden, als bereits mehr als tausend Männer umgebracht worden waren? Wenn Ihr uns 1993 beschützt habt, warum habt Ihr es nicht zwei Jahre später auch gemacht?' Oder: ,Hättet Ihr uns 1993 in Ruhe gelassen, dann wären vielleicht einige Tausend auf der Flucht gestorben, aber es wären niemals so viele umgekommen, wie im Juli 1995 abgeschlachtet worden sind.' "
Christine Schmitz von "Ärzte ohne Grenzen" berichtete über dieses bedrückende Urteil einer Frau im Kosovo. "Ärzte ohne Grenzen" hatte 1993 die Verantwortung für die medizinische Unterstützung der Bevölkerung in der Sicherheitszone Srebrenica übernommen, von der sich im Juli 1995 herausstellte, dass sie der Bevölkerung letztlich keine Sicherheit bot. Auch die humanitären Hilfsorganisationen konnten damals der Bevölkerung "mit Sicherheit" nicht helfen. Sie können es auch an vielen anderen Orten nicht.
Bei militärischen Konflikten ist die Sicherheit der Helfer von der der betreuten Bevölkerung graduell verschieden. In Srebrenica gab es, wie Christine Schmitz berichtete, für die Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" Sicherheitsrichtlinien und einen Evakuierungsplan. Es gab eine bombensichere Unterkunft, die Mitarbeiter trugen kugelsichere Westen und Helme. Die Organisation stand im ständigen Kontakt mit den serbischen Behörden, sodass es keine gezielten Angriffe auf die Helfer gab. Nach dem Fall von Srebrenica konnten alle Mitarbeiter evakuiert werden.
In anderen Fällen ist die Sicherheit der Mitarbeiter enger mit der der Bevölkerung verknüpft. Volker Kasch, Deutscher Entwicklungs-Dienst, wies darauf hin, dass die Zivilbevölkerung zunehmend das Ziel von Angriffen ist und dass dadurch auch die Gefährdung der Helfer wächst. Ihre Sicherheit wird zusätzlich dadurch beeinträchtigt, dass in solchen Auseinandersetzungen die Lage unübersichtlich ist und oft nicht zwischen Soldaten, Milizen und Zivilbevölkerung unterschieden werden kann.
Die Sicherheit der Mitarbeiter hängt auch von deren seelischer Stabilität ab. Plötzliche Großunfälle, Naturkatastrophen oder Katastrophen mit großen Flüchtlingsbewegungen konfrontieren die Helfer mit extremen Situationen, die das psychische Reagieren und das seelische Erleben massiv beeinflussen. Diese Eindrücke hinterlassen häufig Ängste, Depressionen und Erschöpfung. Dadurch kommt es zu Verhaltensänderungen und körperlichen Symptomen. Dauern diese als posttraumatische Belastungsstörungen an, kann es zu Krankheit und bleibenden Schäden kommen. Bernd Domres, Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin, berichtete über die Möglichkeiten von Stressmanagement, mit denen das Ausmaß der Reaktionen vermindert und chronische Folgeerscheinungen zum Teil verhütet werden können.
Mit dem Teilaspekt der sozialen Sicherheit der Helfer beschäftigen sich Daniel Sagebiel und Holger Kilian vom Auslandsbüro der Ärztekammer Berlin, die ein Freistellungsmodell für Krankenhausärzte vorstellten.
Neben dem Sicherheitsaspekt war die Verflechtung von humanitärer Hilfe mit der Politik ein Thema. Wie steht es beispielsweise mit der Neutralität der Hilfsorganisationen? Ulrike von Pilar, "Ärzte ohne Grenzen", stellte klar, dass humanitäre Hilfe nicht unpolitisch ist. "Ärzte ohne Grenzen", die sich früher als "strikt neutral" bezeichneten, haben vor zwei Jahren das Wort "strikt" aus ihrer Charta gestrichen. Ein Kompromiss. Einerseits werden zwar Verletzungen des humanitären Völkerrechts angeprangert. Andererseits wird die Anklage bestimmter Parteien oder einzelner Personen in einer Regierung vermieden, weil sonst die Gefahr bestünde, dass humanitäre Hilfe unmöglich würde.
Einen Ansatz zu qualifizierter Ausbildung für internationale Einsätze bietet ein Master-Studiengang International Health am Institut für Tropenmedizin der Humboldt-Universität Berlin, den Carsten Mantel, Mitarbeiter des Instituts, vorstellte. Der neue Postgraduierten-Studiengang kann in Voll- oder Teilzeit absolviert werden. Ausbildung und Erfahrung gehören zu den Voraussetzungen der Sicherheit am Einsatzort. "Unerfahrenheit der Helfer führt zu ihrer Gefährdung", sagte Ingo Marenbach, Auswärtiges Amt. Josef Kloppenborg


Die Helfer sind mit extremen Situationen konfrontiert. Beispiel Kosovo: In einer Kirche versorgt ein Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" eine Schussverletzung.

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