ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2000Die Physik und Grundfragen ärztlichen Handelns

MEDIZIN: Editorial

Die Physik und Grundfragen ärztlichen Handelns

Dtsch Arztebl 2000; 97(4): A-164 / B-138 / C-134

Zenner, Hans-Peter

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LNSLNS Medizin handelt vom Menschen, von seiner Person, von Körper und Psyche - so gesehen vom ganzen Menschen. Allerdings: Das Ganze ist nur ein Ganzes, wenn ungeteilt. Ungeteilt aber ist es nicht zu fassen und nicht zu erfassen. So betrachtet ist es kein Wunder, wenn Descartes vor etwa 350 Jahren einen Vorschlag machte, wie aus dieser Misere herauszukommen sei: "Wenn ein Problem so komplex ist, dass du es nicht auf einmal lösen kannst, so zerlege es in viele Unterprobleme, die dann entsprechend klein sind, sodass du jedes dieser Unterprobleme für sich lösen kannst."
Kluft ist überflüssig
Wir Ärzte glauben gelernt zu haben, dass es Naturwissenschaftler, allen voran die Physiker, auszeichnet, mit diesem Reduktionsprinzip Geheimnisse der Natur zu entschlüsseln. Deshalb hat die moderne Medizin das Reduktionsprinzip von der Naturwissenschaft übernommen, um Kranke heilen zu lernen. So übt bereits der Medizinstudent, den Menschen reduktionistisch zu betrachten. Reduktionismus scheint zu ermöglichen, dass komplexe Strukturen auf einfache, höhere Seinsschichten auf niedrigere, zurückzuführen sind, geistige Prozesse auf die Physiologie des Gehirns und schließlich: kranke Menschen auf Befunde. Und als Vorurteil ist nicht selten längst vorgemerkt: Hüben, auf der Seite der auf diese Weise erfolgreichen Schulmedizin, finden wir Effizienz und Verantwortung, die sich in Begriffen wie Wirksamkeitsnachweis, fassbare Befunde oder objektive Verfahren widerspiegeln - drüben scheint die psychosoziale Medizin versammelt. Diese Kluft zwischen hüben und drüben - muss es sie geben? Ich denke: nein. Ich denke: sie ist inszeniert. Stoff für die Inszenierung ist ein häufig einseitiges Verständnis der modernen Medizin, Naturwissenschaft. Allen voran die Physik, lehre uns, nur das Fassbare für wahr zu halten. Doch moderne Physik ist anders: Friedrich Schmahl und Carl Friedrich von Weizsäcker schildern in ihrem Artikel in diesem Heft eindringlich, dass die Physik dieses Jahrhunderts die strikte Analyse der Natur als in fassbare Teile zerlegbar nicht mehr durchgehend aufrechterhält. Wenn die Betrachtung des menschlichen Körpers über die Ebene von Zellen und Molekülen hinausgeht und Atome und subatomare Strukturen untersucht werden, dann verlieren wir materielle Entsprechungen, körperlich Fassbares, wie sie die heutige Medizin als Zeichen des Objektivierbaren liebt. Die moderne Physik zwingt zu neuem Nachdenken über die Beziehung von Subjekt und Objekt und so auch über die Beziehung von Arzt und Patient.
Kein Alleinvertretungsanspruch des Reduktionismus
So lehrt uns überraschenderweise die Physik, dass das Reduktionsprinzip gute Gründe hat, keinen Alleinvertretungsanspruch für das ärztliche Denken zu erheben. Kranke lassen sich in vielen Punkten nicht ausschließlich reduktionistisch beschreiben: vieles bleibt auf Dauer körperlich nicht fassbar, hat keine materiellen Entsprechungen, ist nicht objektivierbar. Reduktionismus ist nur dann eine kontrollierte methodische Vorgehensweise der Medizin, wenn er um seine Beschränkung auf materielle Ursachen und damit um seine Grenzen weiß und etwa Autonomie und Freiheit des Patienten oder auch sein Denken und Fühlen und seine Überzeugungen außerhalb seines Untersuchungsgegenstandes sieht. Akzeptieren wir diesen Reduktionismus als Vorgehensweise, so können wir uns dem Kranken nähern. Wir können Teile des Ganzen im Bewusstsein betrachten, dass sie nicht das Ganze sind.


Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2000; 97: A-164
[Heft 4]
Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Hans-Peter Zenner
Silcherstraße 5
Universität Tübingen · 72076 Tübingen

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