ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2000Klassifikation und Behandlung der Ohrmuschelmissbildungen: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Klassifikation und Behandlung der Ohrmuschelmissbildungen: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2000; 97(4): A-180 / B-149 / C-145

Weerda, Hilko

Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Hilko Weerda Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Ralf Siegert in Heft 36/1999
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LNSLNS Zunächst darf ich mich bei Herrn Lürßen für seine anerkennenden Worte zu unserem Artikel bedanken. Er weist zu Recht darauf hin, dass operative Eingriffe bei Kindern in der Regel von den Eltern initiiert und von dem Chirurgen durchgeführt werden. Dieses gilt aber generell für alle Eingriffe bei Kindern, besonders natürlich bei operativen Eingriffen, seien sie zwingend erforderlich oder aus anderen Gründen durchzuführen. Da wir unsere Kinder frühestens ab dem achten bis zehnten Lebensjahr, häufig aber noch später operieren, werden sie selbstverständlich in den Entscheidungsprozess mit einbezogen.
Wir haben zusammen mit dem Leiter der Universitäts-Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie die "psychosozialen Aspekte der totalen Ohrmuschel-Rekonstruktion bei Patienten mit schweren Mikrotien" untersucht (5). Aus der Diskussion mit Kindern und Jugendlichen vor und nach der Operation und in Kenntnis der Literatur zum Thema der Missbildung, vor allem der Gesichtsentstellten, kann ich mich der Vorstellung von Herrn Kollegen Lürßen nicht anschließen. Durch die Diskriminierung und die Auffälligkeit unserer Kinder, die ja häufig nicht nur an einer Ohrmissbildung, sondern auch an zusätzlichen weitergehenden Missbildungen wie Mikrosomie (Franceschetti-, Goldenhar-, Klippel-Feil-Syndrom) oder Spalten leiden, nimmt der Leidensdruck bis zur Pubertät und den ersten Kontakten mit dem anderen Geschlecht außerordentlich zu. Durch ein fächerübergreifendes Konzept der Behebung der Missbildung zusammen mit den Kieferchirurgen (Distraktion, Augmentation, Spaltoperation) kann es gelingen, den hohen Leidensdruck durch die Auffälligkeit unserer Patienten zu mildern. Ein Verdecken durch Haar oder Mütze ändert nichts an dem Bewusstsein, "missgebildet zu sein". So wurden in unserer Studie "Depressivität" und "Kontaktstörungen", wie sie in der Marburger Symptomliste definiert sind, von den Jugendlichen und Erwachsenen in Verbindung mit der Fehlbildung häufig als Motiv für die Operation genannt.
Fehlbildungen des Kopfes stellen eine schwer zu verbergende ästhetische Beeinträchtigung dar, die ganz besonders auf die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen einwirken und die so zu einer erheblichen psychosozialen Belastung führen kann. Wie wir wissen, entwickelt sich im Alter von vier bis sechs Jahren ein Bewusstsein für körperliche Attraktivität, in diesem Alter bereits beginnen fehlgebildete Kinder ihre äußerliche Abweichung von der Norm zu realisieren.
Noch wichtiger war, dass sich die Jugendlichen vor allem bei den Mikrotien dritten Grades, also bei den schweren Missbildungen nach einer Ohrmuschel-Rekonstruktion nicht mehr als fehlgebildet vorkamen. Dieser Effekt ist zum Beispiel durch die Versorgung mit einer Epithese, durch Abdecken mit einer Mütze oder lange Haare nicht möglich. Nach Lefebre et al. (3) und Arndt et al. (1) ist es gerade das durch die Operation gesteigerte Selbstwertgefühl, das zu einer besseren Lebensqualität beiträgt und den Patienten soziale Barrieren überwinden hilft (5, 6).
Zusammenfassend möchte ich feststellen: Missbildungen, vor allem Missbildungen im Gesicht, können zu schweren Beeinträchtigungen des äußeren Körperbildes von Kindern und Jugendlichen bis hin zu schweren neurotischen Fehlentwicklungen führen (4). Wegen des erheblichen Leidensdrucks von Kindern und Jugendlichen ist eine Motivation zur Operation, die sehr häufig vom Betroffenen initiiert wird, von den Eltern und Ärzten dann zu unterstützen (5). In unserer Studie gaben von den von uns befragten Patienten 92 Prozent ein besseres Ergebnis oder viel besseres Ergebnis als vor der Operation an, 87 Prozent würden sich jederzeit wieder einer solchen Operation unterziehen. Am erstaunlichsten war in der von uns durchgeführten Studie über psychosoziale Aspekte nach Abschluss der Rekonstruktion bei schweren Missbildungen, dass unsere Patienten nicht mehr das Gefühl hatten, missgebildet zu sein.


Literatur
1. Arndt EM, Travis F, Lefebre A, Niec A, Munro IR: Beauty and the eye of the beholder. Social consequences and personal adjustments for facial patients. Br J Plast Surg 1986; 39: 81-84.
2. Heimann H: Das Gesicht als Ausdrucksfeld der Seele in: Schuchardt K (ed.): Fortschritte der Kiefer- und Gesichtschirurgie. Stuttgart: Thieme 1979; Band 24, 1-8.
3. Lefebre A, Munro I: The role of psychiatry in an craniofacial team. Plast Reconstr Surg 1978; 61: 564569.
4. Panse F: Pathopsychologie der Gesichtsentstellten in: Schuchardt K (ed.): Fortschritte der Kiefer- und Gesichtschirurgie. Stuttgart: Thieme 1962; Band 12: 9-16.
5. Siegert R, Knölker U, Konrad E: Psychosoziale Aspekte der totalen Ohrmuschelrekonstruktion bei Patienten mit schwerer Mikrotie. Laryngo-Rhine-Otol 1996; 75: 155-161.
6. Weerda H. Rekonstruktionselemente für Ohmuschel-Epithesen. HNO 1972; 20: 83.


Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Hilko Weerda
Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde
Plastische Operationen
Medizinische Universität zu Lübeck
Ratzeburger Allee 160
23538 Lübeck

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