ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenNeurologie 1/2019Impfungen: Ohne Risiko für Patienten mit multipler Sklerose

Supplement: Perspektiven der Neurologie

Impfungen: Ohne Risiko für Patienten mit multipler Sklerose

Dtsch Arztebl 2019; 116(37): [20]; DOI: 10.3238/PersNeuro.2019.09.13.04

Grunert, Dustin

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Eine „Big Data“-Auswertung zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für eine MS-Erkrankung oder das Auftreten eines ersten Schubs durch Impfungen nicht unmittelbar erhöht ist.

Foto: weyo stock.adobe.com
Foto: weyo stock.adobe.com

Daten von über 12 000 Patienten mit multipler Sklerose (MS) dienten als Grundlage für die Studie der Technischen Universität München (TUM), die das Impfverhalten der Bevölkerung im Zusammenhang mit MS untersuchte. Sie zeigte, dass sich MS-Erkrankte 5 Jahre vor der Diagnose statistisch seltener impfen ließen als Vergleichsgruppen. Ein Zusammenhang zwischen Impfungen und dem Auftreten von MS scheint somit unwahrscheinlich.

Anzeige

Man geht heute davon aus, dass die MS eine neurologische Autoimmunerkrankung ist, bei der das Immunsystem das Gehirn und Rückenmark attackiert. Sie tritt vermehrt bei jungen Menschen bis zum 40. Lebensjahr auf. Als Risikofaktoren werden auch Impfungen diskutiert. Prof. Bernhard Hemmer, Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik am TUM-Universitätsklinikum rechts der Isar, hat mit seinem Team einen großen bevölkerungsrepräsentativen Datensatz der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) von mehr als 200 000 Personen ausgewertet, darunter mehr als 12 000 MS-Erkrankte.

Es zeigte sich, dass Personen 5 Jahre vor einer MS-Diagnose weniger Impfungen bekommen hatten als Vergleichsgruppen, die keine MS entwickelten. Dies galt für die untersuchten Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken, Mumps, Masern, Röteln und Windpocken, das humane Papilloma-Virus (HPV), Hepatitis A und B, FSME und Grippe. Bei den 3 Letztgenannten fiel der Effekt besonders deutlich aus: Hier ließ sich die Kontrollgruppe deutlich häufiger impfen als die späteren MS-Patienten.

„Die Ursachen kennen wir noch nicht. Vielleicht nehmen Menschen lange vor ihrer Diagnose die Krankheit wahr und verzichten deshalb auf zusätzliche Belastungen für das Immunsystem. Solche Effekte zeigen sich auch in unseren Daten. Oder die Impfung hat einen protektiven Effekt und hält das Immunsystem von Attacken gegen das Nervensystem ab. Letztlich können wir aufgrund der großen Datenmenge klar sagen, dass es keinen Hinweis darauf gibt, dass sich die Wahrscheinlichkeit für eine MS-Erkrankung oder das Auftreten eines ersten MS-Schubs durch Impfungen unmittelbar erhöht“, erklärt PD Dr. med. Alexander Hapfelmeier, Erstautor der Studie.

Die Forscher wollten zudem ausschließen, dass die Ergebnisse ein grundsätzlicher Effekt von chronischen Krankheiten sein könnten. Sie werteten deshalb zusätzlich die Daten von 2 weiteren Patientengruppen aus: Menschen mit Morbus Crohn und mit Psoriasis. Auch bei ihnen waren die Impfungen 5 Jahre vor ihrer Diagnose erfasst worden.

Diese Patienten ließen sich aber ähnlich oft impfen wie die gesunde Kontrollgruppe. „Die Ergebnisse sind nicht allein auf eine chronische Krankheit zurückzuführen, sondern ein MS-spezifisches Verhalten“, sagt Hemmer und ergänzt: „Auch aus anderen Studien wissen wir, dass MS-Erkrankte lange vor Diagnose in ihrem Verhalten und ihrer Krankengeschichte auffällig sind. Sie leiden zum Beispiel häufiger an psychischen Erkrankungen und bekommen seltener Kinder. All das macht deutlich, dass die MS lange vor den neurologischen Symptomen da ist. Wir müssen geeignete Marker finden, um sie früher zu diagnostizieren.“

DOI: 10.3238/PersNeuro.2019.09.13.04

Dustin Grunert

Quelle: Hapfelmeier A, Gasperi Ch, Donnachie E, Hemmer B: A large
case-control study on vaccination as risk factor of multiple sclerosis.
Neurology 2019; 93 (9): e908–16.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema