ArchivDÄ-TitelSupplement: PerspektivenNeurologie 1/2019Duchenne-Muskeldystrophie: Viele haben noch nie solch einen Patienten gesehen

Supplement: Perspektiven der Neurologie

Duchenne-Muskeldystrophie: Viele haben noch nie solch einen Patienten gesehen

Dtsch Arztebl 2019; 116(37): [31]; DOI: 10.3238/PersNeuro.2019.09.13.08

Zylka-Menhorn, Vera

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Früherkennung der Duchenne-Muskeldystrophie verbessert die Prognose. Schon mit zehn Jahren können Patienten ihre Gehfähigkeit und später die Beweglichkeit ihrer Arme verlieren.

Die Duchenne-Muskeldystrophie (DMD) ist eine seltene, progrediente genetische Erkrankung und die häufigste erbliche Muskelerkrankung im Kindesalter. Die Inzidenz beträgt etwa 1 : 3 600 bis 1 : 6 000 männlichen Neugeborenen (1). In Deutschland leben schätzungsweise 1 500–2 000 Patienten mit DMD. „Viele Ärzte haben noch nie einen Patienten mit Duchenne-Muskeldystrophie gesehen“, so Prof. Dr. med. Andreas Hahn, Gießen.

Das Krankheitsbild ist durch das Fehlen funktionsfähigen Dystrophins bedingt (2, 3). Das Muskelprotein stabilisiert Muskelmembranen und schützt Muskeln so vor einer Schädigung (4). Die Pathogenese der DMD startet schon vor der Geburt. Zeichen einer Muskeldystrophie finden sich bereits in Muskelbiopsien Neugeborener. Da die Erkrankung X-chromosomal-rezessiv vererbt wird, sind nahezu alle Betroffenen männlich. Das geschädigte Dystrophin-Gen wird in etwa zwei Drittel der Fälle durch die Mutter weitergegeben, die selbst oft keine Symptome aufweist. Die Neumutationsrate ist sehr hoch: Bei etwa einem Drittel der Betroffenen liegt eine „De-novo-Mutation“ vor (5).

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Die Erkrankung äußert sich frühzeitig mit Verzögerungen der kognitiven, sprachlichen und motorischen Entwicklung. Zwischen ersten Verdachtsmomenten und der Diagnosestellung können bis zu 30 Monate vergehen (6). Die Diagnose wird in Deutschland durchschnittlich im Alter von 3,8 Jahren bestätigt. Die Erkrankung verläuft progredient über definierte Krankheitsstadien. Die Patienten sterben durchschnittlich in ihrem 3. Lebensjahrzehnt.

Unspezifische frühe Zeichen erkennen

Bereits ab der Geburt erhöhte CK- und Transaminase-Werte zählen zu den unspezifischen frühen Zeichen einer DMD. Auch mögliche im 2. Lebensjahr erkennbare Lern- und Verhaltensauffälligkeiten sowie sprachliche und motorische Entwicklungsverzögerungen können erste Hinweise auf die Erkrankung liefern. Ab dem 3.−4. Lebensjahr sind dann die späten muskulären Zeichen der DMD häufig nicht mehr zu übersehen: watschelnder Gang, Wadenhypertrophie, Gowers-Zeichen (Kind klettert mithilfe seiner Arme am eigenen Körper hoch, um von der Bauchlage in den Stand zu gelangen), häufiges Hinfallen, Schwierigkeiten beim Rennen, Springen und Treppensteigen und eine reduzierte Ausdauer im Vergleich zu Gleichaltrigen.

Die Erkrankung ist zwar unheilbar, Krankheitsverlauf und Lebensqualität lassen sich jedoch durch eine rechtzeitige Diagnose und Therapie günstig beeinflussen (1). Besteht der Anfangsverdacht auf das Vorliegen einer DMD, wird die Bestimmung der Kreatinkinase (CK) in der Primärversorgung durch den Pädiater oder Hausarzt empfohlen. Deutlich erhöhte CK-Werte über 1 000 U/l erhärten den Verdacht auf eine Muskelschädigung.

In diesem Fall sollte der niedergelassene Pädiater oder Hausarzt die Überweisung des jungen Patienten an einen Neuropädiater in einem auf Muskelerkrankungen spezialisierten Zentrum veranlassen. Hier erfolgen dann gegebenenfalls eine DNA-Analyse sowie eine Mutationsdiagnostik, um die DMD-Diagnose zu bestätigen und den Mutationstyp zu bestimmen.

Die Lebenserwartung von DMD-Patienten hat sich allgemein verbessert, was auch am Einsatz von Kortikosteroiden liegt, die eine der Säulen der DMD-Therapie bilden. Durch eine frühzeitig begonnene Langzeitgabe von Kortikosteroiden kann die Muskelfunktion 3–4 Jahre länger erhalten und orthopädische Komplikationen reduziert werden.

Mit Ataluren (Translarna™) steht gehfähigen DMD-Patienten mit zugrunde liegender Nonsense-Mutation (etwa 13 % aller Duchenne-Patienten) ab einem Alter von 2 Jahren eine kausale, mutationsspezifische Therapie zur Verfügung.

Neben der Reparatur des defekten Gens legt die derzeitige Forschung den Schwerpunkt auf gentherapeutische Maßnahmen, wobei das Dystrophin-Gen mit Viren per Injektion in die Muskelzellen transportiert wird.

DOI: 10.3238/PersNeuro.2019.09.13.08

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3719

1.
Bushby K, Finkel R, Birnkrant DJ, et al.: Diagnosis and management of Duchenne muscular dystrophy, part 1: diagnosis, and pharmacological and psychosocial management. Lancet Neurol 2010; 9: 77–93 CrossRef
2.
Birnkrant DJ, Bushby K, Bann CM, et al.: Diagnosis and management of Duchenne muscular dystrophy, part 1: diagnosis, and neuromuscular, rehabilitation, endocrine, and gastrointestinal and nutritional management. Lancet Neurol 2018; 17: 251–67 CrossRef
3.
Humbertclaude V, Hamroun D, Bezzou K, et al.: Motor and respiratory heterogeneity in Duchenne patients: implication for clinical trials. Eur J Paed Neurol 2012; 16 (2): 149–60 CrossRef MEDLINE
4.
Vry J, Gramsch K, Rodger S, et al.: European Cross-Sectional Survey of Current Care Practices for Duchenne Muscular Dystrophy Reveals Regional and Age-Dependent Differences. J Neuromuscul Dis 2016; 3 (4): 517–27 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.
Aartsma-Rus A, Ginjaar IB, Bushby K: The importance of genetic diagnosis for Duchenne muscular dystrophy. J Med Genet 2016; 53 (3): 145–51 CrossRef MEDLINE PubMed Central
6.
Ciafaloni E, Fox DJ, Pandya S, et al.: Delayed diagnosis in duchenne muscular dystrophy: data from the Muscular Dystrophy Surveillance, Tracking, and Research Network (MD STARnet).
J Pediatr 2009; 155: 380–5 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Bushby K, Finkel R, Birnkrant DJ, et al.: Diagnosis and management of Duchenne muscular dystrophy, part 1: diagnosis, and pharmacological and psychosocial management. Lancet Neurol 2010; 9: 77–93 CrossRef
2.Birnkrant DJ, Bushby K, Bann CM, et al.: Diagnosis and management of Duchenne muscular dystrophy, part 1: diagnosis, and neuromuscular, rehabilitation, endocrine, and gastrointestinal and nutritional management. Lancet Neurol 2018; 17: 251–67 CrossRef
3.Humbertclaude V, Hamroun D, Bezzou K, et al.: Motor and respiratory heterogeneity in Duchenne patients: implication for clinical trials. Eur J Paed Neurol 2012; 16 (2): 149–60 CrossRef MEDLINE
4.Vry J, Gramsch K, Rodger S, et al.: European Cross-Sectional Survey of Current Care Practices for Duchenne Muscular Dystrophy Reveals Regional and Age-Dependent Differences. J Neuromuscul Dis 2016; 3 (4): 517–27 CrossRef MEDLINE PubMed Central
5.Aartsma-Rus A, Ginjaar IB, Bushby K: The importance of genetic diagnosis for Duchenne muscular dystrophy. J Med Genet 2016; 53 (3): 145–51 CrossRef MEDLINE PubMed Central
6.Ciafaloni E, Fox DJ, Pandya S, et al.: Delayed diagnosis in duchenne muscular dystrophy: data from the Muscular Dystrophy Surveillance, Tracking, and Research Network (MD STARnet).
J Pediatr 2009; 155: 380–5 CrossRef MEDLINE PubMed Central

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