ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2019Arbeitsbelastung: Nur noch arbeiten und schlafen

SEITE EINS

Arbeitsbelastung: Nur noch arbeiten und schlafen

Dtsch Arztebl 2019; 116(37): A-1571

Schmedt, Michael

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Es tut mir wirklich sehr leid. Da ich zuletzt fast einen Monat jeden Tag in der Klinik war (mal nur zur Visite, mal im Rufdienst) habe ich jede Minute in der letzten Zeit für Schlaf genutzt. Da ich ab Juli vorübergehend etwas mehr Zeit haben werde, folgen sicherlich sehr zeitnah noch ein paar Texte.“

Dies schrieb eine Ärztin in Weiterbildung, die seit dem Medizinstudium für aerzteblatt.de bloggt (http://daebl.de/CD41). Mit Beginn des Praktischen Jahres wurden ihre Berichte aus dem Medizinbetrieb immer eindrücklicher, aber auch seltener. Ihr Arbeitspensum ließ es nicht mehr zu. Dass die Ärztin „jede Minute für Schlaf nutzt“ ist symptomatisch für den Stress der im Gesundheitswesen Tätigen: Deren Lebenszeit besteht im schlimmsten Fall nur noch aus Arbeits- und Schlafenszeit. Die daraus folgende Unzufriedenheit im privaten Bereich und das Getriebensein im beruflich Alltag lassen Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte immer mehr unter Druck geraten. Und dies geschieht in einer Zeit, in der jede helfende Hand im Gesundheitswesen dringendst benötigt wird. Dass der Fachkräftemangel die Versorgung bedroht, ist unbestritten. Fatal ist aber, dass diejenigen die Lust an ihrem Beruf verlieren, die (noch) dafür sorgen, dass das Gesundheitswesen so gut funktioniert. Darum muss man sich bei allen Bestrebungen, Fachkräfte zu gewinnen und mit reichhaltigen Gesetzesvorgaben die Patientenversorgung zu verbessern, auch in die Rolle der Ärzte und Pflegkräfte versetzen.

Anzeige

Zu allem Überfluss ist es nicht nur die zunehmende Arbeitsbelastung, die von immer weniger Köpfen geschultert werden muss, die Ärzte und Pflegekräfte demotiviert. Hinzu kommt ein ebenfalls schon länger bekanntes Problem: die Kommerzialisierung, die das Gesundheitswesen mehr an Effizienz und Ertrag ausrichtet als an guten Arbeitsbedingungen und einer guten Patientenversorgung. Wertschöpfung, Rendite und Effizienz heißen dann die Ziele. Ausreichende Arbeitszeit und Empathie sind nicht gefragt. Besonders fatal wirkt sich dies auf vulnerable Patientengruppen wie Kinder aus (Seite 1586).

Die Kommerzialisierung bedroht zudem die Gesundheit der Agierenden, wie das Schwerpunktthema „Arztgesundheit“ des diesjährigen Deutschen Ärztetages in Münster deutlich machte (http://daebl.de/SG51). Und Pflegekräfte sind einem Bericht der Techniker Krankenkasse zufolge im Vergleich zu anderen Berufsgruppen überdurchschnittlich oft und auch länger krankgeschrieben.

Da die Politik mehr schlecht als recht auf diese Entwicklungen reagiert, ist es wichtig, dass die Bevölkerung auch aus der Sicht der Betroffenen immer wieder auf diese Missstände aufmerksam gemacht wird. Schon auf dem Deutschen Ärztetag 2017 in Freiburg hatte das Deutsche Ärzteblatt Ärztinnen und Ärzte zu den Folgen der Kommerzialisierung befragt und ihre Antworten in einer Videodokumentation festgehalten (www.aerzteblatt.de/wettbewerb). Jetzt haben sich in der vergangenen Woche Ärzte und medizinische Fachorganisationen im Magazin Stern für eine grundlegende Reform der Krankenhäuser in Deutschland starkgemacht. In dem veröffentlichten Appell kritisieren sie einen hohen wirtschaftlichen Druck in den Kliniken und Fehlsteuerungen im Krankenhaussystem. Es sei fahrlässig, die Krankenhäuser und damit auch die Patienten den Gesetzen des freien Marktes zu überlassen. Davor hatten in der Videodokumentation auch viele Ärzte gewarnt.

Nur noch arbeiten und schlafen macht krank, daher sind gute Arbeitsbedingungen für Ärzte und Pflegekräfte unerlässlich – auch im Interesse der Patienten.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #663235
gibi1
am Samstag, 5. Oktober 2019, 22:36

Kein Problem der Kommerzialisierung

Das Problem der Arbeitsüberlastung und Ausbeutung von jungen Ärzten ist kein spezifisches Problem der Kommerzialisierung und Privatisierung. Schon zu meiner AiP- und Assistenzarztzeit in den 90ern und frühen 2000er war ich selbst betroffen von 28-Stunden-Schichten, bezahlt mit einem AiP-Hungerlohn, Dauernachtdiensten mit unterstellter Dienstufe D bis zur völligen Erschöpfung. Dies unter öffentlicher Trägerschaft des Landkreises Kassel. Verantwortlich waren neben kriminellen und ausbeuterischen Klinikleitern und Chefärzten die damaligen Funktionäre in der sogenannten "Standesvertretung" der deutschen Ärzte, sprich der Bundesärztekammer unter Führung von Apparatschiks wie Hoppe, Vilmar & Konsorten.
Dass erst eine private Klage eines Kieler Kollegen 2003 zur Änderung des Arbeitszeitgesetzes führte, spricht Bände. Man solle also die Überlastung von Ärzten nicht allein der Privatisierung von Kliniken zuschreiben.
Avatar #749292
bluedreams54
am Montag, 16. September 2019, 19:56

Kommerzialisierung des Gesundheitswesens

So ist es: der Staat hat zum größten Teil die KH- Landschaft in die Hände von Konzernstrukturen gegeben, die Rendite erwirtschaften wollen. Der arbeitnehmende Mensch- egal aus welchem Medizinalberuf- ist da nur Humanressource.
In Deutschland läuft seit Jahrzehnten Einiges falsch. Nicht nur im Gesundheitswesen.