ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2000Privatschulen: „Man braucht Klempner und Visionäre“

VARIA: Bildung und Erziehung

Privatschulen: „Man braucht Klempner und Visionäre“

Dtsch Arztebl 2000; 97(4): A-186 / B-152 / C-148

Driesen, Oliver

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Während in Westdeutschland fünf bis sechs Prozent der Kinder auf nichtstaatliche Schulen gehen, sind es im Osten knapp zwei Prozent. Die Leipzigerin Elke Urban, Lehrerin und Mutter von fünf Kindern, engagierte sich schon während der Wende in der DDR für die "Initiative Freie Pädagogik". Ein DÄ-Interview über die Pionierarbeit in der Bildungslandschaft Ost.


DÄ: Was ist für Sie eine "freie Schule"?
Urban: Eine freie Schule hat eine geistige Mitte. Das heißt eine Konzeption, durch die Identität und Unverwechselbarkeit entsteht. Außerdem nutzt sie aktiv die Gestaltungsmöglichkeiten freier Schulen und ist nicht nur ein Abklatsch staatlicher Schulen, der lediglich einen anderen Träger hat.


DÄ: Auf den Montagsdemonstrationen im Winter 1989 trugen Sie ein Pappschild "Wir wollen freie Schulen". In der "Leipziger Erklärung" von 1990 forderten 5 000 Menschen das Recht auf freie Wahl der Schule, auf Eigenverantwortung im Bildungsbereich. Was ist davon realisiert worden?
Urban: Zunächst einmal ist das Recht auf die Errichtung solcher Schulen in den sächsischen Landesgesetzen und der Landesverfassung verankert worden. Das ist nach 60 Jahren des Verbots solcher Schulen eine ganz tolle Sache. Aber nicht verwirklicht worden ist, was wir auch gefordert hatten: dass die Schulaufsicht als Schulberatung organisiert werden solle, das heißt partnerschaftlich und nicht als Dienst-Vorgesetzter der Pädagogen. Sicher ist Aufsicht nach wie vor notwendig, um die Schüler vor schlechtem Unterricht und Indoktrination zu schützen. Aber in den pädagogischen Fragen müsste den Lehrern wesentlich mehr Freiheit zugestanden werden, um mehr Innovation zu ermöglichen.


DÄ: Welche DDR-Erfahrungen motivierten Sie besonders zur Förderung freier Pädagogik?
Urban: Die Indoktrination und das "Lernen im Gleichschritt". Es war schrecklich, die Militarisierung unserer Kinder im Schulunterricht tatenlos miterleben zu müssen. Die Erziehung zur Wehrbereitschaft, zum Strammstehen, zum Anpassen und Unterordnen. Und alle Kinder mussten in der Klasse stets zur gleichen Zeit dasselbe tun. Der in der DDR dominierende Frontalunterricht ließ gar keine anderen Möglichkeiten zu. Womit ich nicht sagen will, dass es nicht auch guten Frontalunterricht geben kann.


DÄ: Ihr Engagement in der Bildungsbewegung der Oppositionellen brachte Ihnen 1990 einen Job im Leipziger Schulverwaltungsamt ein. War das nicht ein Schritt ins Lager der Bürokratie, Regulierung und Bevormundung, die Sie bekämpft hatten?
Urban: Es war doch genial, gerade jemanden wie mich in diese Verwaltung zu holen! Unser damaliger Amtsleiter und heutiger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee hat mir immer Rückendeckung gegeben, was mir viel bedeutet. Er hat mich zu mehreren Schulgründungen angestiftet, sodass sie "im Dienstauftrag" geschahen - was in Deutschland einmalig sein dürfte. Wir haben jetzt 16 Schulen mit 2 000 Schülern in freier Trägerschaft in Leipzig, ein enormes Spektrum an Schulvielfalt. Die Stadt fördert uns dabei durch nahezu kostenlose Bereitstellung von Gebäuden und durch Zuschüsse zu den Betriebskosten.

DÄ: Sie setzen sich besonders für evangelische Schulen und das christliche Menschenbild ein. Ist es nicht aussichtslos, gerade im Osten auf ein christlich orientiertes Schulwesen zu setzen? Schlagen Ihnen da nicht Desinteresse und Resignation entgegen?
Urban: Es gibt einen nicht unerheblichen Teil Jugendliche, die Orientierung und Antworten suchen und hoffen, sie auf konfessionell geprägten Schulen zu finden. Das religiöse Bedürfnis ist vorhanden. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele selber nicht religiöse Eltern ihre Kinder in konfessionellen Schulen anmelden, um ihnen die Wahl zu überlassen zwischen Konfession und Atheismus. Dazu kommen die Eltern, die als Christen in der DDR die Erfahrung gemacht haben, wie schwer es ist, als Einzelner in seiner Klasse für sein Bekenntnis geradezustehen. Das wollen sie ihren Kindern ersparen und ihre Kinder mit anderen Gleichgesinnten zusammenbringen. In allen konfessionellen Schulen haben wir zwar einen hohen Anteil nicht getaufter Kinder, aber die getauften sind genügend, um sich nicht rechtfertigen zu müssen.


DÄ: Sie haben einmal gesagt, wer in Sachsen Schulen gründen wolle, müsse mindestens fünf Schritte in der Luft gehen können.
Urban: So eine Schulgründungs-Initiative braucht natürlich an ihrer Spitze Visionäre, die erst mal "davonfliegen" und sich durch Bedenken, Geldmangel und Verbote nicht aufhalten lassen. Aber natürlich braucht man in derselben Initiative auch "Klempner", die pragmatisch an die Schritte der nächsten Woche denken. Im Zusammentreffen von Visionären und Klempnern gelingt es immer wieder, auch in kleineren Orten in Sachsen, dass die Schulen tatsächlich entstehen. Vor allem da, wo staatliche Schulen schließen und die Gebäude zur Verfügung stehen. Die Gegenseite ist aber misstrauisch und errichtet immer höhere Hürden gegen freie Schulen in solchen Räumlichkeiten.


DÄ: Ihr Arbeitstag hat bis zu 16 Stunden. Woher nehmen Sie die Kraft?
Urban: Wer erlebt, wie der Geist des Herbstes 1989 in diesen Schulgründungs-Initiativen immer wieder neu belebt wird, der freut sich einfach, dass man diese Stimmung ständig wieder finden kann. Es ist so ähnlich, wie ein Kind in die Welt zu setzen - das sich dann abnabelt und gedeiht und sich emanzipiert. Ich habe schon fünf eigene Kinder und habe also hier etwas gefunden, das ebenso viel Spaß macht. Oliver Driesen


Elke Urbans Traum: kindgerechte Alternativen zum Obrigkeits-Schulsystem der SED. Im neuen Staat Bundesrepublik arbeitete sie bis 1999 in der Leipziger Schulverwaltung. Seit kurzem leitet sie das Leipziger Schulmuseum.

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema