ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2019Von schräg unten: Große Worte

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Große Worte

Dtsch Arztebl 2019; 116(37): [80]

Böhmeke, Thomas

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Politiker werden meist nicht durch große Taten, sondern durch große Worte unsterblich. „Ich bin ein Berliner!“ und „Tear down this wall!“ bleiben für immer in den Herzkammern unserer politischen Bildung eingraviert. Solche Sätze, die gemeißelt sind für die Ewigkeit, erklären sich aus dem historischen Kontext, der Werdegang besagter Berliner Mauer bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Auch deutsche Volksvertreter formulieren Sätze, die einem ans Herz gehen: „Der ein oder andere Arzt wird ab Mittwochnachmittag auf dem Golfplatz gesehen.“ Da musste ich erst mal schlucken, das ging mir ausgesprochen nahe. So nahe, dass ich mich intensiv mit der Frage beschäftigt habe: Wie konnte es so weit kommen? Wie kam es dazu, dass vermodernde Mediziner den Weg von weitläufigen Sportplätzen in politische Münder fanden?

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Ich darf daher einmal den geschichtlichen Werdegang rekapitulieren: Schon während meiner Studienzeit wurde mir unmissverständlich klargemacht, dass die ärztliche Tätigkeit sich in 80-Stunden-Wochen bemisst, es also dem Genom unserer Berufung entspricht, dass „Dienstschluss“ und „Gute Nacht“ austauschbare Begriffe sind, dass Wochenenddienste wörtlich zu nehmen sind, sprich von Freitag bis Montag. Faul waren höchstens die Lebensmittel, die man zu Hause hortete, weil man sich eh nicht dort aufhielt. Damit funktionierte unser Gesundheitssystem bestens, schließlich arbeiteten wir ja freiwillig mindestens für zwei.

Dieses wohlgeordnete Gefüge frakturierte mit der Feststellung des EuGH, dass Bereitschaftsdienst Arbeitszeit sei. Völlig verdutzt fanden wir uns gleichgestellt mit anderen berufstätigen Menschen.

Viele von uns suchten nun ihr Glück im Niedergelassenendasein, um sich aus den Fesseln geregelter Arbeitszeiten zu befreien, machten aber die böse Erfahrung, dass man mit unendlicher Arbeit auch Geld verdient. Und daher unglaublich viel Steuern zahlen muss.

Das Signal war eindeutig: Leistung ist nicht gewollt, hoher Einsatz wird nicht belohnt, Arbeitszeiten von dunkelfrüh bis stockfinsterabends werden bestraft. Dem nicht genug: Diejenigen von uns, die ihr Erwirtschaftetes in ein Eigentum gesteckt haben, sollen jetzt enteignet werden, frei nach dem Motto: Gepfändet sei dieses Haus, und die Eigentümer? Raus! Oder: Wo eine Villa ist, ist auch ein Weg, diese wegzunehmen!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, es bedarf wohl keiner psychiatrischen Anamnese, dass viele von uns, die sich in ihrem Engagement bestraft fühlen, völlig orientierungslos in unserer schönen Republik umherirren, meinethalben auch über Golfplätze stolpern. Wobei, streng genommen, diese Aussage der faulen Ärzte auf den Golfplätzen diejenigen von uns diskriminiert, die gern Rad fahren, Tennis spielen oder am Iron Man teilnehmen. Oder Glossen schreiben.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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