ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2019Interview mit Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin: „Berlin hat großes Potenzial für optimale Strukturen“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Prof. Dr. rer. nat. Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin: „Berlin hat großes Potenzial für optimale Strukturen“

Dtsch Arztebl 2019; 116(38): A-1638 / B-1352 / C-1328

Maibach-Nagel, Egbert; Richter-Kuhlmann, Eva

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Die Charité – Universitätsmedizin Berlin gehört zu Europas größten Universitätskliniken und gilt als bedeutender Forschungsstandort in Deutschland. Seit September hat der Gigant einen neuen Chef.

Herr Professor Kroemer, als Sie Ihren Wechsel nach Berlin ankündigten, wollten Sie weder die Uni Göttingen noch die Landesregierung Niedersachsen gehen lassen. Was war Ihre Motivation, diesen Schritt dennoch zu tun?

Heyo K. Kroemer ist seit 1. September Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Der 59-jährige Pharmakologe folgt Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl, der die Charité die letzten elf Jahre leitete. Kroemer stammt aus Ostfriesland, ist verheiratet und hat drei Söhne. Foto: Georg J. Lopata
Heyo K. Kroemer ist seit 1. September Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Der 59-jährige Pharmakologe folgt Prof. Dr. med. Karl Max Einhäupl, der die Charité die letzten elf Jahre leitete. Kroemer stammt aus Ostfriesland, ist verheiratet und hat drei Söhne. Foto: Georg J. Lopata
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Sowohl die Institution Charité als auch das ganze Berliner Umfeld ist etwas ganz Besonderes und mit besonderen Herausforderungen sowie Chancen verbunden. Berlin hat ein großes Potenzial für optimale Strukturen. Deswegen habe ich mich entschieden, es zu machen. Um es klar zu sagen: Ich wäre nirgendwo anders hingegangen.

Ihr Vorgänger in Berlin, Professor Karl Max Einhäupl, hat sich mit den Worten aus seiner Funktion verabschiedet, dass es wichtig sei, „dass es in Organisationen einen Wechsel gibt, um neue Ideen, neue Impulse und neue Netzwerke“ einzubringen. Haben Sie da schon Vorstellungen?

Bei so einer komplexen Institution wie der Charité tut jeder CEO gut daran, sich zunächst sorgfältig mit den Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen. Karl Einhäupl hat die Charité national und international nach vorn gebracht. Es gibt trotz dieser Erfolge große externe wie interne Herausforderungen.

Was ist die größte Aufgabe für Sie?

Die zwei größten Herausforderungen sind extern und somit nur bedingt durch uns beeinflussbar: Das sind zum einen der demografische Wandel und zum anderen der medizinische Fortschritt. Beides kombiniert führt zu einer extrem schwierigen Gesamtlage. Wir müssen deshalb die Dinge angehen, die wir beeinflussen können. Beispielsweise müssen wir uns rechtzeitig um Fachkräfte bemühen. Ziel muss es sein, jene Aufgaben, die nicht von Menschen gemacht werden müssen, in die digitale Form zu überführen. Eine weitere große Herausforderung ist das Fallpauschalensystem. Etwa zwei Drittel der Unikliniken in Deutschland schreiben mittlerweile rote Zahlen. Ich bin der festen Überzeugung, dass es in zehn Jahren die Hochschulmedizin in der jetzigen Form nicht mehr geben wird, wenn das System bleibt wie es ist.

Sie plädieren also für die Abschaffung der Fallpauschalen?

Wer solche Forderungen stellt, muss die Frage beantworten, was anstelle dieses Systems kommen soll. Die Fallpauschalen haben einerseits ein erhebliches Maß an Transparenz in das ganze System gebracht. Es gibt andererseits international kein Land, in dem die Universitätsmedizin bei der Vergütung mit anderen Krankenhäusern fast komplett gleichgestellt ist. Meine Grundüberzeugung ist: Für komplexe Probleme gibt es keine einfache Lösung. Die einfache Schließung der Hälfte aller Krankenhäuser wäre nicht zielführend. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat in seinem 2018 erschienenen Gutachten sehr kluge Vorschläge zu künftigen Versorgungsstrukturen gemacht.

Zurück konkret zur Charité: Was sind Ihre Schwerpunkte für die ersten Monate?

Wer neu in eine Institution kommt, der muss diese zunächst einmal von ihren inneren Abläufen her verstehen. Dies gelingt vor allem durch gutes Zuhören. Die an der Charité aktuell spannenden Aufgaben sind sicherlich die Etablierung des Berlin Institutes of Health (BIH) als dritte Säule neben Fakultät und Klinikum sowie die Überlegungen zum Herzzentrum. Die zukünftige Interaktion mit Vivantes ist ein weiterer interessanter Punkt.

Wird die Forschung der Charité künftig hauptsächlich auf Schwerpunkte ausgerichtet sein?

Es wird auch in der Zukunft an der Charité ein Nebeneinander von Grundlagenforschung und angewandter Forschung in Schwerpunkten geben. Wir werden dazu einen Strategieprozess für die nächsten zehn Jahre anstoßen, etwa im Sinne von Charité 2030. Meine Erfahrung ist dabei: Mit einem überzeugenden Strategiepapier können wir die Politik wesentlich leichter davon überzeugen, dass bestimmte Investitionen notwendig sind. Eine solche Strategieentwicklung funktioniert allerdings nur dann, wenn viele Menschen daran beteiligt sind. Ich bin ein überzeugter Anhänger von Schwarmintelligenz in der Universitätsmedizin.

Berlin hat vier Standorte. Sind alle nötig?

Alle Standorte übernehmen extrem wichtige Versorgungsaufgaben und haben ein wissenschaftliches Profil herausgearbeitet. So, wie ich das derzeit einschätze, sind alle Standorte erfolgreich und stehen daher nicht zur Debatte. Es wird im Rahmen des oben genannten Strategieprozesses wichtig sein, die zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten der Standorte zu definieren.

Sie haben sich schon im Vorfeld für eine verstärkte Kooperation mit dem kommunalen Krankenhausträger Vivantes ausgesprochen. Wie soll diese aussehen?

In der Zukunftskommission „Gesundheitsstadt Berlin 2030“, die Karl Lauterbach geleitet hat, haben wir uns damit intensiv auseinandergesetzt: In Berlin sind im Gegensatz zu vielen anderen Städten etwa die Hälfte der Krankenhausbetten in öffentlicher Hand. Das bietet große Einflussmöglichkeiten, etwa durch gemeinsame Strategien im Bereich der Informationstechnologie. Hier könnten zum Beispiel in der Versorgungsforschung wesentliche Möglichkeiten geschaffen werden, die sehr schnell den Patienten zugutekommen.

Ist in Berlin ein funktionelles Miteinander zwischen ambulanter und stationärer Versorgung umsetzbar?

In nächster Zeit wird es darum gehen, basierend auf den teilweise bereits vorhandenen Strukturen die Systeme digital kompatibel zu machen. Es gibt da viele gute Ansätze, beispielsweise das „Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation“ des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums oder die Medizininformatikinitiative. Beim Ausbau muss man darauf achten, dass es gerade bei den großen öffentlichen Häusern eine Interoperabilität gibt.

Wird die fortschreitende Digitalisierung eine neue Ära der Medizin schaffen?

Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird das so sein. Die Charité muss sich gut überlegen, wie sie sich als Institution dazu aufstellt, wie also Teile der neuen Technologien integriert werden. Kommen wir zurück zur alternden Bevölkerung: Mit digitalen Methoden ist die Begleitung von Patientinnen und Patienten 24 Stunden am Tag möglich, ohne dass sie im Krankenhaus sind. Dafür müssen die neuen Technologien in bestehende Prozesse integriert werden. In den USA wird so etwas erfolgreich praktiziert: Sehr viele Patientinnen und Patienten werden zuhause digital begleitet.

Aufgemacht wurde gerade eine erneute Debatte über die Notfallversorgung. Wie sehen Sie die Situation in Berlin – noch aus der Außenperspektive?

Wir haben schon lange die Diskussion über Notfallzentren. Das ist ja die Folgediskussion zu den Systemzuschlägen für die Universitätsmedizin, die uns die Bundespolitik partout nicht gewähren wollte. Die Notfallzentren sind ein Beispiel dafür, dass sich die öffentliche Hand vernünftig organisieren muss. Nicht jedes der vielen Krankenhäuser ist und braucht ein Notfallzentrum. Es muss ja jeweils auch die ausreichende Kompetenz rund um die Uhr vor Ort sein. Fast die Hälfte aller Betten in Berlin sind in der Hand eines Besitzers. Da muss es doch möglich sein, die Notfallversorgung so zu organisieren, dass sie schnell erreichbar und kompetent ist. Die neuen Gesetzespläne von Bundesminister Spahn gehen in die Richtung, dass der Staat sich in dieser wichtigen Säule der Daseinsfürsorge wieder mehr engagiert.

Was ist Ihr Ziel für die Charité in den nächsten Jahren?

Mein Wunsch wäre, die zweifelsfrei in Berlin vorhandenen Möglichkeiten so zu nutzen, dass sich die Charité so entwickelt, dass für die Berlinerinnen und Berliner sowie darüber hinaus optimale Strukturen für die Krankenversorgung entstehen. Diese Strukturen sollten auf einer sehr intensiven Ausbildung basieren, einer exzellenten Forschung in Kombination mit den vielen Einrichtungen, die es hier gibt.

Das Interview führten Egbert Maibach-Nagel und Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann.

Charité: Klinikum der Superlative

Die Charité ist mit mehr als 3 000 Betten und 18 000 Beschäftigten das größte deutsche Universitätsklinikum und gehört mit einem Exzellenzcluster und 16 Sonderforschungsbereichen zu den forschungsintensivsten medizinischen Einrichtungen in Deutschland. Zudem ist die Charité Teil der Berlin University Alliance (mit der Humboldt-Universität zu Berlin, der Freien Universität Berlin und der Technischen Universität Berlin), die im Juli als eine von elf Universitäten den Status Exzellenzuniversität erhielt. Einzigartig in Deutschland ist die Zustimmung des Bundes zur Angliederung des Berlin Instituts of Health (BIH) an die Charité. Das BIH wird anders als die Universitätsmedizin zu 90 Prozent vom Bund finanziert.

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