ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2019Sicherstellungsauftrag: Verschlimmbessern

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Sicherstellungsauftrag: Verschlimmbessern

Dtsch Arztebl 2019; 116(38): A-1627 / B-1343 / C-1319

Maibach-Nagel, Egbert

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Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur
Egbert Maibach-Nagel, Chefredakteur

Deutschlands Gesundheitsversorgung braucht – fachkundige – Hilfe. Der Grund: zu viele Patienten, zu wenig Ärzte und Pflegekräfte. Was fehlt, ist eine Einigung auf die Art der Abhilfe.

All das kommt nicht von ungefähr: Medizin kann zunehmend mehr, Menschen leben länger, ein dankenswerter Fortschritt. Das Plus an Lebensjahren schafft aber Multimorbidität, fordert als Tribut intensivere Betreuung. Hinzu kommt: Deutschlands Bürger sind im internationalen Vergleich häufige, insbesondere zunehmend ungeduldige Arztgänger. Das Resultat: Berechtigte, aber auch subjektive Nachfrage führt angesichts zunehmenden Personalmangels zu Engpässen, mangels Toleranz und Erkennntis zu agressiver Stimmung in Notfallzentren und ambulanten Praxen.

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Kein Zweifel: Entlastung muss her, tönt es unisono aus allen Teilen der Gesellschaft. Unbestritten ist, dass mehr Mediziner und mehr Pflegekräfte gebraucht werden. Das war es dann aber auch an Gemeinsamkeiten zwischen allen Beteiligten. Wo pragmatisches Handeln angesagt wäre, bestätigt sich wieder einmal die gesellschaftspolitische Erfahrung, dass der Streit der Interessen schnelle Ergebnisse verhindert, zum Teil durch falsche Analysen und Beschlüsse die Sachlage sogar noch verschlimmert. Zu viele Köche, verdorbener Brei.

Aktuelles Paradebeispiel ist die ambulante Notfallversorgung: Aus gutem Grund liegt der Sicherstellungsauftrag der ambulanten Versorgung in Händen der kassenärztlichen Vereinigungen (KVen). Sie koordinieren die ambulante Versorgung, sie organisieren die Bereitschaften, sie haben Konzepte für eine Optimierung der Notfallannahme durch Beteiligung der niedergelassenen Ärzte und dafür bereits weitgehend Einigung unter ambulanten und stationären Medizinern erzielt.

Das angedachte Modell setzt auf Erfahrung (auch anderer Länder) und eint – was nicht normal ist – in diesem Fall sogar Ärzteschaft und Krankenkassen. Selbstverwaltung funktioniert, könnte man meinen. Ein Erfolg? So einfach und vernünftig läuft es leider nicht. Der Gesetzgeber, der mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz den Vertragsärzten auch eine Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft abfordert, schlägt in einem nicht durch den Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter abgestimmten Eckpunktepapier vor, den Sicherstellungsauftrag zu splitten und außerhalb der Praxissprechzeiten an die Länder zu übertragen. Die Antwort der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der Länder-KVen auf diesen Vorschlag liegt in einer vergangene Woche verabschiedeten Resolution der Ver­tre­ter­ver­samm­lung der KBV vor. Sie verwehrt sich offensiv gegen dieses Splitting. Eine klare Antwort, aber auch der Versuch, die bewährte Systematik insgesamt in den Händen der ärztlichen Selbstverwaltung zu halten.

Der Angang des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums, einen Teil des Versorgungsauftrages aus der ärztlichen Selbstverwaltung herauszuschneiden, ist ein weiteres Beispiel zur „Verschlimmbesserung“ von Bewährtem. Damit eröffnet das Ministerium erneut eine Diskussion, die eigentlich schon weitgehend konsentiert schien. Es ist ein typisches Beispiel für das Bestreben der Politik, durch freies Verteilen alles und jeden zu befrieden, statt konsequent und lösungsorientiert zu handeln.

Sicherstellung funktioniert als System. Sie ist keine Torte, aus der sich beliebig Stücke herausschneiden lassen. Einzelne Bundesländer haben das bereits erkannt und sind nicht interessiert.

Egbert Maibach-Nagel
Chefredakteur

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Avatar #4050
woesti
am Donnerstag, 26. September 2019, 20:35

Abseits der Realität

Herr Maibach-Nagel legt sich fest: so schlimm ist das doch alles nicht mit der ambulanten Notfallversorgung und eigentlich wird doch alles vernünftig durch die Kassenärztlichen Vereinigungen geregelt...
Ich empfehle Herrn Maibach-Nagel eine Rückkehr nach Deutschland...denn ich befürchte, er beschreibt ein vernünftig organisiertes System eines anderen Landes.
Die bis auc wenige Ausnahmen vorherrschende deutsche Realität sieht leider anders aus: fehlende Strukturvorgaben, fehlende Absprachen mit den beherbergenden Kliniken und mitunter komplett fehlende vorganen sind selbstverständlich Gründe dafür, daß vielerorts die Mitarbeiter aus den Notaufnahmen weglaufen. Wo wird denn die ambulante Fingerschnittwunde neben dem Polytrauma versorgt? Und wo das unklare Fieber neben dem Herzinfarkt?
Es stünde dem Chefredakteur des Ärzteblatt sehr gut zu Gesicht, alle an der Notfallversorgung Beteiligten Ärzte zu hören.