ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2019Welttag der Patientensicherheit: Für eine bessere Sicherheitskultur

THEMEN DER ZEIT

Welttag der Patientensicherheit: Für eine bessere Sicherheitskultur

Dtsch Arztebl 2019; 116(38): A-1648 / B-1362 / C-1336

Gießelmann, Kathrin; Korzilius, Heike

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Die Welt­gesund­heits­organi­sation rief erstmals am 17. September den Welttag der Patientensicherheit aus. Dass dem Thema damit international Aufmerksamkeit zuteilwird, ist in erster Linie das Verdienst des deutschen Aktionsbündnisses, das sich seit 2005 mit dem Thema beschäftigt.

Checkliste zur Fehlervermeidung: Bei Operationen ist das inzwischen Standard. Foto: SDI Productions/iStock
Checkliste zur Fehlervermeidung: Bei Operationen ist das inzwischen Standard. Foto: SDI Productions/iStock

Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) lässt Zahlen sprechen: Jedes Jahr kommt es in Entwicklungs- und Schwellenländern zu 134 Millionen unerwünschten Ereignissen, weil Sicherheitsstandards bei der Versorgung von Patienten nicht eingehalten werden. Rund 2,6 Millionen Menschen sterben an den Folgen. 15 Prozent der Krankenhausausgaben in OECD-Ländern müssen dafür aufgewendet werden, die Folgen von Fehlbehandlungen zu versorgen. Vier von zehn Patienten kommen im Rahmen von ambulanten Behandlungen zu Schaden. 80 Prozent dieser Schäden könnten vermieden werden.

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Aus Fehlern lernen

Um ein Bewusstsein für eine bessere Fehler- und Sicherheitskultur in den Einrichtungen des Gesundheitswesens zu schaffen, hat die WHO in diesem Jahr zum ersten Mal den Welttag der Patientensicherheit ausgerufen. Das ist nicht zuletzt der Initiative des Aktionsbündnisses Patientensicherheit (APS) zu verdanken, das sich seit 2005 für eine sicherere Patientenversorgung einsetzt (siehe Kasten). Die Aufmerksamkeit für das Thema sei eine wichtige Voraussetzung, um Patientensicherheit zu stärken, sagte dessen Generalsekretär Hardy Müller bei der Auftaktveranstaltung zum Welttag der Patientensicherheit am 12. September in Berlin. Verantwortlich dafür seien alle am Gesundheitswesen Beteiligten: die medizinischen Berufe ebenso wie Ärzteverbände, Krankenkassen oder Unternehmen. Eine gelebte Sicherheitskultur ziele darauf, dass unerwünschte Ereignisse selten auftreten, Sicherheitsverhalten gefördert und Risiken beherrscht werden. Zentral sei, dass man aus (Beinahe-)Fehlern lerne. Dabei dürfe es nicht darum gehen, Schuldige zu suchen, sondern man müsse gemeinsam daran arbeiten, dass sich solche Fehler nicht wiederholten.

Zwar würden in Deutschland zweimal jährlich Statistiken zu Behandlungsfehlern veröffentlicht, erklärte Müller. Im April präsentieren die Ärztekammern ihre Zahlen und im Mai der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen. „Das ist sicher gut so“, meinte er. „Was wir aber auch brauchen, sind valide Zahlen zu aussagekräftigen Patientensicherheitsindikatoren.“ In Deutschland fehlten Angaben darüber, wie viele Patienten jedes Jahr verwechselt würden und deshalb die falsche Behandlung erhielten, wie häufig Fremdkörper nach einer Operation unbeabsichtigt im Körper zurückblieben oder wie häufig es zu Fehldosierungen von Medikamenten komme. „Seit Jahren wird bei uns um mehr Transparenz gerungen – ohne Erfolg“, kritisierte Müller.

Für ein zentrales Melderegister

Aktuelle Zahlen zu häufigen Fehlern würden weder für den ambulanten noch für den stationären Sektor regelhaft erhoben, kritisierte auch die APS-Vorsitzende Hedwig François-Kettner. Denn ein zentrales Meldesystem gebe es in Deutschland nicht. „Das APS wird daher in Kürze eine Stellungnahme abgeben, in der wir einen ersten Schritt in Richtung eines zentralen Registers machen wollen“, sagte sie dem Deutschen Ärzteblatt. Denn weder CIRS, noch die Behandlungsfehlerbegutachtung des Medizinischen Dienstes der Kran­ken­ver­siche­rungen noch die der Schlichtungsstellen der Ärztekammern könnten diese Lücke füllen. Aus Studien wisse man, dass nur ein bis fünf Prozent aller Schäden einer rechtlichen Klärung zugeführt würden. „Kliniken und Praxen brauchen nach Meldungen ein individuelles Feedback zu den Fehlern, die sie häufig machen, um entsprechende Maßnahmen daraus ableiten zu können – so wie es auch häufig bei CIRS gemacht wird“, ist François-Kettner überzeugt.

APS-Generalsekretär Müller stellte zugleich klar, dass Patientensicherheit mehr erfordere als gesetzliche Vorschriften und Richtlinien. Das APS habe deshalb zusammen mit dem Verband der Ersatzkassen vor einem Jahr zu einer Patientensicherheitsoffensive aufgerufen und gefordert, in allen Einrichtungen des Gesundheitswesens Fachkräfte für Patientensicherheit einzusetzen. Als erfreulich bezeichnete es Müller, dass die Medizinische Hochschule Hannover anlässlich des Welttages 200 Beauftragte für Patientensicherheit (PSB) berufen habe. Hessen habe angekündigt, in einer Rechtsverordnung die Qualifizierung und Etablierung von PSB in jedem Krankenhaus zu regeln. Die Fortbildungen wolle das Land finanziell fördern und damit die Krankenhäuser unterstützen. Er selbst sei in seinem Hauptberuf bei der Techniker Krankenkasse tätig und seit Kurzem deren Patientensicherheitsbeauftragter.

Dass auch die Politik die Bedeutung des Themas erkannt hat, zeigte eine Podiumsdiskussion im Rahmen der Auftaktveranstaltung, an der Vertreter sämtlicher Bundestagsfraktionen teilnahmen – mit Ausnahme der AfD. Die Politiker machten unter anderem Arbeitsverdichtung und Kostendruck, aber auch eine zögerliche Gesetzgebung mitverantwortlich für das Entstehen von Fehlern. „Wir haben schon 2009 ein Endoprothesenregister gefordert, jetzt erst kommt es“, sagte Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen. „Die Politik ist zu langsam.“ Martina Stamm-Fibich, Patientenbeauftragte der SPD, kritisierte die schleppende Umsetzung gesetzlicher Regelungen, die die Patientenversorgung sicherer machen sollen, beispielsweise beim Entlassmanagement oder dem Medikationsplan. „Es frustriert mich, wie langsam das geht“, sagte sie. Öko­nomi­sierung und Personalmangel machte Harald Weinberg, gesundheitspolitischer Sprecher der Linken, mitverantwortlich für Fehler. Im aktuellen Bundeshaushalt sei zudem geplant, den Posten für Patientensicherheit um 500 000 Euro auf 4,5 Millionen Euro zu kürzen. „Das ist ein falsches Signal“, sagte Weinberg. Sein Kollege aus der CDU, Erwin Rüddel, gab zu bedenken, dass durch Strukturänderungen oft mehr erreichbar sei als nur durch mehr Geld.

Junge Ärzte brauchen Vorbilder

Als Vertreterin der Ärzteschaft betonte Dr. med. Heidrun Gitter, Patientensicherheit sei intrinsischer Bestandteil der medizinischen Berufsethik. Das müssten die Weiterbilder dem ärztlichen Nachwuchs auch vermitteln. „Junge Ärzte brauchen Vorbilder“, sagte die Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer. Die Kammern forderte sie auf, stärker auf die Etablierung einer transparenten Fehler- und Sicherheitskultur zu dringen und Verstöße gegen berufsrechtliche Pflichten zu sanktionieren. Das könne in bestimmten Fällen auch den Entzug der Weiterbildungsbefugnis bedeuten.

Bisher hätten sich die Empfehlungen des APS vor allem mit dem stationären Sektor befasst, sagte dessen Vorsitzende François-Kettner am 13. September bei einer Pressekonferenz in Berlin. In den Praxen gebe es dagegen noch Nachholbedarf. Das verdeutlichten die geringen Fehlermeldezahlen. Trotz rund einer Milliarde Behandlungskontakte jährlich habe man in den vergangenen zehn Jahren nur 800 Fehlermeldungen auswerten können, erklärte APS-Generalsekretär Müller. Im britischen Gesundheitssystem hingegen würden jährlich fast 8 000 Fehler in Hausarztpraxen verzeichnet, aus denen Schlüsse zur Verbesserung der Patientensicherheit gezogen werden könnten. „Wir können Deutschland und Großbritannien sicherlich nicht eins zu eins vergleichen. Fest steht aber mit Blick auf diese Zahlen, dass hierzulande Behandlungsfehler nur unzureichend erfasst werden und uns damit eine Ressource für Verbesserungen fehlt“, erläuterte Müller. Dabei seien die gesetzlichen Regelungen eindeutig, auch die Richtlinien des G-BA verpflichteten zu Qualitäts- und Risikomanagement sowie den damit verbundenen Fehlermeldesystemen.

Der Innovationsfonds des G-BA fördert deshalb seit April 2018 das Projekt CIRSforte, das 184 Arztpraxen dabei unterstützt, ihre Sicherheitskultur zu verbessern. „Bisher liegen 250 Ergebnisberichte vor. Danach ist das Hauptproblem nach wie vor die Medikation. Es geht um falsche Medikamente, falsche Dosierungen und falsche Zeiträume“, sagte Müller. An zweiter Stelle zeichneten sich Probleme bei diagnostischen Tests ab. „Tests, die geplant waren, wurden nicht durchgeführt, sie waren falsch dokumentiert oder ein auffälliger Wert wurde nicht kommuniziert“, so Müller. Außerdem kam es zu Patientenverwechslungen. Weitere Ergebnisse zu CIRSforte sollen am 30. Oktober in Berlin vorgestellt werden.

Kathrin Gießelmann, Heike Korzilius

Die Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer, Heidrun Gitter, zur Patientensicherheit unter www.aerzteblatt.de/n105998

Unerwünschte Ereignisse vermeiden

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit (APS) setzt sich seit 2005 dafür ein, dass die Patientenbehandlung sicherer wird. Zu den zurzeit 720 Mitgliedern zählen Patientenorganisationen, Krankenhäuser, Fachgesellschaften, Berufsverbände, die Selbstverwaltung, Krankenkassen, Haftpflichtversicherer, Hersteller und Beratungsfirmen, aber auch Einzelpersonen aus allen Bereichen des Gesundheitswesens. Das APS entwickelt Strategien zur Vermeidung unerwünschter und für die Patienten potenziell gefährlicher Ereignisse. Viele dieser Ereignisse gehen auf Fehler zurück, die infolge komplexer und arbeitsteiliger Abläufe entstehen. „Das wichtigste Instrument zur Verbesserung der Patientensicherheit ist daher das gemeinsam Lernen aus Fehlern“, heißt es auf der Webseite der Organisation (www.aps-ev.de). Das APS veröffentlicht Handlungsempfehlungen, Patienteninformationen, Positionspapiere sowie Stellungnahmen zu Gesetzen.

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 25. September 2019, 10:16

Professionelle und logistische Verbesserungen

Was können Ärzte selbst zur Verbesserung der Patientensicherheit beitragen?
Am 1. „Welttag der Patientensicherheit“ am 17. September hat die WHO eine hohe Zahl von Behandlungsfehlern beklagt. Millionen Menschen kämen dadurch jedes Jahr zu Schaden, so die WHO in Genf/CH. M. E. werden dazu folgende Anforderungen in "Gesundheits"-Bürokratie und - Politik, Medien bzw. Öffentlichkeit zu wenig berücksichtigt:

- Ausreichend Zugangsmöglichkeiten für Patientinnen und Patienten,
- Zeit für Arzt und Patient,
- geeignete Räumlichkeiten,
- niedrig-schwellige Beratung und Untersuchung,
- Diagnostik-, Therapie- und Hilfsangebote,
- keine Ablenkung durch Barrieren, Bürokratie,
- keine störenden EDV-, Kostenübernahme- und Verwaltungsvorschriften,
- Zuwendung/Empathie,
- medizinisch-ärztliche Fachkompetenz,
- Kompetenz des Assistenzpersonals,
- professionelle Erfahrung,
- Ausgeruhtheit, ggf. psychotherapeutisch "frei schwebende Aufmerksamkeit",
- angemessene Vergütung

Nur so kann die Patientensicherheit in allen Bereichen und von allen Akteuren der Versorgung im Auge behalten werden.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Dortmund