ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2019Optikusneuropathie: Nicht nur Junkfood schädigt Augen

MEDIZINREPORT

Optikusneuropathie: Nicht nur Junkfood schädigt Augen

Dtsch Arztebl 2019; 116(38): A-1654 / B-1368 / C-1340

Lenzen-Schulte, Martina

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Ein Bericht über den Verlust der Sehfähigkeit nach langjährigem Konsum von Junkfood machte Schlagzeilen. Zugrunde lag offenbar auch eine Essstörung gepaart mit mangelnder Compliance. Das Leiden ist eigentlich bekannt und kann auch bei streng veganer Kost oder nach bariatrischen Eingriffen auftreten.

Junkfood ist aus vielen Gründen abzulehnen. Allerdings muss der aktuelle Fall einer Erblindung im richtigen Kontext gesehen werden. Das Essverhalten war hier über Jahre extrem einseitig und zudem einer Essstörung geschuldet. Foto: michelaubryphoto/stock.adobe.com
Junkfood ist aus vielen Gründen abzulehnen. Allerdings muss der aktuelle Fall einer Erblindung im richtigen Kontext gesehen werden. Das Essverhalten war hier über Jahre extrem einseitig und zudem einer Essstörung geschuldet. Foto: michelaubryphoto/stock.adobe.com

Ein 19 Jahre alter Brite sei, so meldeten es kürzlich viele Medien, infolge seines einseitigen Junkfood-Konsums erblindet (1). Die Presseberichte lenken den Blick auf eine Pathologie des N. opticus, die man hierzulande als Mangelerkrankung durchaus schon lange kennt: In der älteren Literatur ist sie als Tabak-Alkohol-Amblyopie beschrieben. Dass es unter den Gefangenen der Japaner im 2. Weltkrieg, in Tansania und in Kuba regelrechte Epidemien von solchen Erblindungen gab, ist weniger bekannt. Am besten erforscht wurde die Epidemie 1992/1993 auf Kuba, die mehr als 50 000 Menschen betraf. Auch heutzutage kann eine einseitige Ernährung wie vegane Kost oder gestörte Absorption nach Eingriffen im Magen-Darm-Trakt dazu prädisponieren.

Die Patienten berichten von einem symmetrischen Visusverlust, zentralen Gesichtsfeldausfällen, die Kontrastschärfe nimmt ab und es kommt früh zu einer Dyschromatopsie. Weil das Krankheitsbild den Leberschen hereditären Optikus-Neuropathien (LHON) ähnelt, geht man auch hier von einer Störung der oxidativen Phosphorylierung in der Atmungskette der retinalen Ganglienzellen aus. An den Erblindungsepidemien lässt sich ablesen, dass es nicht um den isolierten Mangel einzelner Vitamine geht.

Das lange Handelsembargo gegen Kuba schränkte zum Beispiel die Vielfalt der Nahrungsmittel erheblich ein. Es fehlte an Gemüse und tierischem Protein, dazu konsumierten die Kubaner 15 % ihrer Kalorien als Zucker, zusammen mit riesigen Mengen Reis und Bohnen. Deshalb fehlten vor allem die B-Vitamine Thiamin, Riboflavin, Niacin, Kobalamin und Folat sowie Methionin und Karotinoide als Oxidantien.

Hinzu kommen toxische Effekte von Tabak (Zyanide) und Alkohol (Methanol). Daher auch die Beobachtungen, dass Alkoholkranke, die oft mangelernährt sind und zudem häufiger rauchen, ein besonders hohes Risiko haben. Zudem sind periphere Nervenschäden zu befürchten. Bei rund 50 % der Kubaner traten peripher sensorische Ausfälle auf, selten auch Myelopathien.

Veganer, die nicht auf ausreichende Supplementierung achten, können ebenfalls Vitamin-B-Mängel entwickeln, auch auf die Vitamine A, E und D sowie Zink und Selen ist zu achten. Das gilt ebenfalls für Patienten nach einer bariatrischen Operation wegen Adipositas. Ihnen fehlt ohne entsprechende Ersatzpräparate oft noch Kupfer. Wegen der gestörten Resorption kommt es mitunter auch bei M. Crohn, parenteraler Ernährung und (chronischer) Diarrhoe zu entsprechenden Mangelzuständen.

All diese Gruppen gelten daher ebenfalls als Risikokollektive für eine Optikusneuropathie. Der aktuelle Fall des britischen Jungen lässt erkennen, dass auch die Psyche eine Rolle spielt. Er litt offenbar an einer erst unlängst definierten Form von Essstörung, der Avoidant-restriktive food intake disorder oder ARFID (3). Betroffene werden mitunter – angesichts der Folgen mitigierend – als „heikle Esser“ bezeichnet. Laut Fallbericht aß der Junge nichts als Pommes, Chips, Weißbrot, Schinken und Würstchen. Mit 14 Jahren wurde er hinsichtlich seines Essverhaltens beraten und zunächst mit Vitamin-B12-Injektionen therapiert, die er aber aufgab. Bei der jüngsten Evaluation mit 19 Jahren erhielt er weitere Supplemente und eine Therapie wegen der Essstörung. Aber der Schaden scheint irreversibel.

An sich reagiert die Optikusneuropathie prompt innerhalb von 1–4 Wochen, nachdem der Mangel behoben worden ist. Nachdem Multivitaminpräparate in Kuba verteilt wurden, ging die Inzidenz der Erkrankung dramatisch zurück, womöglich auch wegen der Verbesserungen der Handelsbeziehungen. Von den rund 50 000 Betroffenen behielten weniger als 10 % überhaupt visuelle Beeinträchtigungen zurück, nur 0,1–1 % erlitten einen deutlichen Visusverlust. Selbst Patienten mit erkennbarer Optikusatrophie erholten sich wieder bis hin zu einem exzellenten Sehvermögen.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

1.
MOPO 4. September 2019: https://www.mopo.de/ratgeber/gesundheit/unfassbar-junge-isst-jahrelang-nur-pommes-und-chips---jetzt-ist-er-blind-33114510 (last accessed on 11. September 2019).
2.
Jefferis JM, Hickman SJ: Treatment and Outcomes in Nutritional Optic Neuropathy. Curr Treat Options Neurol 2019; 21: 5 CrossRef MEDLINE
3.
Harrison R, Warburton V, Lux A, et al.: Blindness caused by a Junk Food Diet. Annals of Int Med 3. September 2019 https://annals.org/aim/article-abstract/2749497/blindness-caused-junk-food-diet (last accessed on 11. September 2019) CrossRef MEDLINE
1.MOPO 4. September 2019: https://www.mopo.de/ratgeber/gesundheit/unfassbar-junge-isst-jahrelang-nur-pommes-und-chips---jetzt-ist-er-blind-33114510 (last accessed on 11. September 2019).
2.Jefferis JM, Hickman SJ: Treatment and Outcomes in Nutritional Optic Neuropathy. Curr Treat Options Neurol 2019; 21: 5 CrossRef MEDLINE
3.Harrison R, Warburton V, Lux A, et al.: Blindness caused by a Junk Food Diet. Annals of Int Med 3. September 2019 https://annals.org/aim/article-abstract/2749497/blindness-caused-junk-food-diet (last accessed on 11. September 2019) CrossRef MEDLINE

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