ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2019Berühmte Entdecker von Krankheiten: Moriz Kaposi erkannte, was unter der Haut vorgeht

SCHLUSSPUNKT

Berühmte Entdecker von Krankheiten: Moriz Kaposi erkannte, was unter der Haut vorgeht

Dtsch Arztebl 2019; 116(38): [48]

Schuchart, Sabine

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Mit dem weitsichtigen Fund des Kaposi-Sarkoms schrieb er seinen Namen in die Medizingeschichte ein. Doch dies war nur eine der zahlreichen Leistungen des Dermatologen und Venerologen, der Ende des 19. Jahrhunderts an der Universität Wien lehrte und forschte.

Eine überraschende Diagnose erschütterte 1981 die Welt der Medizin: In der renommierten Zeitschrift „The Lancet“ berichteten Ärzte in den USA von einer seltenen Krebsart, die sie bei acht jungen männlichen Patienten in New York entdeckt hatten, dem Kaposi-Sarkom. Die Krankheit war keineswegs neu, sondern seit der Erstbeschreibung 1872 durch den Arzt Moriz Kaposi bekannt. Doch die bläulich-schwarzen, blutenden, plaqueartigen Geschwüre, die sich über den Körper der homosexuellen Männer ausgebreitet hatten, unterschieden sich mit ihrem Befall von Haut, Schleimhäuten und Organen und ihrem ungestümen Wachstum dramatisch von den bis dahin bekannten ungefährlicheren Verlaufsformen der Erkrankung. Die Ärzte waren auf eine höchst aggressive Variante des Kaposi-Sarkoms gestoßen, die typischerweise bei Aids auftritt und seitdem sogar als Aids-definierende Krankheit gilt. Schlagartig war der Name des Mediziners, der die Gefäß-Neoplasie mehr als einhundert Jahre zuvor als Erster beobachtet hatte, in aller Munde.

Kaposi, ein Wiener Dermatologe ungarisch-jüdischer Herkunft, der ursprünglich Moriz Kohn hieß, wäre trotz des betrüblichen Anlasses über die posthume Öffentlichkeit sicherlich erfreut gewesen. Zeitgenossen schilderten ihn als ebenso ehrgeizig wie begabt. Seine Persönlichkeitsrechte an seinen wissenschaftlichen Publikationen – im Laufe seines Lebens sollten es 150 Abhandlungen und mehrere elementare Lehrbücher werden – waren ihm äußerst wichtig. Damit begründete er auch seinen Namenswechsel mit 34 Jahren, er wollte nicht mit den vielen Kohns in der Wiener Medizin, ein Allerweltsname zu der Zeit, verwechselt werden. Eine Rolle spielte auch seine Heirat mit Martha von Hebra, der Tochter seines Chefs, er war deswegen zum Christentum konvertiert. Als Reminiszenz an seine alte Heimat, das ungarische Kaposvár, wählte er den Namen Kaposi.

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In Kaposvár wurde er am 23. Oktober 1837 als Sohn armer Eltern geboren, die alles taten, um ihren Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Kaposi absolvierte dort die jüdische Grundschule und die ersten Gymnasialjahre. 1856 nahm er in Wien ein Medizinstudium auf, 1861 war er promoviert. Von 1862 bis 1867 assistierte er an der von seinem berühmten Schwiegervater Ferdinand von Hebra geleiteten Dermatologischen Universitätsklinik in Wien. Mit einer Arbeit zur Syphilis habilitierte er sich 1866. Sein Interesse galt der histopathologischen Erforschung von Haut- und Geschlechtskrankheiten. Als Professor an der Wiener Universität, wo er fortan als Lehrer brillierte, sowie nach dem Tod von Hebra als Leiter der Klinik für Hautkrankheiten stellte er die Dermatologie und Venerologie vollends auf eine pathologisch-anatomische Basis. Außer dem Kaposi-Sarkom erarbeitete er unter anderem die Anatomie des Lupus erythematosus und beschrieb als Erster, seiner Zeit weit voraus, die systemischen Manifestationen dieser Autoimmunkrankheit.

Als Kaposi 1902 mit 64 Jahren nach zwei Schlaganfällen starb, endete für lange Zeit die Glanzphase der Wiener Dermatologie. Der Name des Mediziners ist durch das Kaposi-Sarkom unvergessen. Auch die höchste Auszeichnung der Ungarischen Dermatologischen Gesellschaft und eine Straße in Wien, die Kaposigasse im Bezirk Donaustadt, tragen seinen Namen. Kaposi hätte es so gewünscht. Sabine Schuchart

1872 beschrieb der Arzt Moriz Kaposi (1837–1902) einen bösartigen Gefäßtumor, der mehr als ein Jahrhundert später im Zusammenhang mit Aids traurige Bekanntheit erlangen sollte. Kaposi nannte die unbekannte Krankheit „Idiopathisches multiples Pigmentsarkom der Haut“ und stellte den klinischen und histopathologischen Befund anhand von fünf Patientenfällen in einer deutschen Fachzeitschrift vor. Später ersetzte er den Begriff Pigmentsarkom durch hämorrhagisches Sarkom, doch schon bald etablierte sich sein Name als Eponym. Zum Zeitpunkt seiner Entdeckung konnte Kaposi nicht wissen, was heute in der Medizin bekannt ist: dass es neben der von ihm gefundenen sporadisch auftretenden „klassischen“ Variante des Kaposi-Sarkoms, an der vor allem Männer süd- und osteuropäischer Herkunft jenseits des 50. Lebensjahres erkranken, weitere Formen wie das besonders aggressive Aids-assoziierte Kaposi-Sarkom gibt.

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