ArchivMedizin studieren2/2019Recht für Studierende: Grauzone PJ

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Recht für Studierende: Grauzone PJ

Medizin studieren, WS 2019/20: 17

Richter-Kuhlmann, Eva

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Noch kein Arzt, aber schon ärztlich tätig – für viele ist das PJ eine rechtliche Grauzone. Doch auch Studierende haften für Schäden, die sie durch Sorgfalt hätten vermeiden können.

Der Fall eines PJlers in Bielefeld erschreckt: Er verabreichte ohne nochmalige Nachfrage ein Antibiotikum nicht oral, sondern injizierte es. Der leukämiekranke Säugling starb. Foto: Michael Nardella
Der Fall eines PJlers in Bielefeld erschreckt: Er verabreichte ohne nochmalige Nachfrage ein Antibiotikum nicht oral, sondern injizierte es. Der leukämiekranke Säugling starb. Foto: Michael Nardella

Der Fall eines Studenten im Praktischen Jahr (PJ), der am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld durch eine fehlerhafte Medikamentengabe ein Kind getötet hat, ist die Horrorvorstellung aller Medizinstudierenden schlechthin: Der PJler verursachte den Tod eines Säuglings, indem er ein orales Antibiotikum injizierte. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen ihn wegen fahrlässiger Tötung und verurteilte ihn 2013 zu einer Geldstrafe.

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Der junge Mann darf inzwischen zwar als Arzt arbeiten, aber das Trauma sitzt tief. Zudem zeigt der Fall: Als Medizinstudierender unterliegt man wie jeder andere dem Strafgesetzbuch und kann wegen fahrlässiger Körperverletzung (§ 229 StGB) und fahrlässiger Tötung (§ 222 StGB) mit Geld- oder Freiheitsstrafe bestraft werden. Auch die Approbation kann entzogen werden.

Viele Medizinstudierende sind sich jedoch über ihre rechtliche Stellung im Praktischen Jahr (PJ) nicht im Klaren. Vielen ist zwar bekannt, dass der Ärztlichen Approbationsordnung (ÄAppO) zufolge im Mittelpunkt des PJ die Ausbildung der Studierenden am Patienten stehen soll. Dabei sollen diese ihre „ärztlichen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten vertiefen und erweitern“ (§ 3 Abs. 4 Sätze 1 und 2 ÄAppO). Ziel ist es, „das medizinische Wissen in der Prophylaxe, Diagnostik und Behandlung auf den einzelnen Krankheitsfall anzuwenden“. Die Lehrenden sollen die Studierenden zu fachlich kompetenten und eigenverantwortlich handelnden Persönlichkeiten ausbilden. Auch die rechtlichen Vorgaben stellt die ÄAppO bereits klar: So sollen die PJler „entsprechend ihrem Ausbildungsstand unter Anleitung, Aufsicht und Verantwortung des ausbildenden Arztes ihnen zugewiesene ärztliche Verrichtungen durchführen“ (§ 3 Abs. 4 Satz 3 ÄAppO).

Was heißt das konkret? Kapilläre und venöse Blutabnahmen sowie subkutane und intramuskuläre Injektionen einschließlich Impfungen können an Studierende delegiert werden, auch die vorbereitende Anamnese, intravenöse Applikationen (außer Erstapplikationen), die zweite OP-Assistenz und die Versorgung unkomplizierter Wunden. Übertragbar sind damit auch Verbands- oder Katheterwechsel. Nicht delegiert werden dürfen von Ärzten jedoch die eigentliche Anamnese, das Stellen einer Indikation und einer Diagnose, die Untersuchung des Patienten einschließlich invasiver diagnostischer Leistungen, die Aufklärung und Beratung des Patienten, die Entscheidung über die Therapie sowie die Durchführung invasiver Therapien und die Anlage zentralvenöser Zugänge oder einer Thoraxdrainage.

In der Realität übernehmen aber gerade PJler häufig auch die ärztliche Aufklärung über einen Eingriff und dessen Risiken, obwohl dies eine ärztliche Aufgabe ist. Auch das Oberlandesgericht Karlsruhe bewertete 2014 die Aufklärung durch eine Medizinstudentin im PJ als zulässig, da es sich in diesem Einzelfall um die Aufklärung für einen Routineeingriff handelte, „über den die Studierende schon mehrfach aufgeklärt hatte“. Die durchgehende Anwesenheit des Arztes sei nicht erforderlich, meinten die Richter. Verlassen sollte man sich aber auf solche Einzelfallentscheidungen nicht. Besser ist es, nach eindeutigen Handlungsanweisungen der Klinik zu den Tätigkeiten für PJler zu fragen.

PJ – Rechte und Pflichten

Wie lang muss ich arbeiten?

Entsprechend § 3 Abs. 4 Satz 4 ÄAppO arbeiten PJ-Studierende in der Regel ganztägig an allen Wochenarbeitstagen. Nacht-, Wochenend- und Spätdienste sind möglich.

Was muss ich machen?

Nach § 3 Abs. 4 ÄAppO müssen PJ-Studierende nicht arbeiten, sondern sie wollen! Dabei führen sie entsprechend dem Ausbildungsstand zugewiesene ärztliche Verrichtungen durch, aber keine Tätigkeiten, die die Ausbildung nicht fördern.

Habe ich Anrecht auf eine Vergütung?

Nein, da keine Verpflichtung zur Arbeit besteht (100 Prozent Student), sind die Lehrkrankenhäuser und Universitätskliniken auch nicht zur Vergütung verpflichtet.

Was passiert, wenn ich mich nicht an meine Pflichten halte?

Die maximale Konsequenz ist die Wiederholung beziehungsweise nur teilweise Anrechnung des PJ. Entschieden wird dies von der jeweils zuständigen Stelle des Landes, meist vom Landesprüfungsamt (§ 3 Abs. 6 ÄAppO).

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