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Medizinstudium: Viele Wege zum Ziel

Medizin studieren, WS 2019/20: 8

Rosch, Lisa

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Das Verfahren zur Zulassung zum Medizinstudium wird ab 2020 geändert. Die Wartezeitquote entfällt. Doch denjenigen, die unbedingt Medizin studieren wollen, bieten sich trotzdem verschiedene Möglichkeiten.

Foto: lvcandy/iStock
Foto: lvcandy/iStock

Die Nachfrage ist ungebrochen groß: Für 9 232 Medizinstudienplätze in Deutschland gab es der Stiftung für Hochschulzulassung zufolge im vergangenen Jahr 43 631 Bewerber, etwa fünf Bewerber pro Platz. Doch wie lassen sich die geeignetsten Bewerber herausfiltern? Wie stellt man sicher, die wenigen Plätze den besten zukünftigen Ärzten zuzuweisen? Woran sind diejenigen zu erkennen, die wirklich Ärzte werden wollen? Und wie siebt man diejenigen aus, die wahrscheinlich sowieso noch in der Vorklinik abspringen werden?

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Viele Jahre wurden die Plätze durch die Zentrale Vergabestelle für Studienplätze (ZVS), später durch die Stiftung für Hochschulzulassung, in drei Quoten vergeben: Abiturnote, Wartezeit, Auswahlverfahren der Hochschulen. Nun soll der Zugang zum Medizinstudium in Deutschland neu geregelt werden. Dafür ist im Bundestag in erster Lesung bereits eine Änderung des Hochschulrahmengesetzes auf den parlamentarischen Weg gebracht worden. Anlass war ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Die Richter hatten im Dezember 2017 beim bestehenden Auswahlsystem für das Medizinstudium eine fehlende Chancengerechtigkeit sowie zu lange Wartezeiten und eine zu hohe Gewichtung der Abiturnote kritisiert und eine Neuregelung der Auswahl der Studienbewerber bis Ende dieses Jahres verlangt. Dabei sollen auch weitere Kriterien der Eignung für den Arztberuf oder entsprechende Vorbildungen berücksichtigt werden, so eine Vorgabe. Zudem forderten die Richter eine Vergleichbarkeit der Abiturnoten über die Grenzen der Bundesländer hinweg.

Doch welche Möglichkeiten genau soll es für künftige Bewerber geben, an einen der begehrten Studienplätze zu kommen? Die Kultusminister der Länder haben sich bereits auf einen neuen „Staatsvertrag zur Vergabe von Studienplätzen im Fach Humanmedizin“ geeinigt: Danach sollen bis zu 20 Prozent der Plätze in einer Vorabquote vergeben werden. Hier werden Studierende im Zweitfach, Härtefallanträge, ausländische Staatsangehörige und Staatenlose sowie „Bewerberinnen und Bewerber, die sich auffrund entsprechender Vorschriften verpflichtet haben, ihren Beruf in Bereichen besonderen öffentlichen Bedarfs auszuüben“ berücksichtigt. Neu ist, dass die Länder einen Teil dieser Quote auch für Anwärter ohne Abitur mit abgeschlossener Berufsausbildung reservieren können.

Nach Abzug der Vorabquote erfolgt die Zuteilung in den drei Hauptquoten:

Die Abiturbestenquote wird von 20 auf 30 Prozent erhöht. Ungleichheiten der Abiturprüfungsanforderungen zwischen den Ländern werden durch die Bildung von Landesquoten ausgeglichen. Zehn Prozent entfallen auf eine neue „zusätzliche Eignungsquote“, in der explizit nur notenunabhängige Kriterien zur Anwendung kommen sollen. Wie bisher wird der Großteil der Plätze (60 Prozent) durch die Auswahlverfahren der Hochschulen vergeben. Welche Kriterien hier neben der Abiturnote eine Rolle spielen, ist bundeslandabhängig. Vorgegeben ist lediglich, dass es sich um zwei schulnotenunabhängige Kriterien handeln muss. Auch ein „fachspezifischer Studieneignungstest“ soll Berücksichtigung finden, TMS und ähnliche Formate dürften also in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Der Staatsvertrag soll ab dem Sommersemester 2020 gelten, das Bewerberportal für das neue Zentrale Vergabeverfahren am 1. Dezember 2019 öffnen. Bis dahin besteht eine Übergangsfrist. Bewerber, die viele Wartesemester gesammelt haben, können noch bis nächstes Jahr auf eine Berücksichtigung in der „zusätzlichen Eignungsquote“ hoffen. Es führen also viele Wege zum Berufsziel Arzt/Ärztin.

Weg über einen medizinnahen Beruf: Viele Wartesemester haben inzwischen einige Anwärter gesammelt. Da mit einer Abiturnote von mehr als 2,0 ihre Chancen zunächst gering waren, machten viele ein Freiwilliges Soziales Jahr und absolvierten medizinnahe Ausbildungen, zum Beispiel zum Rettungsassistenten. Nun soll die Wartezeitquote entfallen, allerdings mit einer Übergangsregelung. Einige Hochschulen honorieren auch bereits Extraleistungen wie eine berufsbezogene Ausbildung. In der „zusätzlichen Eignungsquote“ können zehn Prozent der Bewerber darauf hoffen, anhand notenunabhängiger Kriterien beurteilt zu werden.

Weg über private Hochschulen: Wer das nötige Geld zur Hand hat, kann auch an Privatunis in Deutschland studieren. Die Studiengebühren in Witten/Herdecke, Kassel (School of Medicine), Hamburg (Asklepios Campus), Nürnberg (Paracelsus Uni Nürnberg) und Brandenburg (Medizinische Hochschule Brandenburg) bewegen sich zwischen 6 000 und 11 500 Euro – pro Semester. Als Vorteile sehen viele die kleinen Seminargruppen und die teilweise innovativen Modellstudiengänge. Nachteilig ist aus Sicht der staatlichen Hochschulen die Distanz zur aktuellen Forschung. Auch die Privatuniversitäten haben Auswahlkriterien. Die Abiturnote fällt hierbei bereits derzeit nicht so sehr ins Gewicht. Seit vergangenem Jahr gibt es zum ersten Mal auch die Option, Medizin online zu studieren. Das EDU International College of Medicine in Malta bildet in Zusammenarbeit mit dem Helios-Konzern, an dessen Kliniken die Praktika in Deutschland absolviert werden, Medizinstudierende aus.

Weg über das Ausland: Wer in Deutschland geringe Aussichten auf einen Studienplatz hat, kann sein Glück auch im Ausland versuchen. Es bieten sich vor allem europäische Universitäten (beispielsweise in Österreich und Ungarn) an, damit später die Approbation einfacher in Deutschland anerkannt werden kann. Bewerbungsablauf und Zulassungsbedingungen sind in den einzelnen Ländern unterschiedlich. Einige Universitäten haben einen Eignungstest, andere achten auf die Abiturnote, wieder andere nur auf die Noten bestimmter Fächer. Vorher genau zu beachten sind aber die Qualität der Ausbildungen, die Sprachbarrieren und die teilweise sehr hohen Studiengebühren.

Weg über die Bundeswehr: Wer sich für eine Offizierslaufbahn entscheidet, kann auch über die Bundeswehr Medizin studieren. 1 800 Euro beträgt das Einstiegsgehalt. Im Gegenzug verpflichten sich die Offiziersanwärter für 17 Jahre. In den Semesterferien stehen dann allerdings meist keine Reisen mit Kommilitonen, sondern oft militärische Lehrgänge und Praktika an. Man sollte sich zudem bewusst sein, dass man für die Sanitätsoffizierslaufbahn häufige Umzüge und Auslandseinsätze in Kauf nehmen muss. Auf der Plusseite steht die finanzielle Unterstützung im Studium und die Jobsicherheit danach. Die Bewerbung erfolgt direkt bei der Bundeswehr. Die Abiturnote spielt dort nicht so eine große Rolle, dafür wird die sportliche, psychologische und soziale Eignung geprüft. Das Studium findet dann an einer der zivilen Hochschulen in Deutschland statt.

Weg über eine Landarztverpflichtung: Wer Lust hat, nach dem Studium aufs Land zu ziehen und eine Landarztpraxis zu führen, wird in vielen Bundesländern zukünftig über die sogenannte „Landarztquote“ studieren können. Grundlage ist der „Masterplan Medizinstudium 2020“, der neben einer Weiterentwicklung des Zulassungsverfahrens auch auf eine Stärkung der ländlichen medizinischen Versorgung setzt. Bis zu zehn Prozent der Studienanfänger (abhängig vom Bundesland) können über diese Quote ein Medizinstudium beginnen. Bedingung ist, dass sie nach ihrem Abschluss den Facharzt für Allgemeinmedizin absolvieren und für bis zu zehn Jahre in einer unterversorgten Region auf dem Land arbeiten. Schon heute gibt es einige Bundesländer, die ähnliche Modelle umsetzen. So zum Beispiel das Modellprojekt „Studieren in Europa – Zukunft in Sachsen“ der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, das 20 Abiturienten das Medizinstudium an der Universität Pécs in Ungarn finanziert. Auch in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, im Saarland, Niedersachsen und Baden-Württemberg existieren solche Pläne oder sind teilweise schon umgesetzt.

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