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Medizinstudium: Neue Fakultäten braucht das Land

Medizin studieren, WS 2019/20: 24

Beerheide, Rebecca; Richter-Kuhlmann, Eva

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Der Mangel an ärztlichem Nachwuchs lässt den Ruf nach mehr Medizinstudienplätzen immer lauter werden. Einige Bundesländer reagieren.

Jüngster Newcomer ist Augsburg: Hier startet jetzt zum Wintersemester ein neuer Medizinstudiengang. 84 Studienplätze standen vorerst zur Verfügung, auf die sich 8 000 Studieninteressierte beworben haben. Foto: picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand, dpa
Jüngster Newcomer ist Augsburg: Hier startet jetzt zum Wintersemester ein neuer Medizinstudiengang. 84 Studienplätze standen vorerst zur Verfügung, auf die sich 8 000 Studieninteressierte beworben haben. Foto: picture alliance/Karl-Josef Hildenbrand, dpa

Jahr für Jahr fordert die Ärzteschaft die Politik auf, mehr Medizinstudienplätze zu schaffen. Erst in diesem Frühjahr forderte der 122. Deutsche Ärztetag in Münster Bund und Länder erneut auf, die Zahl um bundesweit mindestens zehn Prozent zu erhöhen. „Die Versorgung der immer älter und kränker werdenden Bevölkerung braucht dringend mehr Ärztinnen und Ärzte. Nur wenige ärztliche Aufgaben können delegiert werden“, stellten die Abgeordneten des Ärztetages klar.

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In einigen Bundesländern tut sich bereits etwas. Das jüngste Beispiel ist Bayern. In Augsburg startet jetzt zum Wintersemester mit 84 Studierenden ein neuer Medizinstudiengang. Die Zahl der Studienplätze soll dann schrittweise auf 252 Plätze erhöht werden, sodass in ein paar Jahren 1 500 Nachwuchsärzte an der Universität Augsburg ausgebildet werden können. Die Nachfrage ist auf jeden Fall da: Bereits für das Wintersemester 2019/20 gab es etwa 8 000 Bewerberinnen und Bewerber mit deutscher Hochschulzugangsberechtigung, die sich bei der Stiftung für Hochschulzulassung um einen Studienplatz in Augsburg bemüht haben.

Ein Grund für den hohen Zulauf ist der besondere Aufbau des Studiums. Denn als erster Modellstudiengang Humanmedizin in Bayern vernetzt der Augsburger Studiengang die Grundlagenfächer wie Anatomie und Biochemie vom ersten Semester an mit den klinischen Disziplinen. Er ist modular aufgebaut, wobei sich die Modulinhalte an Organen und Symptomen orientieren. Das erste Staatsexamen wird in Augsburg durch Prüfungen ersetzt, die über die ersten zwei Studienjahre gleichmäßig verteilt sind. „Wir möchten so die Kompetenzentwicklung der Studierenden über das gesamte Studium hinweg optimal fördern“, erklärt Prof. Dr. med. Martina Kadmon, Gründungsdekanin der Medizinischen Fakultät Augsburg. „Sie sollen auch in der Lage sein, selbst zu forschen, vor allem aber sollen sie über die Kompetenz verfügen, mit wissenschaftlichen Daten umzugehen, diese Daten richtig zu verstehen und zu deuten.“

Für die Ausbildung der Studierenden am Krankenbett sorgt das kommunale Augsburger Krankenhaus, das im Januar in das Universitätsklinikum Augsburg umgewandelt wurde und sich nun unter der Trägerschaft des Freistaates Bayern befindet. 24 Kliniken, drei Institute und 19 Zentren sollen in allen medizinischen Fachdisziplinen den Studierenden eine fundierte Ausbildung sowie der Bevölkerung eine Versorgung auf höchstem Niveau bieten.

Pläne zur Schaffung von Medizinstudienplätzen gibt es auch in Nordrhein-Westfalen (NRW). Bis zu 300 Medizinstudierende jährlich soll es schrittweise ab dem Wintersemester 2021/22 an einer neuen Medizinischen Fakultät in Bielefeld geben. Schwerpunkt wird die Allgemeinmedizin sein. So soll die Medizinerausbildung in Bielefeld laut Koalitionsvertrag langfristig dazu beitragen, die ärztliche Versorgung auf dem Land zu verbessern.

Ein eigenes Universitätsklinikum – wie in Augsburg – will NRW dafür in Bielefeld aber nicht schaffen. Stattdessen kooperiert die Universität Bielefeld mit verschiedenen Kliniken, die gemeinsam das „Universitätsklinikum Ostwestfalen-Lippe der Universität Bielefeld“ bilden sollen.

Dass solche Kooperationen funktionieren, zeigt das Beispiel Oldenburg/Groningen. Der Wissenschaftsrat (WR) evaluierte Mitte Juli zum zweiten Mal die Europaen Medical School (EMS), eine Kooperation von Universitätsmedizin Oldenburg mit der Hochschule in Groningen, Niederlande. Seit der Gründung 2012 sei ein „beeindruckendes Studienangebot etabliert worden, das schon heute viele Aspekte des Masterplanes Medizinstudium 2020 berücksichtigt“, hieß es vom WR. Außerdem: „Das Curriculum überzeugt vor allem durch die Integration moderner Lehr- und Lernmethoden, die konsequente wissenschaftliche Ausbildung sowie die frühe und umfangreiche Einbindung von Lehrpraxen.“ Auch die Forschungsschwerpunkte in der Neurosensorik sowie Hörforschung gehören zu den „profilbildenden Merkmalen“. „Es ist wirklich beeindruckend, wie sehr das persönliche Engagement der Verantwortlichen und Lehrenden vor Ort ist“, lobte WR-Generalsekretär Thomas May. Bei der Begutachtung vor Ort wäre man erst überzeugt gewesen, nachdem man alle handelnden Akteure getroffen habe, sagte May.

Denn auf dem Papier sehe die Entwicklung nicht so rosig aus. In dem 136-seitigen Gutachten im Auftrag der Landesregierung Niedersachsen übt der WR auch deutliche Kritik: Zwar konnten die Ideen des Gründungskonzeptes seit 2012 umgesetzt und auch weiter untermauert werden. „Um allerdings die hohen Qualitätsstandards einer Universitätsmedizin erfüllen zu können, bedarf es weiterhin erheblicher Nachbesserungen“, sagte die WR-Vorsitzende Prof. Dr. oec. troph. Martina Brockmeier. Dies betreffe vor allem die „Gestaltung eines tragfähigen Kooperationsmodells mit den externen Krankenhäusern und den Aufbau des wissenschaftlichen Personals“, hieß es weiter. Die Vereinbarungen zwischen Land, Universität und den Krankenhäusern werden als „nicht zukunftsfähig“ betrachtet.

Für die Oldenburger ist das Gutachten dennoch ein „großer Rückenwind“. Man habe seit fünf Jahren in einer Art Erprobungsphase mit sehr knapper Finanzierung gearbeitet, sagte Prof. Dr. med. Hans Michael Piper, Präsident der Universität Oldenburg, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. „Wir haben sehr viel Erfolg mit dem Modellstudiengang und sind mit den Ideen aus dem Masterplan 2020 Spitzenreiter in Deutschland.“ Geplant ist jetzt ein Neubau für 146 Millionen Euro. Bis 2024 sollen 200 Studierende in Oldenburg Medizin studieren können.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

Kommentar

Studieren in der Grauzone

Seit Jahren übersteigt in Deutschland die Nachfrage nach Medizinstudienplätzen das Angebot. Zudem ist das bisher geltende zentrale Auswahlverfahren nicht fair. Das hat sogar das Bundesverfassungsgericht befunden und Änderungen bis 2020 gefordert. Kein Wunder also, dass Studieninteressierte ins Ausland ausweichen, um ohne Einser-Abi oder ewige Wartezeiten studieren zu können.

Die hohe Nachfrage schafft Angebote: Private Medical Schools spießen wie Pilze aus dem Boden. Notwendig ist meist allerdings „Cash“ – bis zu 100 000 Euro muss man für ein Studium auf den Tisch legen. Zudem handelt es sich häufig um ein Studieren in der Grauzone. Unabdingbar ist deshalb eine genaue Recherche: Wer sich beispielsweise auf den jetzt zum Wintersemester 2019/20 startenden Studiengang der Universitätsmedizin Neumarkt am Mieresch Campus Hamburg bewirbt, sollte wissen, dass Neumarkt am Mieresch in Rumänien liegt und er dort voraussichtlich viel Zeit verbringen wird.

Fragwürdig sind bei den neuen Medizinstudiengängen – die keineswegs vergleichbar mit den neuen Fakultäten in Augsburg, Bielefeld oder Oldenburg sind – weitere Details. Internationale Standards für die Qualitätssicherung der Ärzteausbildung gibt es nicht. Teilweise sind an diesen Unis Professorenstellen eingerichtet worden, ohne dass die Bewerber eine Habilitation vorweisen mussten. Manchmal fehlt der Forschungsbereich komplett – an staatlichen Unis stellt er dagegen neben Lehre und Krankenversorgung eine essenzielle Säule dar. Dies kann den Absolventen später Probleme bereiten. Denn nach der europäischen Berufsanerkennungsrichtlinie muss die Approbation nach § 3 der Bundesärzteordnung keineswegs unbesehen erteilt werden. Der Ausstellungsstaat ist an die Voraussetzungen gebunden, zu denen eine wissenschaftliche Lehre durch qualifizierte Hochschullehrer und eine Forschungsinfrastruktur gehören.

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