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Polizeiärztlicher Dienst: Mediziner in Uniform

Medizin studieren, WS 2019/20: 18

Schmitt-Sausen, Nora

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Was macht eigentlich ein Polizeiarzt? Er kümmert sich um junge Polizisten, begleitet Einsatzstaffeln, schreibt Gutachten und brütet über Lageplänen. Einblicke in eine wenig bekannte Profession.

„Der Polizeiarzt ist der Hausarzt einer bestimmten Gruppe von Polizisten.“ Bernhard Hoffmann
„Der Polizeiarzt ist der Hausarzt einer bestimmten Gruppe von Polizisten.“ Bernhard Hoffmann

Wenn Dr. med. Bernhard Hoffmann und seine Kollegen auf der Straße im Einsatz sind, signalisiert ein Schriftzug auf dem Rücken: Ich bin Mediziner. „Polizeiarzt“ steht dort geschrieben. In Großbuchstaben. Manche Uniform ziert alternativ ein dickes rotes Kreuz. Die dunkelblauen Einsatzanzüge gehören zu einem Arzt im Polizeiärztlichen Dienst genauso wie Kittel zu Klinikärzten. Ohne geht es draußen nicht, wenn es dort gefährlich werden kann.

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Draußen, das kann im Fall von Hoffmann sein: die Münchner Sicherheitskonferenz. Ein G7-Gipfel. Ein Champions-League-Spiel des FC Bayern München. Denn Hoffmann, Jahrgang 1957, arbeitet im Ärztlichen Dienst der bayerischen Polizei, am Hauptstandort in München.

Münchner Sicherheitskonferenz. G7-Gipfel. Champions-League-Spiel. Klingt spannend. Und ist es auch. Doch für den Polizeiärztlichen Dienst bedeuten Großevents wie diese vor allem eins: erhöhte Alarmbereitschaft. Bei Ereignissen mit hoher Sicherheitslage und dementsprechend hohem Polizeieinsatz bekommen die Polizeiärzte und Rettungssanitäter – Vollzugsbeamte der Polizei mit besonderer medizinischer Ausbildung – sicher etwas zu tun.

picture alliance/Gandalf Hammerbacher für Deutsches Ärzteblatt
picture alliance/Gandalf Hammerbacher für Deutsches Ärzteblatt

Der Job der Mediziner in Blau ist es, sich um die Einsatzkräfte vor Ort zu kümmern. Das bedeutet: „Ärzte laufen Seite an Seite mit den Einsatzkräften der Hundertschaften oder warten in mobilen Einsatzwagen, ob ärztliche Versorgung erforderlich ist“, erklärt Hoffmann. Er ist der leitende Polizeiarzt in Bayern und koordiniert ein Team von aktuell 34 Ärzten, zwei Zahnärzten, Rettungssanitätern, Medizinischen Fachangestellten und Krankenschwestern.

Husten, Fieber, Schnupfen. Das sind die einen Themen, wenn Polizisten etwa im Winter bei der Münchner Sicherheitskonferenz tagelang bei Wind und Wetter für die Sicherheit hochrangiger Politiker sorgen. Hier sind allgemeinärztliche Kenntnisse gefragt.

Bei Großeinsätzen kann die Lage dagegen schnell eskalieren. Polizisten werden „mit Pflastersteinen, Böllern und Flaschen beworfen“, erzählt Hoffmann – dann ist die Notfallmedizin gefragt.

Der Mediziner erinnert sich an einen Großeinsatz in Hamburg an der Roten Flora, zu dem Kollegen aus dem ganzen Bundesgebiet gerufen wurden. Viele der Einsatzkräfte vor Ort mussten medizinisch erstversorgt werden. Einige wurden erheblich verletzt: „Eine Polizistin hat eine Betonplatte auf den Kopf bekommen und wurde trotz Helm bewusstlos. Ein anderer Kollege wurde durch ein Wurfgeschoss so schwer an der Schulter verletzt, dass er später operiert werden musste.“

Ein Polizeiarzt schreitet natürlich auch dann ein, wenn er einen medizinischen Notfall bei einem unbeteiligten Bürger erkennt, oder auch bei einem Teilnehmer einer Demo – das verlangt allein sein Berufsethos. „Ein Demonstrant vom Schwarzen Block ist bei einer Demonstration in München an einem Gitter hängengeblieben und hat sich dabei den Fuß fast komplett abgerissen. Ich war in der Nähe und habe ihn natürlich erstversorgt“, erzählt Hoffmann. „Auch das ist unser Anspruch.“

Nicht immer ist der Job des Polizeiarztes so spektakulär. Im Alltag der Beamten geht es eher geregelt zu. Das Brot-und-Butter-Geschäft eines bayerischen Polizeiarztes ist die medizinische Grundversorgung von Nachwuchspolizisten. Polizisten in Ausbildung und junge Polizisten aus den Einsatzhundertschaften. 4 000 an der Zahl sind das allein im Süden der Republik. Wenn es die jungen Polizisten irgendwo zwickt oder kratzt, gehen sie nicht zum Allgemeinmediziner um die Ecke, sondern in das Arztzimmer des Polizeiarztes an ihrem Standort. Der Polizeiarzt sei „der Hausarzt einer bestimmten Gruppe von Polizisten“, erläutert es Hoffmann.

Polizeiärzte müssen fit für den Ernstfall sein. Jeder Handgriff muss sitzen. Denn sie betreuen auch die Spezialeinsatzkommandos und müssen dazu manchmal verdeckt zu Einsatzorten fahren.
Polizeiärzte müssen fit für den Ernstfall sein. Jeder Handgriff muss sitzen. Denn sie betreuen auch die Spezialeinsatzkommandos und müssen dazu manchmal verdeckt zu Einsatzorten fahren.

Denn: Für diese jungen Polizisten zwischen 18 und 28 Jahren gibt es ein eigenes Versorgungssystem – die Heilfürsorge, ähnlich dem System bei der Bundeswehr. In das reguläre Gesundheitswesen rutschen die Polizisten erst dann, wenn sie Beamte auf Lebenszeit sind – oder wenn sie gesundheitliche Probleme haben, die von den Polizeiärzten an den Standorten nicht gelöst werden können.

Um diese besondere Art der hausärztlichen Struktur gewährleisten zu können, ist Hoffmanns Team über ganz Bayern verstreut. München, Eichstätt, Würzburg, Nürnberg, Königsbrunn, Dachau, Sulzbach-Rosenberg und Nabburg sind die acht Standorte der Bereitschaftspolizei, an denen die Mediziner tätig sind. Von Montag bis Freitag halten sie allgemeinärztliche Sprechstunden ab. Was es dort zu tun gibt? Alles, was junge Leute auch sonst in Arztpraxen treibt. „Wir behandeln vor allem Bagatellerkrankungen und regelmäßig Sportverletzungen, da viel Sport bei Polizisten zum Beruf gehört.“

Die Behandlungsräume der Polizeiärzte an den Standorten sind vergleichbar mit den Praxen von Allgemeinmedizinern. Mit einer Ausnahme: Sie verfügen über einen vergleichsweise üppigen Arzneimittelbestand, da die kranken Polizisten sämtliche Standardarzneimittel direkt vom Polizeiarzt in die Hand gedrückt bekommen. Gespeist wird der Medikamentenvorrat aus einer eigenen Apotheke am Standort München.

Auch das ist besonders: An den Standorten des Medizinischen Dienstes gibt es mehr als 20 Fahrzeuge wie Rettungswagen und Notfalleinsatzfahrzeuge. Als solche zu erkennen sind Letztere oft aber nicht. „Wir betreuen auch die Spezialeinsatzkommandos Nord- und Südbayern“, erläutert Hoffmann. „Deshalb müssen wir manchmal auch verdeckt zu Einsatzorten fahren.“

Ein zentraler Bestandteil des Arbeitsalltags eines Arztes in Uniform ist auch die medizinische Eignungsuntersuchung von Bewerbern für den Polizeidienst. „Da fließen dann auch schon mal Tränen, wenn man einem jungen Menschen sagen muss, dass er seinen Traumjob wegen einer Rot-Grün-Schwäche nicht wird ergreifen können“, sagt Hoffmann.

Der Vorgang ist aufwendig: Die Polizeiärzte prüfen nicht nur selbst, sondern fordern sämtliche Befunde an, die sich im Leben der Bewerber angesammelt haben. Hoffmann ist oft überrascht über die Defizite, die manche schon früh haben. Internistische Vorerkrankungen, Sportverletzungen, Suchthistorien, mentale Probleme. „Dann müssen wir sehr sorgfältig prüfen, ob es ein Hindernisgrund für den Polizeidienst sein könnte.“ Der Polizeiärztliche Dienst greift hart durch: Bei 20 bis 30 Prozent der jungen Bewerber müssten die Ärzte ihr Veto einlegen.

Die körperliche und psychische Verfassung zu beurteilen, ist nicht nur bei Anwärtern auf den Polizeidienst ein Job des Polizeiarztes, sondern auch im späteren Verlauf von Polizistenkarrieren. Nämlich dann, wenn es darum geht, nach Verletzungen, Dienstunfällen oder auch nach langen Krankheitsphasen die Belastbarkeit der Beamten zu beurteilen.

„Es ist dann an uns zu begutachten, ob und inwieweit ein Polizist noch dienstfähig ist“, sagt Hoffmann. „Polizist sein ist ein belastender Beruf. Die Beamten sind mit Verbrechen konfrontiert, Toten, Kriminalität, Aggression und körperlichen Übergriffen. Das belastet jeden und manche mehr.“

Nicht selten heiße die Entscheidung: runter vom Streifendienst auf der Straße, rein in den Innendienst. Oder: Nur noch Arbeit am Tag, keine Nachtschichten mehr. In Sachen Gutachten ist bei 40 000 Polizisten in Bayern viel zu tun. „Einige 1 000“ Gutachten pro Jahr muss Hoffmanns Team verfassen. An den Standorten München und Nürnberg sind Mediziner im Einsatz, die (fast) nichts anderes machen.

Eingangsprüfung, Diensttauglichkeitsgutachten. Allein diese Begriffe machen klar: Ein Polizeiarzt hat neben der klassischen Medizin viel Büroarbeit zu leisten. „Es ist viel Schreiberei dabei, das kann man nicht leugnen“, weiß Hoffmann. Immerhin: Bei diesem Punkt scheinen „reguläre“ Ärzte und Polizeiärzte gar nicht so weit auseinanderzuliegen. Was Klinik- und Praxisärzte allerdings nicht kennen dürften, sind Szenarien wie diese: „Ein Dienstplan für einen G7-Gipfel füllt problemlos eine halbe Zimmerwand.“

Doch klar ist: Mit dem Arztsein draußen hat das Arztsein bei der Polizei nicht viel zu tun. Arzt im öffentlichen Dienst sei ein Kontrastprogramm zur ärztlichen Tätigkeit in Klinik oder Praxis, sagt Hoffmann selbst. „Wir arbeiten unsere 40 Stunden, manchmal mehr. Die Tätigkeit ist sehr geregelt.“ Und auch das weiß er richtig zu nehmen: „Wir haben etwas mehr Zeit für die Menschen, um die wir uns kümmern, als dies in einer Klinik oder Praxis der Fall ist.“ In Kauf nehmen Polizeiärzte aber dafür auch das: Mit dem Verdienst eines Klinikarztes können sie als Mediziner im öffentlichen Dienst nicht mithalten.

Nicht nur Hoffmann, der seit 2001 in München ist und vorher in zwei bayerischen Gesundheitsämtern tätig war, schätzt die geregelten Arbeitszeiten. In seinem Team seien Mediziner, die es nach einigen Jahren in der Klinik in den öffentlichen Gesundheitsdienst ziehe – oder die sich aufteilen und Teilzeit in Klinik und Teilzeit bei der Polizei arbeiten, erzählt er. Hoffmann selbst konnte die klassische Medizin nie ganz loslassen – bis im vergangenen Jahr ist er neben dem Job als Polizeiarzt Notarzt gefahren. 40 Jahre lang.

Zugegeben: Die Medizinerträume von Bayerns oberstem Polizeiarzt sahen einmal anders aus. Die Anästhesie sollte es werden.

Doch wie so häufig im Leben kam es anders. Um die Wartezeit für das Medizinstudium zu verkürzen, entschied Hoffmann, sich für eine Tätigkeit im öffentlichen Gesundheitsdienst zu verpflichten. Zehn Jahre waren ein Muss, so der Deal. Natürlich pokerte er dabei ein wenig. „Warten wir mal ab, habe ich mir gedacht“, erinnert er sich an seine Gedanken von damals. „Einen Studienplatz zu bekommen, steht für mich jetzt erst mal im Vordergrund.“ Eine Karriere im öffentlichen Gesundheitsdienst habe er zu dieser Zeit „nicht im Auge gehabt“.

Anfangs, das räumt Hoffmann ein, habe er noch an einen Ausstieg aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst gedacht. Doch nach einer Weile lernte er neben der hohen Arbeitsplatzqualität Weiteres zu schätzen: die Vielseitigkeit des Berufes des Polizeiarztes. Und dies ist bis heute so geblieben.

Hoffmann, der in wenigen Jahren in den Ruhestand geht, schätzt die Abwechslung seines Arbeitsalltags: Polizeiarbeit. Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen. Kooperation mit der Feuerwehr. Austausch mit dem Katastrophenschutz. Dazu: Einblicke in Politik und Verwaltung. Und natürlich: Die breiten, wechselnden fachlichen Anforderungen an die ärztliche Tätigkeit, zu der neben der Allgemein- und Notfallmedizin auch noch die Betriebsmedizin gehört. „Der Job des Polizeiarztes bleibt interessant. Es ist immer was Neues dabei.“

So wie aktuell dies: In den vergangenen Jahren rückte das Gewappnetsein für Extremsituationen wie Terroranschläge in den Fokus. Auch für den Polizeiärztlichen Dienst. Das Team um Hoffmann erweiterte die Erste-Hilfe-Lehrgänge für die Polizisten um Kenntnisse der Notfallversorgung „unter Bedingungen eines Großschadenfalls“. Im Nicht-Bürokraten-Deutsch heißt das: Im Falle von Terroranschlag, Amoklauf, Explosionen und Co.

Es geht dabei darum, Polizisten zu vermitteln, wie sie sich bei lebensbedrohlichen Verletzungen verhalten sollen. „Die Polizisten im Dienst sind in solchen Fällen die Ersten vor Ort. Aber der normale Streifenpolizist hat ja kein medizinisches Hintergrundwissen.“ Nun gehört dieses fest ins Weiterbildungsprogramm, das Polizisten absolvieren müssen – koordiniert von den Polizeiärzten.

Fit zu sein für den Ernstfall. Zu wissen, was zu tun ist. Das üben die Einsatztruppen der Polizei regelmäßig – und mit ihnen die Polizeiärzte. Es gibt Übungen mit Hubschrauberpiloten, Sprengstoffexperten, der alpinen Einsatztruppe, der Taucher-, Reiter- und Hundestaffel. Und so weiter, und so weiter.

Bei jeder Übung sind Mitglieder des Medizinischen Dienstes mit vor Ort. „Wir sind entweder im Sanitätsdienst zur Absicherung dabei, wenn sich jemand verletzt, oder wir haben eine aktive Rolle als Übende, weil das Training für unsere Einsätze relevant ist“, erläutert Hoffmann.

Üben. Üben. Üben. Nur so kann gewährleistet werden, dass bei der Münchner Sicherheitskonferenz, dem G7-Gipfel und dem Champions-League-Spiel aus medizinischer Sicht alles so glatt wie eben möglich läuft.

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