ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2019Klimawandel: Fünf Minister in vier Flugzeugen

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Klimawandel: Fünf Minister in vier Flugzeugen

Dtsch Arztebl 2019; 116(39): A-1689 / B-1397 / C-1369

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Klimaschutz ist immer auch Gesundheitsschutz. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, brachte es auf den Punkt, als am 20. September bundesweit mehr als eine Million Menschen für den Klimastreik auf die Straße gingen. Die Hitzeperioden werden immer länger, Temperaturrekorde am laufenden Band gebrochen, Tropenkrankheiten wie das Dengue-Fieber drängen nach Europa und die Pollenbelastung nimmt zu. Insbesondere für vulnerable Bevölkerungsgruppen wie Säuglinge, Kinder, ältere Menschen und Obdachlose ist dies gesundheitlich eine große Bedrohung. Hinzu kommen Extremwetterereignisse, die weltweit für Todesopfer sorgen und Flüchtlingsströme beeinflussen.

Auch wenn die Anzahl der Hitzetoten immer auf Schätzungen beruht, macht eine Studie im Journal of Environmental Economics and Management, die den Effekt von besonders heißen und kalten Tagen auf die Sterberate und die Krankenhauseinweisungen untersuchte, deutlich, wie groß der Einfluss der Temperatur ist: An Tagen mit mehr als 30 Grad Celsius stieg die Sterbequote um circa zehn Prozent und die Krankenhauseinlieferungen um fünf Prozent. Das Deutsche Ärzteblatt veröffentlichte im August drei Studien http://daebl.de/SZ29, die die mögliche Zunahme von Herzinfarkten, Hitzeschlägen sowie den temperaturbedingten Anstieg von Wundinfektionen prognostizierten.

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Institutionen des Gesundheitswesens müssen sich auf diese Entwicklungen vorbereiten: Gesundheitspläne für Hitzeperioden sind notwendig, bauliche und organisatorische Maßnahmen müssen getroffen werden und Patientinnen und Patienten müssen beraten werden, wie sie sich am besten an diesen heißen Tagen verhalten sollen. Ergo: Ärztinnen und Ärzte sind gefragt. Nicht von ungefähr hat der diesjährige Deutsche Ärztetag in Münster beschlossen, dass ein Schwerpunkt des kommenden Deutschen Ärztetages 2020 in Mainz die Folgen des Klimawandels auf den menschlichen Körper und die globale Gesundheit sein soll. Man will sich in die Politik der Bundesregierung einbringen, kündigte Bundes­ärzte­kammerpräsident Reinhardt an.

Das ist anscheinend auch bitter nötig. Während es die Bundesregierung zunächst mit der Klimapolitik eher schleppend angehen ließ, kam etwas mehr Schwung in die Diskussion, als die Aktivisten von Fridays for Future im Sommer 2018 ihre Demonstrationen begannen. Als dann noch die Grünen bei der Europawahl mit ihrer Klimapolitik mehr als zehn Prozent an Stimmen zulegten, hatte das Thema Klimawandel endgültig allen anderen politischen Themen den Rang abgelaufen. Das hieß aber lange noch nicht, dass die Große Koalition nun schnell zielstrebig und klar ihre Klimaziele kommunizierte. Symptomatisch ist nun das Zustandekommen des lange angekündigten Klimaschutzpakets: Mehr als 18 Stunden rangen Union und SPD um einen Kompromiss für das Klimaschutzpaket, an dessen Ende eher ein Päckchen stand, wie viele Klimaforscher konstatierten. Da passte es ins Bild, dass zwei Tage später fünf Bundesminister in vier Flugzeugen in die USA reisten.

Dennoch ist es positiv, dass die Folgen des Klimawandels jetzt weltweit diskutiert werden. Denn sie bedrohen die globale Gesundheit. Und selbst diejenigen, die die Diskussion für vollkommen überzogen halten, sollten froh sein, wenn die Beteiligten im Gesundheitswesen auf die Folgen des Klimawandels gut vorbereitet sind. Denn diese werden früher oder später alle betreffen – auch die sogenannten Klimaleugner und deren Gesundheit.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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