ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2019Arbeitsmarkt Ärzte: Karriereziel Chefarzt? Von wegen!

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Arbeitsmarkt Ärzte: Karriereziel Chefarzt? Von wegen!

Dtsch Arztebl 2019; 116(39): [2]

Martin, Wolfgang

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Die Krankenhäuser stehen unter Druck: Immer weniger Oberärztinnen und Oberärzte bewerben sich auf eine Chefarztposition. Inzwischen gilt dies sogar für kardiologische Abteilungen.

Wie schon im Vorjahr belegen die Fachgebiete Gastroenterologie und Pneumologie klar die ersten Plätze des Chefarzt-Index 2018. Das bedeutet, in diesen Fachgebieten ist die Bewerberdecke am dünnsten. Dahinter folgt ein breites Spektrum ganz unterschiedlicher Fachgebiete. Während die Psychiatrie und die Frauenheilkunde bereits seit etlichen Jahren mit nur wenigen Chefarztbewerbungen zu kämpfen haben, gewinnt dieses Thema nunmehr sogar in der Kardiologie an Brisanz.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse des Chefarzt-Index 2018. Die von der Personalberatung mainmedico erstellte Auswertung beleuchtet, in welchen Fachgebieten die Lage beim Chefarztnachwuchs besonders angespannt ist (siehe Grafik). Der Index setzt die Zahl der im Deutschen Ärzteblatt von den Krankenhäusern ausgeschriebenen Chefarztpositionen ins Verhältnis zur Zahl der im jeweiligen Fachgebiet auf Oberarztebene tätigen Ärztinnen und Ärzte. Basis für die Auswertung waren 480 Chefarztausschreibungen.

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Chefarzt-Index 2018: Fachgebiete mit besonders wenigen Bewerbern
Chefarzt-Index 2018: Fachgebiete mit besonders wenigen Bewerbern
Grafik
Chefarzt-Index 2018: Fachgebiete mit besonders wenigen Bewerbern

Jedes Fachgebiet erhält so einen spezifischen Indexwert. Dieser Wert gibt an, wie viele Oberärztinnen und Oberärzte rein rechnerisch auf eine Chefarztausschreibung entfallen. Je niedriger der Wert, desto geringer ist die Zahl potenzieller Bewerber um eine Chefarztposition. Und: Je niedriger der Wert, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Krankenhäuser besondere Anstrengungen unternehmen müssen, um geeignete Kandidaten zu gewinnen.

Vergleich der Nachfrage in Fachgebieten

Die Indexwerte erlauben einen Vergleich der Nachfragesituation in den verschiedenen Fachgebieten. Sie lassen sich jedoch nicht eins zu eins auf jedes konkrete Besetzungsverfahren übertragen. Die Zahl der eingehenden Bewerbungen wird allerdings auf jeden Fall unter dem betreffenden Indexwert liegen, da ja immer nur ein Bruchteil der im Krankenhaus tätigen Oberärzte tatsächlich aktiv auf Stellensuche ist. Und: Dieser Anteil wird zunehmend kleiner, da sich immer weniger Ärztinnen und Ärzte überhaupt für eine klinische Karriere entscheiden.

Sicherlich wird es auch in den fünf erstplatzierten Fachgebieten noch Chefarztausschreibungen geben, auf die sich mehr als eine Handvoll Oberärztinnen und Oberärzte bewerben. Dies gilt vor allem für größere Häuser oder solche in großstädtischen Regionen. Generell aber steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Bewerberzahl in einzelnen Besetzungsverfahren tatsächlich gegen null geht.

Frauen bewerben sich eher selten

Das aufseiten der Oberärzte abnehmende Interesse an einer Chefarztposition hat zum einen ganz wesentlich damit zu tun, dass sich in der Ärzteschaft die Vorstellungen von Beruf und Lebensqualität vielfach grundlegend geändert haben (Work-Life-Balance).

Zudem wirkt sich auch die Feminisierung der Medizin auf die Zahl der Bewerbungen auf Chefarztpositionen aus. So ist inzwischen im Durchschnitt zwar jede dritte Führungskraft auf der Oberarztebene weiblich. Doch im Vergleich dazu sind Bewerbungen von Frauen auf Chefarztpositionen nach wie vor eher selten. Neben der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familie spielt häufig auch eine generelle Skepsis gegenüber den tradierten hierarchischen Strukturen in Krankenhäusern eine Rolle.

Diese Entwicklung macht sich bereits jetzt besonders in den Fachgebieten Kinder- und Jugendpsychiatrie, Frauenheilkunde sowie Psychosomatische Medizin bemerkbar. In diesen Fächern liegt der Frauenanteil mit 60 Prozent deutlich über dem Durchschnitt. Dort ist die Bewerbersituation in der Realität also noch prekärer, als es die Platzierung im Chefarzt-Index vermuten lässt.

Führungskräfte haben zu wenig Freiraum

Und wie ist es um jene Ärztinnen und Ärzte auf der zweiten Führungsebene bestellt, die einer Karriere im Krankenhaus grundsätzlich positiv gegenüberstehen? Ihnen macht der klinische Alltag zunehmend zu schaffen. Ökonomischer Druck und Personalmangel bestimmen den Arbeitsalltag und führen zu einer immer stärkeren Leistungsverdichtung in den Abteilungen.

Nicht selten hat dies zur Folge, dass die Oberärztinnen und Oberärzte kaum noch dazu kommen, sich mit Zielsetzungen zu befassen, die über den Klinikalltag hinausgehen. Sie sollen als Führungskräfte funktionieren, haben aber oftmals zu wenig Freiraum, um diese Rolle und die damit verbundenen Anforderungen für sich in Ruhe zu reflektieren. Unter Umständen geraten dabei nicht nur die weiteren Karriereziele aus dem Blick. Über kurz oder lang besteht auch die Gefahr, dass Ärztinnen und Ärzte tiefgreifend demotiviert oder erschöpft werden.

Trotz knapper personeller Ressourcen sollten die Krankenhäuser daher im ureigensten Interesse mit entsprechenden Maßnahmen der Personalentwicklung und Personalförderung gegensteuern. Angebote wie Führungskräfteseminare und Führungskräftetrainings oder auch Möglichkeiten des beruflichen Coachings können Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihrer Handlungs- und Führungskompetenz stärken und neue Impulse geben. Leistungsstarke und motivierte leitende Ärztinnen und Ärzte sind für jedes Krankenhaus letztendlich auch ein Wettbewerbsvorteil – auf der Oberarztebene ebenso wie auf der Chefarztebene.

Führungsstrukturen gehören auf den Prüfstand

Der „Krankenhaus Rating Report“ 2019 mahnt ausdrücklich moderne und nachhaltige Kran­ken­haus­struk­tu­ren an: Innovative, sektorübergreifende, digitale und patientenzentrierte Versorgungsmodelle seien gefordert.

Im Zuge der anstehenden Modernisierungsprozesse sollten auch die Führungsstrukturen nicht vergessen werden, die sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum verändert haben. Es gilt zu hinterfragen, ob diese noch zeitgemäß sind und zu den veränderten Prioritäten der Berufs- und Karriereplanung der nachrückenden Ärzte-Generation passen. Denn sollten sich weiterhin immer weniger Ärztinnen und Ärzte für eine klinische Karriere entscheiden, droht den Krankenhäusern in Kürze eine veritable Führungskrise.

Dr. Wolfgang Martin

mainmedico GmbH

consulting & coaching

60322 Frankfurt am Main

Chefarzt-Index 2018: Fachgebiete mit besonders wenigen Bewerbern
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