ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2019Tabakabhängigkeit: Bedeutung nicht erkannt
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Im Jahr 2011 habe ich … mit sechs meiner Patienten die Initiative Klageverfahren initiiert, um die … Kostenübernahme von Tabakentwöhnungsbehandlungen bei Vorliegen einer Tabakabhängigkeit (ICD-10 F17.2) und häufig auch tabakassoziierter Erkrankungen (ICD-10 F17.1) gerichtlich durchzusetzen. ... In allen bisher verhandelten Verfahren wurde … die Bedeutung der Tabakabhängigkeit im Hinblick auf die Morbidität und Mortalität nicht erkannt. …

Die Verhandlung vor dem Bundessozialgericht am 28. Mai 2019 führte zur Abweisung der … Klage. Das Gericht trug vor, es gäbe auch Studien, die die Wirksamkeit von Nikotinersatztherapie nicht belegten. Hierzu ist zu bemerken: Von der Arbeitsgemeinschaft wissenschaftlich-medizinischer Fachgesellschaften (AWMF) wurde 2015 die S3-Leitlinie „Screening, Diagnostik und Behandlung des schädlichen und abhängigen Tabakkonsums“ veröffentlicht. ... Allein durch die Nikotinersatztherapie kann eine Abstinenz von circa 20 Prozent erreicht werden. … Das Gericht stellte zudem fest, dass es zurzeit ausreichende nichtmedikamentöse Therapiemöglichkeiten gäbe. Hierzu ist zu bemerken: Der ärztliche Ratschlag in der Sprechstunde als zurzeit einzige mögliche Intervention führt nur in 3 bis 5 Prozent der Fälle zur Abstinenz. … Eine kombinierte Therapie nach S3-Leitlinie (Kombination aus medikamentöser Nikotinentzugstherapie und verhaltenstherapeutischer ärztlicher Therapie) hat eine Erfolgsrate von ca. 30 bis 40 Prozent.

Bei circa 120 000 Todesfällen durch tabakabhängige Erkrankungen jährlich in Deutschland gegenüber circa 21 000 Todesfällen durch die Folgen des Alkoholkonsums handelt es sich bei der Tabakabhängigkeit offensichtlich um eine mindestens ebenso schwerwiegende Suchterkrankung wie bei der Alkoholabhängigkeit. Die Behandlung der Alkoholabhängigkeit wird wie bei der Nikotinabhängigkeit in eine Entgiftung (Entzug) und eine verhaltenstherapeutische Behandlung unterteilt. Die Medikamente im Rahmen der Entgiftung von Alkohol werden von den Krankenkassen bezahlt, die für die Nikotinentgiftung bisher nicht.

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Zusammenfassend hätte das Gericht die Ungleichbehandlung feststellen, das Verfahren aussetzen und eine Vorlage beim Bundesverfassungsgericht zur Änderung des § 34 SGB V beschließen müssen. Circa sechs Millionen suchtkranke Raucher warten weiter auf ein angemessenes Therapieangebot. Nun bleibt uns noch der Weg zum Bundesverfassungsgericht. …

Dr. med. Ulf Ratje, 24340 Eckernförde

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