ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2019Von schräg unten: Qualitätsgesichert

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Qualitätsgesichert

Dtsch Arztebl 2019; 116(39): [48]

Böhmeke, Thomas

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Vielleicht sind Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen, schon in den Genuss gekommen, im Rahmen von Veranstaltungen zum Thema Qualitätssicherung Vorträge von Flugzeugpiloten lauschen zu dürfen. Auch wenn Piloten in der Regel sich ziemlich schnell und weit weg fortbewegen, wir Ärzte sind in unserer alltäglichen Arbeit gar nicht so sehr entfernt.

Denn auch Medizin ist Präzision, die gleich der Arbeit der Piloten konsequent praktiziert werden muss: Checklisten, Überprüfung, nochmalige Checklisten, nochmalige Überprüfung, bis alles perfekt ist, erst dann darf abgehoben werden. Daran denke ich mit einem guten Gefühl, als ich schon spät am Abend meine Reisetasche im Flieger verstaue.

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Hinter mir ist eine Flugbegleiterin in eine aufgeregte Diskussion mit einem Passagier verwickelt. Er bräuchte, so ist er lautstark zu vernehmen, dringend dieses Medikament, was sich aber im Reisekoffer befände, den der gierige Flugzeugbauch bereits inhaliert habe. Ähnliches ist Alltag in der Praxis, so denke ich, für die Behandlung notwendige Unterlagen liegen meistens zu Hause, wo man schlecht drankommt.

Die Flugbegleiterin hakt nach, um welches Medikament es sich handeln würde, eventuell biete die Bordapotheke Entsprechendes. Nein, an den Namen könne er sich nicht erinnern. Auch das ist mir geläufig, Medikamentenanamnesen sind so fehlerhaft wie Bruchlandungen.

Ob er denn dieses Medikament akut bräuchte, will die Flugbegleiterin wissen, sie könne Kontakt mit dem Flughafenarzt aufnehmen, das würde nur wenig Zeit in Anspruch nehmen. Nein, so der Passagier, er bräuchte es nicht sofort, nur zur Sicherheit, außerdem wäre ihm eine Zeitverzögerung nicht zumutbar, schließlich will er nach Hause fliegen. Da denke ich an die Terminvergaben in der Praxis, liegen diese in weiterer Zukunft, so drohen manche damit, dass sie bis dahin schon tot sein könnten. Bietet man ob dieses vermeintlich kritischen Zustandes einen sofortigen Termin an, so geht das auch nicht, weil das Fitnessstudio oder der Friseur oder die Fahrradtour im Wege stehen. Die Diskussion gleitet in einen Tumult ab, der Passagier raunzt die Flugbegleiterin an, sie möge jetzt und sofort den Reisekoffer besorgen. Auch so etwas kenne ich aus der Sprechstunde, je unerfüllbarer die Wünsche, desto lauter der Ton, desto größer die Nähe zu Verbalinjurien. Er schreit, dass er sich nicht mehr mit inkompetentem Hilfspersonal auseinandersetzen möchte und verlangt nach dem Chefpiloten. Oje. In der Praxis tut man nicht gut daran, Mitarbeiter zu beleidigen, denn diese tragen zum großen Teil auch zum Gelingen der ärztlichen Behandlung bei.

Unbemerkt vom besagten Schreihals hat sich der Pilot in die Kabine begeben und guckt sich die Konfrontation an. Dann ein kurzes Wort zur Flugbegleiterin und der zeternde Gast wird zur Gangway begleitet. Der Abflug verzögert sich um zwei Stunden, bis der Koffer des Wüterichs ausgeladen ist, der dann die Nacht auf dem Flughafen verbringen darf. Ich überlege mir, ob ich bei der nächsten Schreierei in der Praxis nicht genauso handeln sollte wie der Pilot. Ist ja qualitätsgesichert.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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