ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2019Interkulturelle Diversität in Ärzteteams: Den Blickwinkel ändern

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Interkulturelle Diversität in Ärzteteams: Den Blickwinkel ändern

Dtsch Arztebl 2019; 116(39): A-1734 / B-1430 / C-1402

Spielberg, Petra

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Die Zahl der in Deutschland tätigen ausländischen Ärztinnen und Ärzte nimmt seit Jahren stetig zu. Eine Schlüsselrolle bei der gelungenen Integration innerhalb eines Ärzteteams spielen eine positive Willkommenskultur und die Akzeptanz durch Führungskräfte.

Der Austausch im Team hilft dabei, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen beziehungsweise zu vermeiden. Foto: FatCamera/iStock
Der Austausch im Team hilft dabei, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen beziehungsweise zu vermeiden. Foto: FatCamera/iStock

Ausländische Ärztinnen und Ärzte gehören hierzulande inzwischen zum medizinischen Alltag. So betrug die Zahl der in Deutschland gemeldeten Medizinerinnen und Mediziner ausländischer Herkunft nach einer Statistik der Bundes­ärzte­kammer im vergangenen Jahr 55 000. Einige von ihnen absolvieren in Deutschland lediglich ihre Weiterbildung mit dem Ziel, später wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Andere sind längst fester Bestandteil von Ärzteteams in Klinik oder Praxis.

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Wie gut die Integration und die reibungslose Zusammenarbeit mit den deutschen Kolleginnen und Kollegen klappt, ist dabei allerdings nicht nur eine Frage der Nationalität, sondern hängt von mehreren Faktoren ab. Dazu gehören unter anderem fachliche und persönliche Kompetenzen, die Sprachkompetenz, die Größe und Zusammensetzung des Teams, die Art der Klinik und Fachrichtung, das Herkunftsland, das Alter und der Zeitraum des bisherigen Aufenthalts der zugewanderten Ärzte.

Kulturelle Brücken überwinden

Hinzu kommt: „An vielen Krankenhäusern ist Teamarbeit unter anderem aus arbeitsrechtlichen sowie organisatorischen Gesichtspunkten, wie hohe Patientenzahlen bei zum Teil hohem Fachkräftemangel, nur schwer zu leisten“, sagt Tim Quester, Kommunikationstrainer, Coach und Organisationsentwickler an der Charité International Academy in Berlin. Dies habe zur Folge, dass Berufsanfängerinnen und -anfänger häufig schnell und reibungslos funktionieren müssen. „In dieser Drucksituation spielen interkulturelle Phänomene, die sich unter anderen Bedingungen stärker manifestieren würden, eine untergeordnete Rolle“, so Quester.

Gleichwohl könnten kulturelle Unterschiede mit dazu beitragen, dass die Integration im Team manchmal schwierig sei, meint Dr. phil. Ute Siebert, Beraterin und Coach für interkulturelle Kompetenz im Gesundheitswesen. „Ärztinnen und Ärzte aus vielen nicht europäischen Ländern, unter anderen aus Lateinamerika, Indien oder dem Nahen Osten, sind es zum Beispiel nicht gewohnt, venöse Zugänge zu legen, da das in ihrer Heimat in der Regel Pflegekräfte machen. Wenn das hierzulande von ihnen erwartet wird, sorgt das durchaus schon mal für Irritationen“, berichtet Siebert. Diese ließen sich aber meist in einem Gespräch schnell wieder ausräumen.

Um kulturelle Brücken zu überwinden, helfe vor allem eins: Nachfragen, empfiehlt auch PD Dr. phil Isaac Bermejo, der am Universitätsklinikum Freiburg Ärzte und Pflegekräfte bei interkulturellen Fragen berät. Diagnosen und Therapien zu definieren, sei dabei auf der Basis der ICD-10 quer über alle Nationalitäten kein Problem. „Das, was ich daraus ableite, beispielsweise in der Zusammenarbeit mit Pflegekräften und im Umgang mit den Patienten, ist dagegen immer auch ein Stückweit kulturell geprägt“, so der Berater. Daher sollten Ärzte Irritationen zum Anlass nehmen, sich auszutauschen und zum Beispiel fragen: „Ist das bei euch so üblich?“, um Missverständnissen vorzubeugen. „Aber bitte nicht am Krankenbett, vor den Augen und Ohren des Patienten“, mahnt Bermejo. „Interkulturelle Diversität sollte zudem grundsätzlich nicht als trennend betrachtet werden, sondern als Chance, einen neuen Blick auf die Welt, Krankheiten und den Umgang mit Patienten werfen zu können“, sagt der Berater.

Im Nahen Osten sowie in Lateinamerika beispielsweise sei das Verhältnis zwischen Ärztinnen und Ärzten sowie Patientinnen und Patienten noch sehr viel hierarchischer als in westlichen Staaten, erklärt Siebert. Ärzte aus diesen Ländern würden daher manchmal mit Befremden auf Themen wie Patientenrechte, umfassende Aufklärung oder das Gebot, die Angehörigen nur mit Einwilligung des Patienten über dessen Zustand zu informieren, reagieren oder mitunter einen autoritären Ton im Umgang mit Patienten anschlagen. „Wenn es knirscht in der Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Ausland ist manchmal ein Teamentwicklungsprozess nötig, manchmal auch ein Coaching der Führungskräfte“, weiß die Beraterin aus Erfahrung. Eine kulturelle Diversität in der ärztlichen Zusammenarbeit sieht sie aber insgesamt als Pluspunkt für die gesundheitliche Versorgung an, allein, da sie die Vielfalt der Nationen in der Bevölkerung widerspiegele und für mehr Sprachenvielfalt sorge.

Willkommenskultur schaffen

Internationale Ärzteteams sind auch aus Sicht der Hartmannbund-Landesverbandsvorsitzenden von Niedersachsen, Prof. Dr. med. Anke Lesinski-Schiedat, von großem Vorteil für das deutsche Gesundheitssystem. „Ich empfinde es als Bereicherung, mir von meinen ausländischen Kolleginnen und Kollegen abzugucken, wie sie mit Patientinnen und Patienten aus ihren Herkunftsländern umgehen“, sagt die HNO-Ärztin und Leiterin des Deutschen Hörzentrums Hannover.

Ausländische Ärzte sollten allerdings nicht immer vornehmlich dann geholt werden, wenn es darum geht, Patienten aus ihrem Kulturkreis zu versorgen, mahnt Siebert. Vielmehr gelte es, sie als vollwertiges Teammitglied zu betrachten. Dazu gehöre auch, eine gute Willkommenskultur zu schaffen und zum Beispiel in der Freizeit mal etwas gemeinsam zu unternehmen. Dies sei ebenso wichtig, wie der Blick auf die fachlichen Kompetenzen, werde aber oftmals vergessen, sagt Siebert.

Am KRH Klinikum Nordstadt scheint das indes gut zu funktionieren. Hier hat die Nationalitätenvielfalt in der Neurologie das Team sogar regelrecht zusammengeschweißt, bis hin zum gegenseitigen Bekochen und dem Austausch von Reisetipps. Man sei neugierig aufeinander, sagt der aus Tunesien stammende Arzt Mohamed Elkenali. „Jeder kommt aus einem anderen Land. Jeder hat andere Gewohnheiten, ein anderes Temperament. Wir lernen alle voneinander.“ So war es für den Indonesier Andrew Ong zunächst ungewohnt, wie direkt man in Deutschland miteinander spricht und wie viele Fragen gestellt werden. Inzwischen habe er sich aber daran gewöhnt.

Kofiah Reema findet es dagegen gut, dass hierzulande Patienten sehr ausführlich aufgeklärt werden, mit Erwähnung aller denkbaren Komplikationen zum Beispiel bei operativen Eingriffen. Die 31-jährige Ärztin lebt seit 2015 in Deutschland und hat vor zwei Jahren eine Weiterbildung in Gynäkologie und Geburtshilfe an der Berliner Charité begonnen. Ihr fiel es allerdings vor allem anfangs nicht so leicht, hier Fuß zu fassen. „Ich wollte von Anfang an die Möglichkeit haben, meine Kompetenzen und Kommunikationsfähigkeiten genauso unter Beweis zu stellen, wie meine anderen Kollegen“, sagt Reema. Deshalb habe sie sich intensiv darum bemüht, von vornherein gleichberechtigt mit den übrigen Assistenzärztinnen und -ärzten behandelt zu werden, stieß dabei aber nicht immer auf Verständnis oder Geduld.

Unterstützung organisieren

Selbst aktiv zu werden, ist aus Sicht von Siebert ein sinnvoller Weg, um die interkulturelle Zusammenarbeit zu fördern. Ein anderer sei die Begleitung durch Mentoren. Hier sieht sie vor allem Ärztinnen und Ärzte in leitenden Funktionen in der Pflicht, dies anzustoßen. Auch Quester würde es begrüßen, wenn mehr Kliniken den Bedarf an fachspezifischen Onboarding-Programmen, zu denen auch Mentorenprogramme gehören, erkennen und implementieren würden. Petra Spielberg

Tipps zum Personalmanagement interkultureller Teams

  • Mitarbeiterbefragung durch-führen
  • Unternehmenskultur und Ziele vermitteln
  • Ansprechpartner bei Problemen benennen
  • Diversity- und vertiefte Sprachtrainings anbieten
  • Teamentwicklung fördern
  • Interkulturelles Training und Coaching von Führungskräften

Auswahl nützlicher Adressen

Ärztinnen und Ärzten in leitenden Funktionen kommt eine Schlüsselrolle bei der erfolgreichen Integration und Führung internationaler Ärzteteams zu. Professionelle Trainer/Coaches und Berater bieten hierzu spezielle Kurse an, wie:

  • die Charité International Academy: Inhouseschulung an Kliniken deutschlandweit, zertifiziert durch die Ärztekammer Berlin, Tel.: 030 450576454, E-Mail: chia@charite.de
  • Dr. phil. Ute Siebert, Interkulturelle Kompetenzen & Diversity: Tel.: 030 69508256, E-Mail: kontakt@siebert-interkulturell.de
  • IKUD-Seminare,
    Tel.: 0551 3811278,
    E-Mail: info@ikud-seminare.de
  • Panacea: Inhouseseminare, Te.l: epost@panacea4u.de,

Literatur

  • Tabea Schnepf: Hilfe, die ausländischen Ärzte kommen?! Eine ethnologische Untersuchung der Vorbereitung zugewanderter Ärzte auf den Arbeitsalltag in deutschen Kliniken. Magisterarbeit. Philosophische Fakultät, Universität Tübingen, 2013.
  • Patricia Hänel, Laura Fölske, Beate Muschalla, Eva Jansen: Herausforderungen und Chancen der sozialen Anbindung von migrierten Ärztinnen und Ärzten in der stationären Rehabilitation. In: Praxis Klinische Verhaltensmedizin und Rehabilitation. Lengerich: 2018 (104), 236–46.

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