ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2019Ausschleichen keinesfalls einfach
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Die Autoren lehnen die Begrifflichkeit Antidepressiva-Abhängigkeitssyndrom ab, da es einen anhaltenden Substanzkonsum trotz des Nachweises eindeutig schädlicher Folgen nicht gebe (1). Dies überzeugt nicht. Viele Betroffene nehmen Antidepressiva nur deshalb weiter und Schäden in Kauf (unter anderem emotionale Distanz, Gewichtszunahme, erhöhtes Blutungsrisiko, sexuelle Funktionsstörungen), um unangenehme Auswirkungen des Weglassens (namentlich Entzugssymptome) zu vermeiden. Nutzerbefragungen zeigen, dass das Ausschleichen von Antidepressiva üblicherweise mehrere Monate erfordert und keineswegs einfach ist (2). Aus jahrelanger praktischer Erfahrung wissen wir, dass Absetzversuche auch sehr oft abgebrochen werden. Oft provoziert das Weglassen dieser Medikamente im mehrmonatigen Nachgang Reboundsyndrome, die als erneute depressive Verstimmungen tituliert werden. Auch die Autoren sprechen von „Rückfällen“, obwohl sie doch gerade die Andrews-Studie zitieren, die Argumente für diese Reboundsyndrome liefert. Zudem erhärtet sich der klinische Verdacht langfristiger Medikamentenschädlichkeit hinsichtlich des Verlaufs depressiver Verstimmungen, wie die Züricher-Kohorten-Studie im 30-jährigen Beobachtungszeitraum zeigen konnte (3). Vermutlich sind hierfür auch die Reboundphänomene mitverantwortlich. All dies fordert eine möglichst kurze Nutzungsdauer oder, bei längerer Nutzung, das langsame Ausschleichen – ein Vorgehen, das wir auch bei anderen potenziell abhängig machenden Substanzen favorisieren.

Aus unserer Sicht ist der Weiternutzung im Wissen um deren Schädlichkeit neben dem Entzugssyndrom und der Toleranzentwicklung das zur Diagnose eines einfachen Abhängigkeitssyndroms erforderliche dritte Kriterium mehr als erfüllt. Dies würde den Betroffenen die lang verdiente Hilfe und Anerkennung gewähren, die die WHO bereits 1998 eingefordert hat (4). Dann können wir endlich die praxisrelevanten Fragen klären: Wie viele Wochen kann dieses oder jenes Antidepressivum überhaupt weitgehend gefahrlos angesichts seines jeweiligen Abhängigkeitspotenzials genutzt werden?

DOI: 10.3238/arztebl.2019.0677a

PD Dr. med. Dr. phil. Jann E. Schlimme, M.A.

Dr. med. Thomas Hummelsheim

Reinhard Andriske

(Mitglieder des Fachausschusses Psychopharmaka der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie), schlimme.jann@gmx.de

1.
Henssler J, Heinz A, Brandt L, Bschor T: Antidepressant withdrawal and rebound phenomena—a systematic review. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 355–61. VOLLTEXT
2.
Davies J, Read J: A systematic review into the incidence, severity and duration of antidepressant withdrawal effects: are guidelines evidence-based? Addict Behav 2019; 97:111–21 CrossRef MEDLINE
3.
Hengartner MP, Angst J, Rössler W: Antidepressant use prospectively relates to a poorer long-term outcome of depression: results from a prospective community cohort study over 30 years. Psychother Psychosom 2018; 87: 181–3 CrossRef MEDLINE
4.
World Health Organization: Recommended Inn List; 1998. http://apps.who.int/medicinedocs/documents/s14169e/s14169e.pdf (last accessed on 30 July 2019).
1.Henssler J, Heinz A, Brandt L, Bschor T: Antidepressant withdrawal and rebound phenomena—a systematic review. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 355–61. VOLLTEXT
2.Davies J, Read J: A systematic review into the incidence, severity and duration of antidepressant withdrawal effects: are guidelines evidence-based? Addict Behav 2019; 97:111–21 CrossRef MEDLINE
3.Hengartner MP, Angst J, Rössler W: Antidepressant use prospectively relates to a poorer long-term outcome of depression: results from a prospective community cohort study over 30 years. Psychother Psychosom 2018; 87: 181–3 CrossRef MEDLINE
4.World Health Organization: Recommended Inn List; 1998. http://apps.who.int/medicinedocs/documents/s14169e/s14169e.pdf (last accessed on 30 July 2019).

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